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Bad Düben Kurrende-Konzert am Sonntag im Heide-Spa Bad Düben: Es gibt noch Karten!
Region Bad Düben

Nach Corona-Absage: Bad Dübener Kurrende mit zweiten Konzert-Anlauf am Sonntag

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11:35 11.10.2020
DER Kultur-Tipp für Musikfreunde am Sonntag: Im Heide-Spa-Konzertsaal wird das Oratorium Die letzten Dinge“ von Louis Spohr aufgeführt. Ein großartiges Werk für Ohren und Sinne. Die Dübener Kurrende freut sich auf Zuhörer, es gibt noch Karten an der Tageskasse!Elisabeth Neumann
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Bad Düben

Es sollte die große Passionsmusik drei Wochen vor Ostern werden: Louis Spohrs Werk „Die letzten Dinge“ war für den 14. März in der Stadtkirche fest eingeplant. Doch dann kam Corona und die Allgemeinverfügung des Landkreises, die genau an diesem Konzerttag in Kraft trat und die Aufführung unmöglich machte. Schweren Herzens musste die Kurrende absagen: 80 Musiker und 150 Zuhörer waren selbst in der sehr geräumigen Stadtkirche ein zu großes Risiko.

Nur 24 statt 50 Kurrendaner beim Konzert am Sonntag

Nun also der zweite Anlauf: An einem ungewöhnlichen Tag, in kleiner Besetzung und an einem anderen Ort. Das Spohr-Konzert wird an diesem Sonntag um 17 Uhr im Heide Spa aufgeführt. Statt mit 50 bis 60 Sängern wird die Kurrende nur mit 24 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in den verschiedenen Stimmgruppen auftreten. Begleitet wird der Chor von der Torgauer Organistin Hildegard Saretz am Klavier sowie dem Kammerorchester musica juventa aus Halle, wohl aber auch in reduzierter Besetzung. Auch die Zuhörer müssen sich auf die Vorgaben des Hygienekonzepts einstellen: Das Platzangebot ist eingeschränkt (bitte den Vorverkauf nutzen!), die Stühle sind sehr luftig gestellt, bis zum Sitzplatz ist eine Maske zu tragen.

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Heide-Spa-Saal dank Belüftungsanlage idealer Ort

„Es ist natürlich schade, dass wir dieses großartige, geistliche Werk nicht wie im Frühjahr geplant in der Stadtkirche aufführen können. Wir sind aber dennoch sehr dankbar, dass es mit dem Heide Spa als Ersatzort geklappt hat. Schön, dass wir den großen Saal nutzen und endlich dieses Konzert singen dürfen“, sagt Kurrende-Vereinschef Ralf Hönemann. Wichtig sei, dass es für Musiker und Zuhörer kein unnötiges Risiko gebe. Und da habe der Heide-Spa-Saal mit seiner Frischluftzufuhr durch die Belüftungsanlage einfach einen sehr großen Vorteil.

Quelle: Hier üben jetzt die Kurrendaner: In der Stadtkirche St. Nikolai verteilen sich die Sänger im gesamten Kirchenschiff. Quelle: privat

Dübener Stadtkirche ist jetzt der neue Probe-Ort

Immerhin: Ein bisschen sakrale Stimmung kommt beim Spohr-Oratorium passenderweise bei den Chor-Proben auf. Die Stadtkirche ist seit Herbstbeginn der Probenraum für die Kurrendaner. In völlig ungewohnter Aufstellung verteilen sich die Sänger im gesamten Kirchenschiff und halten so genügend Abstand beim Singen. Am Sonnabend, einen Tag vor dem Konzert, soll hier an einem extra anberaumten Probetag noch intensiv am Feinschliff geübt werden.

Jeder Sänger soll bis Jahresende einen Auftrittserlebnis haben

Dass es für manchen Kurrendesänger dennoch ein Konzert mit traurigem Beigeschmack wird, weiß auch Vereinschef Hönemann: Die eine Hälfte muss verzichten. „Wir wollen dennoch, dass alle an dem Erlebnis teilhaben können und haben Freikarten an diejenigen verteilt, die diesmal pausieren müssen.“ Insgesamt hofft Hönemann, dass bei den noch ausstehenden Konzerten im November und Dezember jeder Sänger mal ein Auftrittserlebnis hat, der Chor wechselt dann in seiner Besetzung munter durch.

Er darf noch einmal ans Kurrende-Pult: Jan Weige übernimmt die musikalische Leitung am Sonntag. Die weiteren Konzerte dirigiert dann wieder Elisabeth Neumann – die Kantorin ist nach ihrem Babyjahr zur Dübener Kurrende zurückgekehrt. Quelle: privat

Weige statt Neumann am Sonntag am Kurrende-Pult

Mit einem lachenden und weinenden Auge dürfte auch Jan-Christoph Weige in das Konzert am Sonntag gehen. Die Aufführung der „Letzten Dinge“ sollte eigentlich der krönende Höhepunkt seiner Interimstätigkeit am Kurrende-Pult sein. Zugleich wollte der Kirchenmusik-Student hier seine Konzertprüfung ablegen, seine Professoren aus Halle hatten sich in Düben angekündigt. Nun aber kann Weige zumindest das Konzerterlebnis nachholen: Obwohl Kurrende-Kantorin Elisabeth Neumann aus dem Babyjahr zurückgekehrt und bei allen Proben dabei ist, überlässt sie Weige die musikalische Leitung am Sonntag.

Das Konzert verspricht ein musikalischer Leckerbissen zu werden. Das vor fast 200 Jahren uraufgeführte Werk erlebt seine Premiere in Bad Düben. Das chorsinfonische Werk besticht mit seinen kurzen, mehrstimmigen Soli und vor allem den sehr ausdrucksstarken Chören (siehe Infokasten). Oder, wie es Chorleiter Jan Weige damals im März vor der geplatzten Dübener Erstaufführung sagte: „Der Verzicht auf alles übersteigert Affektierte macht das Werk ehrlich“.

Louis Spohr: Der Erfinder des Taktstocks

Louis Spohr? Da müssen selbst Klassik-Musikfreunde einen Moment nachdenken. Wer dann auf Spurensuche geht, merkt schnell: Der 1784 in Braunschweig geborene Komponist, Geiger und Dirigent war eine Berühmtheit seiner Zeit. In einem Atemzug genannt mit Beethoven, Mozart oder „Teufelsgeiger“ Paganini. Und er war exzentrisch und selbstbewusst. Bleibenden Ruhm hat er sich aber vor allem durch eine Erfindung verdient: Seinem Taktstock. Bei einem Konzert 1820 benutzte er erstmal einen hölzernen Stab. Sehr zum Missfallen seiner Musiker übrigens: Die sollen gelästert haben, nun stehe ja ein Dompteur vor ihnen.

Dieser Spott ist längst Geschichte, der Taktstock ist heute aus den Konzerthallen in aller Welt nicht mehr wegzudenken. Der Komponist Spohr hat es dem Kurrende-Interimskantor Jan Weige aber aus einem anderen Grund angetan: „Auf der Suche nach einem geeigneten Werk für die Kurrende in der Passionszeit bin ich auf mehrere Werke aus Barock, Klassik und Moderne gestoßen. So richtig zufrieden war ich aber nicht.“ Bei Recherchen für einen Vortrag im Themenfeld „Oratorien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“ fiel Weige dann plötzlich das Spohr-Werk „Die letzten Dinge“ in die Hände – und ließ ihn nicht mehr los.

Die Werkgeschichte im Zeitraffer: 1825 übersandte der deutsche Dramatiker Friedrich Rochlitz ein Libretto aus biblischen Texten (hauptsächlich aus der Johannesoffenbarung) an Spohr, der zu der Zeit Hofkapellmeister beim Hessischen Kurfürsten Wilhelm II in Kassel war. In enger Zusammenarbeit mit Rochlitz komponierte Spohr das Oratorium in einem bis dahin nie dagewesenen Stil. Begleitete Rezitative, kurze mehrstimmige Soli und vor allem Chöre waren sein Ideal, der sich vom Zeitgeist löste. Das etwa 85 minütige Oratorium wurde am 24.März 1826 in der Lutherischen Kirche in Kassel uraufgeführt. Diese und die folgende Aufführung in Düsseldorf am Pfingstsonntag wurden ein überwältigender Erfolg.

Von Olaf Majer