Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Bad Düben Nordsächsin spricht über ihr Leben mit Borderline
Region Bad Düben Nordsächsin spricht über ihr Leben mit Borderline
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:58 06.09.2019
Anja Fuchs ist inzwischen so weit, dass sie offen über ihre Erkrankung spricht - sie ist Borderlinerin. Quelle: Anja Fuchs/Photoart-anjafuchs
Nordsachsen

Kennen Sie Igelbälle? Bestimmt. Ein Igelball ist so ein Ding, das fast jeder daheim hat, um es genauso verstauben zu lassen wie den Bauchwegtrainer oder die Eismaschine. Ein Igelball ist ein Gummiball mit vielen kleinen Noppen, es gibt ihn in allen möglichen Farben und Größen, im Grunde aber ist es nur noch so ein sinnfreies Plasteteil im Schrank. Für Anja Fuchs ist er Bestandteil ihrer Notfalltasche und kann fast lebenswichtig werden.

Die 36-Jährige ist Borderlinerin. Ihr Notfalltäschchen mit verschiedenen Utensilien hat sie immer dabei. Mit dem Igelball schafft sie sich in kritischen und besonders stressigen Momenten Ablenkung und Erleichterung, indem sie den kleinen Noppenball fest mit den Händen drückt, manchmal so fest bis es pikst und Abdrücke auf ihrer Haut hinterlässt.

Tasche gegen selbstschädigendes Verhalten

So ein Selbsthilfetäschchen hat wohl jeder Borderliner nach seiner Diagnose für sich gepackt. Darin können von scharf schmeckenden Bonbons über Lippenstifte mit unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen und Mittelchen wie Knetgummis, stechenden Düften und Gummibändchen, die man sich immer wieder ans Handgelenk schnipst, bis hin zu Stichwortkarten mit kleinen Handlungshilfen allerhand Dinge enthalten sein. Diese Dinge sind für Notfälle und haben das Ziel, möglichst schnell die entstehende Anspannung zu reduzieren, damit es nicht zu sozial störendem oder gar selbstschädigendem Verhalten kommt.

Ein Moment, in dem dies nötig wird, kann die große Familienrunde bei Kaffee und Kuchen genauso sein wie ein unerwarteter Besuch oder das Vorstellungsgespräch – es kann helfen, den Igelball ganz fest zu drücken. Manchmal ist das so wie bei „normalen“ Menschen, die sich während der Zahnarzt den Bohrer in den Zahn treibt mit den Fingernägeln einfach ins eigene Fleisch kneifen, um sich mit dem einen vom anderen Schmerz abzulenken. Nur der „normale“ Mensch ist resilienter gegenüber Stressfaktoren wie der großen Kaffeetafel, er empfindet diese ja nicht einmal als Stress.

Krankheit wie jede andere

Doch was ist schon „normal“? „Ich möchte nicht, dass diese Krankheit immer so totgeschwiegen oder aber total abgestempelt wird“, sagt die Anja Fuchs, „es ist genauso eine Krankheit wie Krebs. Eine Krankheit, die du überlebst oder eben nicht.“ Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) oder emotional instabile Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typs ist eine psychische Erkrankung. Typisch für sie sind Impulsivität, instabile zwischenmenschliche Beziehungen, rasche Stimmungswechsel und ein schwankendes Selbstbild wegen gestörter Selbstwahrnehmung.

Anja Fuchs blickt inzwischen optimistisch in die Zukunft Quelle: Anja Fuchs/Photoart-anjafuchs

Die Diagnose bekam die Nordsächsin voriges Jahr. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf bei Oschatz, wusste sie aber schon früh, dass etwas nicht stimmt beziehungsweise doch nicht so „normal“ ist wie bei anderen. Sie hatte immer das Gefühl, anders zu sein als andere. Nicht so unbeschwert. Nicht so frei. Nicht so angepasst. Anja lebt immer schon mit vielen Ängsten, mit Herzrasen und Übelkeiten, sie empfindet innere Leere, Wurzellosigkeit, es ist oft so, als würde sie an einem Abgrund stehen. Ihr fehlte und fehlt das Identitätsgefühl, ihre Stimmung schwankt, es fällt ihr manchmal schwer, mit anderen „normalen“ Umgang zu haben, oft kommt ihr ihre soziale Phobie oder die Depression dazwischen, sie ist emotional instabil und mitunter sarkastischer als es die meisten vertragen möchten.

Das Rauchen ist Anja noch als Laster geblieben, doch anderes schädigendes Verhalten hat sie abgestellt. Quelle: Anja Fuchs/Photoart-anjafuchs

Und manchmal weiß ein Borderliner einfach nicht, wer er ist und er versteht sich nicht so wie andere darauf, in sozialen Situationen angemessen zu reagieren. Daher fällt es Menschen wie Anja schwer, ein stabiles Selbstbild zu entwickeln und funktionierende Beziehungen zu führen. Das Denken und Fühlen ist von Extremen geprägt, die Dinge sind entweder Schwarz oder Weiß, Zwischentöne existieren nicht. Entwickelt sich dann eine Situation oder auch ein Mensch nicht gemäß den Erwartungen, verspürt ein Mensch mit BPS eine zunehmende starke Anspannung, der er sich am liebsten durch eine impulsive Handlung entledigen möchte. Oder er findet – gerade wenn er selbst noch nicht um seine Krankheit weiß – eben andere Wege. Bei Borderline denken viele zuerst an Selbstverletzung mit Ritzen, an zerkratzte Arme – doch es gibt so viele Arten mehr, sich selbst zu schaden.

Drogen und zu viel Sex

Anja hat Drogen konsumiert und Selbstverletzung mit zu viel Sex betrieben. Es gab wie bei den meisten Borderlinern auch bei ihr Suizidgedanken – nicht allzu konkret und mit einem bestimmten Plan, aber immer wieder tauchten da diese Gedanken auf, wie es wäre, wenn einfach alles vorbei und Ruhe wäre … zum Versuch, diesen Gedanken konkreter werden zu lassen und umzusetzen, ist es bei Anja glücklicherweise nie gekommen. Dennoch hat sie manchmal noch immer Angst, wenn sie alleine Auto fährt – Angst davor, was sie machen könnte …

Doch inzwischen kann sie zu ihrem Freund fahren, den sie in der Kur kennengelernt hat. Bald werden sie in ihrem Dorf zusammenziehen. Es ist aus so vielen Gründen ein großer Schritt für Anja. Jahrelang war sie auf der Suche nach dem perfekten Mann und einem Halt, den sie nie finden konnte, sie ist schädigende Beziehungen eingegangen und hat sich damit wiederum selbst verletzt. Nähe und Distanz – für Anja ist das wie bei jedem mit Borderline einfach zu schwer auszuloten.

Traumata können Ursache sein

Warum? Warum ich? Jeder mit einer Krankheit kennt diese Fragen. Inzwischen hat Anja verstanden, was dazu beigetragen hat, dass sie diese BPS-Erkrankung hat. Borderline kann von den Genen angefangen verschiedene Ursachen auch durch Umwelteinflüsse und Erfahrungen haben, vor allem Traumata tragen dazu bei, dass ein Mensch an Borderline erkrankt.

Anja ist eine junge Frau, die vor über 20 Jahren erleben musste, was zuletzt immer wieder für Schlagzeilen sorgte: sexuelle Übergriffe von Minderjährigen und Teenagern auf Alterskameraden, immer wieder sind in den vergangenen Wochen und Monaten solche Fälle publik geworden, gingen Vergewaltigungen von Kindern an Kindern durch die Medien. Anja war zwölf Jahre alt. Beim Zelten in dem Dorf, in dem sie aufwuchs und inzwischen wieder lebt, kamen fünf zwei Jahre ältere Jungs aus dem Dorf in ihr Zelt und vergingen sich an ihr. Anja ist bereit, über die Details der Tat zu sprechen, doch es braucht keine Details, um zu verstehen, was so etwas mit einem Menschen anrichtet und warum die Seele daran krank werden kann.

Streit unter Eltern erhöht BPS-Wahrscheinlichkeit

Hinzu kam eine nicht einfache Kindheit in einem Elternhaus voller Streit und schließlich die Trennung der Eltern. Eine Studie ergab, dass feindseliges Elternverhalten und Streit unter Eltern die Wahrscheinlichkeit von BPS erhöhen kann. Lange dachte Anja, sie sei schuld, schuld vor allem an dem Übergriff der Jungs. Erst als sie im Erwachsenenalter einen Artikel las, in dem es darum ging, bis wann man ein Kind ist, wurde ihr bewusst, dass sie damals erst recht als Kind doch gar keine Chance hatte. Jahrelang hat sie geschwiegen, jetzt spricht sie über ihr Schicksal.

Therapie als Weg

Was bedeutet Borderline?

Die Bezeichnung Borderline-Persönlichkeitsstörungen (borderline: „Grenzlinie) hat ihren Ursprung daher, weil man Betroffene nach psychoanalytischem Verständnis in eine Art Übergangsbereich von neurotischen und psychotischen Störungen ansiedelte, da Symptome aus beiden Bereichen identifiziert wurden. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist selbst für erfahrene Fachärzte in der Praxis oft schwer zu erkennen. Sie wird daher häufig erst nach mehrjähriger Behandlung wegen anderer, im Vordergrund stehender Beschwerden wie Ängsten oder Depressionen korrekt diagnostiziert. Bei der Borderline-Störung handelt es sich um eine Persönlichkeitsstörung, die durch Impulsivität und Instabilität von Emotionen und Stimmung, der Identität sowie zwischenmenschlichen Beziehungen charakterisiert ist. Es handelt sich um ein schwerwiegendes psychiatrisches Krankheitsbild, das auch als emotional instabile Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typs bezeichnet wird. Menschen, die an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden, fühlen sich innerlich zerrissen, haben ein gestörtes Selbstbild und eine gestörte Körperwahrnehmung. Sie leiden unter massiven Ängsten vor dem Alleinsein und instabilen Beziehungen. Betroffene erleben sich als Opfer ihrer eigenen heftigen Stimmungs- und Gefühlsschwankungen, was zu extremer innerlicher Anspannung führen kann. Selbstverletzungen, Drogeneinnahmen und hoch riskante Aktivitäten lindern die Anspannung, schaffen aber das nächste Problem. Es gilt als gesichert, dass ein Zusammenspiel zwischen genetischen Faktoren und in vielen Fällen frühen traumatischen Erfahrungen für die Entstehung der Borderline-Störung verantwortlich ist. An einer Borderline-Störung leiden etwa 3 Prozent der Bevölkerung. Die ersten Anzeichen treten meist schon im Jugendalter auf. Es scheinen etwa gleich viele Männer wie Frauen betroffen zu sein, auch wenn sich deutlich mehr Frauen in eine Therapie begeben. Ein Großteil der Betroffenen hat mindestens einen Suizidversuch verübt.

Anja war in einer Klinik und sie ist weiterhin in Behandlung, sie ist stets in engem Kontakt zu ihrer Psychologin. Sie lernt zurechtzukommen. Es gab in den vergangenen Jahren Momente, in denen weinte sie alle Tränen, die sie als Kind und Jugendliche nicht geweint hat. Heute ist Anja eine nach außen hin starke Frau, sie ist offen und direkt, weiß mit ihren Mitmenschen regelrecht charmant umzugehen, ist eine angenehme Gesprächspartnerin. Sie hat sich mit der Fotografie selbstständig gemacht, erzählt Geschichten mit ihren Bildern, hält Hochzeiten und anderes für die Ewigkeit fest. Sie nennt Fotografie das, was sie am Leben hält, so krass das auch klingen mag. „Borderline“ steht definitiv nicht auf ihrer Stirn. Dahinter steckt harte Arbeit. Sie lernt, mit ihrer Krankheit umzugehen, ist gut darin, sich selbst zu reflektieren.

Jeder Tag ein Kampf

Es ist ein harter Weg und jeder Tag sei ein Kampf, sagt Anja. Doch jeden Morgen kann sie einen neuen Tag beginnen. Achtsamkeit ist dabei ein ganz großes Stichwort. „Das gelingt mir sehr gut auf meinem kleinen Dörfchen“, erzählt Anja – Vogelgezwitscher, das Rauschen der Blätter im Wind, der weite Himmel … es beruhigt sie. „Ich kommuniziere viel und will den Dingen auf den Grund gehen“, sagt sie.

Und sie wünscht sich, dass Borderline in der Gesellschaft mehr besprochen und letztlich anerkannt wird. Und vielleicht, hofft sie, könne sie anderen Betroffenen ein Beispiel sein, sich der Krankheit zu stellen oder überhaupt zu erkennen, dass sie sie haben. Von da an erst kann es aufwärts gehen, so wie bei Anja.

Von Christine Jacob

Am Natursportbad in Bad Düben wird bald wieder gebaut. Vor der neuen Freizeiteinrichtung entsteht ein Wanderrastplatz. Auch der Termin für den Baustart steht jetzt schon fest.

05.09.2019

In einem Waldstück zwischen Reibitz und Wellaune hat ein unbekannter Täter trockenes Holz entzündet und so einen Waldbrand verursacht. Nun ermittelt die Polizei.

05.09.2019

Am Sportplatz Durchwehnaer Straße in Bad Düben gibt es jetzt einen Platz zum Grillen. Genutzt werden kann er von allen. Geld kommt aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben“. Allerdings hat auch jeder Nutzer eine Verpflichtung.

05.09.2019