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Bad Düben Strafverfahren gegen Kita-Erzieherinnen in Kossa eingestellt
Region Bad Düben Strafverfahren gegen Kita-Erzieherinnen in Kossa eingestellt
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10:57 24.04.2018
In der Kossar Awo-Kindertagesstätte „Am Regenbogen“ kam es Ende 2016 zu den Vorfällen. Quelle: Steffen Brost
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Eilenburg/Kossa

Vor anderthalb Jahren sorgten Vorfälle in der Kossaer Kindertagesstätte „Am Regenbogen“ für Aufsehen. Körperverletzung, Beleidigung, Nötigung und Misshandlung von Schutzbefohlenen – so lauteten die Vorwürfe, die Eltern gegen vier Erzieherinnen erhoben. Sie waren schwerwiegend. Das sah auch die Staatsanwaltschaft so und stellte Strafbefehle zwischen 1500 und 4000 Euro zu. Gegen diese gingen drei der vier angeklagten Erzieherinnen in Widerspruch. Jetzt wurde der Fall am Eilenburger Amtsgericht verhandelt.

Die Verhandlung, die 15 Eltern sowie Familienangehörige der Angeklagten am Donnerstag im Saal verfolgten, dauerte keine zwei Stunden. Dann stellte Richterin Carmen Grell das Verfahren gegen die drei Erzieherinnen gegen Zahlung von je 1500 Euro an drei gemeinnützige Organisationen ein.

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Schwere Vorwürfe

In der Anklageschrift warf die Staatsanwaltschaft allen drei Frauen unangemessene Reaktion vor. Eine schlug nach einem Jungen, der nach Essen griff. Einem anderen Jungen, der sich eingekotet hatte, schrie sie an, dass er sie „ankotzt“. Und dann drohte sie in einem weiteren Fall Kindern den Mund mit Pflaster zuzukleben, wenn sie nicht leise sind.

Der anderen Angeklagten warf die Staatsanwaltschaft ebenso eine unangemessen Reaktion vor. Sie stieß einem Mädchen und einem Jungen, die nicht essen wollten, mit einem vollen Löffel immer wieder gegen den Mund, bis sie schließlich den Mund aufmachten und das Essen hereingeschoben bekamen. Doch beide spuckten die Nahrung wieder aus. Im weiteren Verlauf schrie die Erzieherin den Jungen an, dass sie ihn nicht mehr sehen wolle.

Der dritten Erzieherin wurde vorgeworfen, einem Jungen an der Garderobe, der seine Sachen nicht anziehen wollte, mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen zu haben. Einem anderen drohte auch sie mit Pflaster den Mund zuzukleben, wenn er nicht ruhig sei.

Erzieherinnen schweigen vor Gericht

Richterin Carmen Grell stellte fest, dass alle, auch die vierte Beschuldigte, den erlassenen Strafbefehl erhalten haben und drei Erzieherinnen dagegen in Widerspruch gingen. Die vierte Erzieherin hatte zuvor den Strafbefehl samt Geldstrafe akzeptiert. Sie befindet sich mittlerweile in Rente. Auf die Frage, ob sich die Angeklagten auf die Tatvorwürfe einlassen und dazu etwas sagen, gaben die Anwälte zu Protokoll, das sich niemand äußern wolle.

„Ob die Vorwürfe nun so stimmen, ist nicht klar. Sie sind nicht vorbestraft. Deswegen ist eine Einstellung gegen eine Geldstrafe möglich. Allerdings räume ich ihnen diese Möglichkeit nur ein, wenn sie sich zum Geschehen einlassen und etwas sagen. Es liegt aber an ihnen, ob sie diesen Weg gehen wollen“, so Grell zu den drei Frauen.

Erst mit dem Vorschlag der Einstellung gegen eine Geldstrafe und einer kurzzeitigen Unterbrechung, in der die Betroffenen sich mit ihren Anwälten berieten, kam es zur Einlassung zum Geschehen. Alle drei Frauen ergriffen jedoch nicht selbst das Wort, sondern ließen ihre Anwälte für sich reden. Die Anwälte gaben ein pädagogisches Fehlverhalten ihrer Mandantinnen zu. Als Grund der Überreaktionen führten sie Stress, Überforderung und Personalnot an. Die Anwälte entschuldigten sich im Namen ihrer Mandantinnen bei den Kindern und Eltern für ihr Fehlverhalten und bestätigten, dass sie zu keiner Zeit einem Kind schaden wollten.

Awo zieht keine weiteren Konsequenzen

Der Staatsanwalt gab dann ebenso seine Zustimmung zur Einstellung des Verfahrens. „Die vorgeworfene Misshandlung von Schutzbefohlenen konnte nicht bestätigt werden. Deswegen gibt es kein Interesse an einer weiteren strafrechtlichen Verfolgung“, sagte er. Gegen Zahlung von jeweils 1500 Euro an den Deutschen Kinderschutzbund Oschatz, das Christliche Kinderwerk Leipzig und den Deutschen Kinderschutzbund Leipzig stellte Richterin Carmen Grell das Verfahren ein.

Die drei Frauen arbeiten bis heute in den Kindereinrichtungen der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Delitzsch, Bad Düben und Authausen/Pressel. „Mit dem heutigen Urteilsspruch und der Einstellung des Strafverfahrens endet für uns als Arbeiterwohlfahrt ein anderthalb Jahre dauernder Zustand der Ungewissheit“, sagte Marko Schreiber, Geschäftsführer des Awo-Kreisverbandes Nordsachsen, als Reaktion auf den Ausgang der Verhandlung. „Wichtig für uns als Arbeitgeber ist, dass unsere Mitarbeiterinnen durch diese Entscheidung weiterhin in ihrem Beruf tätig sein dürfen. Für die Zukunft wollen wir natürlich so gut wie möglich sicherstellen, dass es nicht wieder zu solchen Situationen kommt. Hierfür haben wir in einem ersten Schritt die Leitungsstrukturen in unserem Haus verändert, sodass die Einrichtung in Kossa jetzt über eine separate Leiterin verfügt. Des Weiteren haben wir in unserem Verband die Stelle einer Fachberatung für unsere Kindertagesstätten geschaffen, die dazu beitragen soll, die Qualität unserer pädagogischen Arbeit weiter zu verbessern.“

Elternbeirat unzufrieden

Der Elternbeirat der Kossar Kindertagesstätte sieht die Sache etwas anders: Das Ergebnis der Verhandlung ist für die Elternvertretung „unzufriedenstellend“, teilte der Beirat auf Anfrage mit. „Die Begründung, dass die Taten aufgrund Personalmangels und Überlastung der Erzieherinnen begangen wurden, ist für uns nicht vertretbar, da sich unseres Erachtens pädagogisches Fachpersonal auch in Stresssituationen angemessen verhalten muss. Angesichts des gegenwärtigen Erziehermangels lässt diese Begründung für die Zukunft nichts Gutes erahnen.“ Auch die vorgebrachten Entschuldigungen der Anwälte seien nicht glaubwürdig. Vielmehr hätten die persönlich von den Erzieherinnen kommen sollen. „Es bleibt zu hoffen, dass die Awo-Geschäftsführung ihr Wort hält und personalrechtliche Konsequenzen aus dem Sachverhalt zieht und damit ein Statement setzt, dass solche Handlungen durch Fachpersonal nicht geduldet werden“, so der Beirat. Doch dazu wird es wohl nicht kommen.

Von Steffen Brost