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Bad Düben Zu Besuch bei Christoph Hein: Der Guldenberg-Chronist aus Bad Düben
Region Bad Düben Zu Besuch bei Christoph Hein: Der Guldenberg-Chronist aus Bad Düben
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18:50 17.04.2019
Christoph Hein beim Interview in seinem Haus in Havelberg Ende März 2019.
Christoph Hein beim Interview in seinem Haus in Havelberg Ende März 2019. Quelle: Majer, Olaf
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Havelberg/Bad Düben

Ein einsames weißes Haus duckt sich hinter einer hohen Hecke. Doch auf der Terrasse weitet sich der Blick: Die herrliche Havellandschaft mit ihren weitverzweigten Flussläufen streckt sich bis zum Horizont. Wer Christoph Hein in Havelberg besucht, trifft ihn in einem Refugium voller Natur und Abgeschiedenheit an. „Hier komme ich zum Schreiben, in Berlin nicht“, sagt der 75-Jährige. Und es ist wieder eine Kleinstadt, die an Bad Düben, den Ort seiner Kindheit erinnert.

Räuber des Nachtschlafs

Aber wie nähert man sich dem Menschen und Autoren Christoph Hein? Geboren 1944 in Heinzendorf/Schlesien, aufgewachsen in der sächsischen Kleinstadt Bad Düben, groß geworden am Theater und noch größer in seinen literarischen Werken. Dem meist so distanziert wirkenden Chronisten, der gleichwohl mit atemberaubender Präzision Charaktere schafft, die rastlosen Lesern verlässlich den Nachtschlaf rauben.

Es gibt Künstler, die es einem leichter machen, die selbst dafür sorgen, dass sie als geöffnetes Buch vor dem Betrachter liegen. Wolf Biermann zum Beispiel, der Drachentöter, der nie verhärten wollte. Und doch mit hartem Lachen „dem traurigen Rest“ der linken „Drachenbrut“ im Bundestag bei der Feierstunde „25 Jahre Mauerfall“ 2014 nochmal zu Leibe rückte. Oder der 2015 verstorbene Günter Grass, der gern als „Bürger Grass“ blechtrommelnd das moralische Gewissen der Republik gab. Bis er sich im Krebsgang sehr langsam und sehr spät seiner eigenen befleckten Vergangenheit näherte. Und schließlich beim Häuten der Zwiebel so manche Krokodilsträne über sich selbst vergoss.

Großer Moment im April 2011: Der Schriftsteller Christoph Hein (links) bekommt von Pfarrer Jörg Uhle-Wettler und Bürgermeisterin Astrid Münster die Ehrenbürgerschaft der Stadt Bad Düben verliehen. Quelle: Manfred Lüttich

Heftige Auseinandersetzung mit Henckel von Donnersmarck

Auf Christoph Hein passt nicht dieses eine, alles beschreibende Etikett. Vermutlich hat er genau daran seine Freude, gerade diesen Gefallen anderen nicht zu tun. Aktuell wird dieser Unwille zur Fremddeutung deutlich in der Auseinandersetzung mit Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck. In seinem aktuellem Buch „Gegenlauschangriff“ schildert Hein die Begegnung mit ihm – und wie er sich später verfremdet im Film „Das Leben der Anderen“ wiederfand. Hein wollte aber nicht als Vorlage für ein Hollywood-Melodram dienen, in dem allzu schroff in schwarz und weiß die Rollen zwischen verfolgten Oppositionellen und bösen SED-Stasimächten überzeichnet sind. Dass Hein in seiner bitteren Replik auf den Oscar-prämierten Streifen offenbar seine namentliche Erwähnung im Film-Abspann mit dem Vorspann verwechselte, diente als willkommener Anlass zum grundsätzlichen Gegenschlag. Dass Hein im Donnersmarck-Kino ein verfilmtes „Gruselmärchen“ der späten DDR-Jahre sah, welches eher an Tolkiens Fantasy-Sagen erinnere, ging seinen Kritikern dann doch entschieden zu weit.

Hein provozierte Widersprüche

Dabei hätte man Heins Zorn über derartige Vereinnahmungen wissen können. Im Grunde wollte er nie ein anderer, sondern immer nur er selbst sein. Er wagte sicher mehr als manch anderer – und war dennoch kein Oppositioneller in der Radikalität Biermanns. Eher eine kritische Antwort auf den Staat, dem er einiges literarisch vorhielt und der ihn dennoch aushielt. Das provozierte immer auch Widersprüche. Der Pfarrerssohn, nie Mitglied einer Partei, hielt bereits 1987 vor dem DDR-Schriftstellerkongress seine mutige Rede gegen die Zensur und geißelte sie offen als nutzlos, menschenfeindlich und strafbar. Lesereisen in den Westen durfte er dennoch antreten, seine Bücher wurden gedruckt und verbreitet. Selbst „Horns Ende“ erschien – ohne offizielle Druckerlaubnis, aber immerhin in schnell vergriffener Kleinauflage. Im Revolutionsherbst adelte er Leipzig als „Heldenstadt“ und stand gemeinsam mit DDR-Oppositionellen auf der improvisierten LKW-Bühne am 4. November 1989 in Ost-Berlin. Dem Aufruf „Für unser Land“ verweigerte er trotzdem seine Unterschrift.

„Der Schriftsteller ist kein Prediger“

„Ja, ich verstehe mich als Chronist, der mit großer Genauigkeit aufzeichnet, was er gesehen hat“, so beschrieb er sich einmal im März 1990. Und stellte zugleich klar: „ Aber der Schriftsteller ist kein Prediger, der den Sachverhalt, den er darstellt, auch noch kommentiert.“ Vielleicht ist es das, was Hein am nähesten beschreibt: Er ist Chronist, kein Moralist. Allein seine Figuren sollen erzählen, eine Entwicklung zeigen, zum Widerspruch reizen. Und das gelingt meisterhaft. Von der scheinbar unverwundbaren und dabei völlig isolierten Ärztin Claudia im Sensationserfolg „Der fremde Freund“ (1982) bis zum schrägen Autohändler „Willenbrock“ (2000). Vom ewig hadernden und heillos überforderten Uni-Dozenten Stolzenburg in „Weiskerns Nachlass“ (2012) bis zu den verklemmten, erpressten Kompromissen des homosexuellen Friedeward in „Verwirrnis“ (2018).

Dabei ist Hein präzise wie kaum ein anderer. Was ihm oft als kühle und spröde Sachlichkeit unterstellt wird, ist in Wahrheit penible Fleißarbeit: Er recherchiert genau, manchmal bis in russische Staatsarchive hinein wie beim „Trutz“ – jenem großartigen Geschichtsroman über den Stalinismus und seinen Gewaltorgien gegen Emigranten. Und dennoch gelingt ihm die Kunst, daraus eine beispielhafte und wunderbar erzählte Geschichte zu machen.

Hein erlebte seinen Vater von der Dübener Kirchenkanzel

Einige Fixsterne halten das große Universum des Geschichtserzählers Hein zusammen. Da ist seine Faszination für die Vätergeneration, die sich wie ein roter Faden durch seine Werke zieht. Am deutlichsten sicher im „Glückskind mit Vater“ – das Schicksal eines Jungen, der zeitlebens der Kriegsverbrecher-Vergangenheit seines Vaters nicht entkommt. Hein nennt das selbst ein „egoistisches Geschichtsbewusstsein“: „Man will seine Väter kennen, um sich zu erfahren.“

Seinen eigenen Vater erlebt Hein oft von der Kanzel in Bad Düben: Er ist Pfarrer, hochgeachtet, vielbeschäftigt. „Meine freien Sonntage begannen oft erst am Nachmittag. Am Vormittag saßen mein Bruder und ich im Gottesdienst, während die anderen am Fußballplatz standen. Der Vater ließ seinen Blick kreisen, ob wir auch mitsingen“, erzählte er mal in seiner alten Heimat. So etwas prägt, auch zur Disziplin: Hein ist Frühaufsteher, seine Arbeit in der Havelberger Schreibstube beginnt meistens gegen 6 Uhr am Morgen.

Gemeinsam mit seiner Familie besuchte Christoph Hein im März 2016 (Zweiter von rechts) anlässlich der Bücherübergabe das Landschaftsmuseum Bad Düben. Quelle: privat

Der Weg zur Dübener Ehrenbürgerschaft ist kein leichter

Und da ist Heins Fixpunkt Guldenberg, jene fiktive Kleinstadt, die in Heins vielleicht bestem historischen Schicksalsroman „Landnahme“ noch einmal eine tragende Rolle spielt. Die Anlehnung an den Kindheitsort Bad Düben ist unübersehbar, wenn auch nicht deckungsgleich. Dennoch: Er macht sich mit seiner Schilderung eines engen, oft verlogenen Kleinbürgermilieus nicht nur Freunde in dem nordsächsischen Ort. Der Weg zur Ehrenbürgerschaft, die er 2011 verliehen bekommt, ist kein leichter. Nicht alle im Stadtrat wollen anfangs dem Drängen der Kirchgemeinde folgen. Heute ist das vergessen: Die Stadt ist stolz auf ihren Autoren. Dübener Schüler arbeiten gerade an einem Hein-Projekt. Eine Festveranstaltung zum 75. Geburtstag wird ausgerichtet: Zusammen mit dem Liedermacher und Freund Hans-Eckhard Wenzel wird Hein am 26. April auf der Bühne des Heide-Spa-Konzertsaals stehen.

Guldenberg gleich Düben? „Das war mir zu keck“

Doch warum ist inzwischen eigentlich Schluss mit „Guldenberg“? „Weil ich es so wollte“, sagt Hein beim LVZ-Gespräch in seinem Haus in Havelberg. Eigentlich sollten es sogar zehn Guldenberg-Bücher werden. „Im elften wollte ich dann nur noch einen Stadtplan bringen, mit der Beschreibung der einzelnen Handlungsorte. Aber irgendwann kam die Presse auf den Dreh, immer mehr Parallelen zwischen meinem Bad Guldenberg und dem tatsächlichen Bad Düben zu suchen. Das fand ich keck, darauf hatte ich keine Lust mehr.“ Also wurde „Glückskind mit Vater“ in eine andere Stadt verortet, obwohl eigentlich wieder Guldenberg geplant war.

Konzert mit Wenzel am 26. April im Heide Spa

Der Liedermacher Wenzel war es übrigens, der eine der schönsten Lebensweisheiten Heins vertonte, zu hören auf dem Album „Masken“. „Was hab ich verstanden von dieser Welt? Nur wenig und alles zu spät. Versuchte zu halten, das was sich nicht hält, hat längst schon der Wind verweht.“ Auch das ist Hein: Ein Chronist mit feiner Selbstironie, der dem schützenden Drachenblut misstraut und den selbstgerechten Moralisten sowieso. Auf der siegreichen Seite wollte er nie stehen, immer nur auf seiner eigenen. Selbst wenn die sich später als falsch erweist. Eine Suche nach Klarheit in Wahrheit. Alles andere ist das Leben der Anderen.

Tickets für Hein und Wenzel in Bad Düben

Tickets für die Veranstaltung im Dübener Heide Spa am 26. April, 19 Uhr, „Christoph Hein liest, Wenzel singt und spielt“ gibt es zum Preis von neun Euro bei der Ticketgalerie in den LVZ-Geschäftsstellen Eilenburg, Delitzsch und Leipzig, im Heide Spa, im Rathaus Bad Düben und in der Touristinformation Bad Düben.

Von Olaf Majer