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Borna 40 Jahre Station in Borna: Patient und Chefarzt erinnern sich
Region Borna 40 Jahre Station in Borna: Patient und Chefarzt erinnern sich
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09:49 24.10.2018
Am Dialyse-Krankenbett betreut hier Schwester Evelin Henoch den Patienten Rudolf Kästner.
Am Dialyse-Krankenbett betreut hier Schwester Evelin Henoch den Patienten Rudolf Kästner. Quelle: Jens Paul Taubert
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Borna

Nierenversagen galt lange Zeit als Todesurteil. Bis ein findiger Mediziner eine Maschine baute, die das Blut von Giftstoffen im Körper reinigen konnte. Mit einfacher Technik zu DDR-Zeiten konnte jedoch nicht jedem Patienten geholfen werden.

Dialyse früher: Kampf um Bornaer Station in den 1970er Jahren

Dr. Peter Wolf, ehemaliger Chefarzt der inneren Abteilung im Bornaer Krankenhaus, war in den 1970er Jahren der Meinung, dass seine Klinik unbedingt eine Dialyse-Station braucht. Zu jener Zeit habe es in der Region nur vier davon gegeben: in der Uni-Klinik und im Krankenhaus St. Georg in Leipzig sowie in Bad Düben plus eine Kinder-Station in Leipzig-Abtnaundorf. „Wir hatten viele Dialyse-Patienten, konnten aber hier nichts anbieten“, erinnerte sich der Chefarzt im Ruhestand.

Er sei deswegen bis nach Berlin gefahren und auch vor Ort habe es viele Schwierigkeiten gegeben. Die Technik für die Dialyse – aus heutiger Sicht auf allereinfachstem Niveau – musste die DDR importieren, was teuer war. Es ist kein Geheimnis, dass nur ein Teil der Nierenkranken zu DDR-Zeiten eine Dialyse-Behandlung bekommen konnte.

Mit einfachster Technik arbeiteten in den 1970er Jahren die Krankenschwestern Evelin Henoch, Almut Lange und Elke Curian (von li.) in Borna. Quelle: privat

Im Oktober 1978 war es soweit. Mit großem Tamtam wurde die neue Bornaer Station eingeweiht. Für das Personal eine besondere Zeit. Wie ihre Kolleginnen absolvierte Elke Curian eine Ausbildung zur Fachschwester für Dialyse- und Nierentransplantation. „Das Problem war, dass wir vor Ort niemanden fragen konnten, wenn es um die praktischen Dinge ging“, sagte sie. Die Nacht vorm ersten Einsatz hätte das Personal vor lauter Aufregung kaum geschlafen.

Damals sei die Technik noch so unausgereift gewesen, dass Dialyse viel Handarbeit bedeutete. Auch wurden die künstlichen Nieren bis zu viermal beim gleichen Patienten verwendet – ein Unding heute. Für Patienten hat sich inzwischen vieles verbessert, zum Beispiel für Rainer Frank.

Schicksal: Wie Rainer Frank seit 34 Jahren mit der Krankheit lebt

Im Sommer 1984, kurz vor den großen Ferien, kam der 16-jährige Rainer Frank vom Fußballtraining und wunderte sich über seine geschwollenen Füße. Der Jugendliche aus Deutzen bei Borna ging zum Arzt, sein Blut wurde untersucht. Ergebnis: Er litt an einer chronischen Nierenentzündung.

Die gesamten acht Wochen Sommerferien lag er in der Leipziger Uni-Klinik. Danach bekam er bestimmte Medikamente – und konnte seine Lehre als Feinmechaniker im Werk in Regis-Breitingen beginnen. Regelmäßig musste er zur Kontrolluntersuchung. Dialyse bekam er nicht. „Es gab zu wenige Plätze und meine Erkrankung war nicht schlimm genug“, sagte er.

Das änderte sich nach der Wende. Dialyse gehörte von nun an zu seinem Alltag. Bisher hat der heute 50-Jährige 24 Jahre Dialyse hinter sich, ein halbes Leben. Das bedeutet: Vier bis fünf Stunden durchläuft sein Blut eine künstliche Niere und wird dort gereinigt. Dreimal pro Woche.

Viele Jahre kam Patient Rainer Frank, hier mit Dr. Sabine Nötzold, dreimal pro Woche in die Dialyse-Station der Bornaer Klinik. Heute wird er ambulant behandelt. Quelle: Jens Paul Taubert

Mit der Behandlung vor Jahrzehnten sei das heute nicht mehr zu vergleichen: „Das hat sich viel getan. Die Maschinen sind moderner und für den Patienten ist es einfacher geworden.“ Er ging stets normal arbeiten, „zur Dialyse bin ich meist nach der Arbeit so halb sechs gegangen“.

Bereits 1992 meldete er sich für eine Nierentransplantation an. Ein Jahr später hätte es klappen können – wegen eines Missverständnisses jedoch war er am falschen Ort. „Die Niere ging aber nicht verloren, ein anderer hat sie bekommen“, sagte er.

1997 war zwar die Transplantation erfolgreich. Doch das Organ zersetzte sich im Laufe der nächsten Jahre. „Es wurde herausgefunden, dass bei mir ein Gendefekt vorliegt“, so der Patient. Weil er falsche Medikamente bekam, habe die fremde Niere nicht langfristig funktionieren können. Von nun musste er wieder dreimal in der Woche zur Dialyse.

Die zweite Niere erhielt er von seiner Schwester. Sie hatte ihm dies schon Mitte der 1990er Jahre angeboten. Doch dem Bruder war es recht, dass es dazu erst kam, als die Kinder seiner Schwester geboren und größer waren. Er hatte ab 2008 arge Beschwerden. Erneut bot die Verwandte ihre Hilfe an. Nach umfangreichen Untersuchungen, Gesprächen mit Psychologen und einer Ethik-Kommission kam es am 30. März 2011 zur Transplantation. Bis heute fährt er mit seiner Schwester zu Veranstaltungen, wo Spender und Patienten zusammen kommen.

Diesmal war die OP langfristig erfolgreich. Nur ganz selten, zum Beispiel hatte er kürzlich eine Lungenentzündung, muss er vorübergehend zur Dialyse.

Heute: Ambulante und stationäre Behandlung mit Hightech ist Standard

In Borna wie in anderen Städten wird die Nierenbehandlung seit längerem auch ambulant angeboten. Klinikpatienten werden weiterhin auf der Station behandelt, alle anderen Betroffenen gehen in Borna in die Brauhausstraße zur ambulanten Dialyse.

In den vergangenen 40 Jahren wurden im Bornaer Krankenhaus 102.664 Dialysen durchgeführt, sagte Oberärztin Dr. Sabine Nötzold. In Spitzenzeiten seien bis zu 40 Patienten pro Tag behandelt worden. Heute hat die Station noch fünf Betten. Dialyse für Kranke, die in der Klinik liegen, sei rund um die Uhr möglich.

„Die Zahl dieser Patienten hat generell zugenommen“, so die Oberärztin. Bei vielen älteren Leute mit verschiedenen Vorerkrankungen – wie Herzschwäche oder Diabetes – funktioniert oft auch die Niere nicht mehr ausreichend.

Dieser symbolische Schlüssel wurde vor vierzig Jahren bei der Einweihung der Dialyse-Station in Borna überreicht. Quelle: Jens Paul Taubert

Trotz neuer Niere muss Patient Rainer Frank hin und wieder zur ambulanten Dialyse. „Wenn man sich an die Spielregeln hält, kann man mit dieser Krankheit alt werden und trotzdem aktiv sein“, sagte er. Ein Dialyse-Patient wanderte vor Jahren 600 Kilometer von München nach Venedig, um Betroffenen Mut zu machen. Engagement kommt auch von gesunden Menschen. So radelten Leipziger Medizin-Studenten in diesem Jahr für eine Spendenaktion vom Gardasee bis nach Leipzig, um nierenkranken Kindern zu helfen.

Wichtig sei vor allem, Essen und Trinken einzuschränken, so Frank. Ausnahmen sind erlaubt: Er kennt so manchen, der Schokolade, Nüsse, Banane oder eine Flasche Cola mit zur Dialyse bringt: „Während der Entgiftung dürfen wir das.“

Von Claudia Carell

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