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Borna Darum brennt die Fackel bei Dow in Böhlen so oft
Region Borna Darum brennt die Fackel bei Dow in Böhlen so oft
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09:19 15.04.2019
Anfang April brannte die Hochfackel in Böhlen mit schwarzem Qualm. Quelle: Susi E. Berger
Leipzig/Böhlen

In unregelmäßigen Abständen flackert es auf, das Feuer in großer Höhe über dem Chemiepark Dow bei Böhlen. Es ist die Hochfackel des Werks, die dann brennt. Mal raucht sie nur leicht, mal dringt dicker schwarzer Ruß aus dem schlanken stählernen Turm und sorgt für Aufregung. Was genau steckt hinter dem Phänomen? Und: Warum genau brennt die Fackel?

Die Dow-Werke in Böhlen

In den Dow-Werken werden chemische Grundstoffe hergestellt, die sich später in den unterschiedlichsten Produkten unseres Alltages wiederfinden: Von Klebezetteln über Fliesenkleber bis hin zu Wegwerfwindeln und Getränkeflaschen. Die verschiedenen Werke des Dow-Verbandes in Schkopau, Böhlen, Leuna und Teutschenthal verarbeiten dafür verschiedene Chemikalien, die durch ein Pipeline-Netz von einem Standort zum nächsten fließen. In Böhlen findet sich das Herzstück der Anlagen, der sogenannte Steam Cracker, zu Deutsch: Dampfspalter.

Die Hochfackel des Chemiebetriebs Dow in Böhlen brannte Anfang April mit viel schwarzem Qualm

Der Steam Cracker in Böhlen

Dieses Bild zeigt das Chemiewerk bei Böhlen in den 90er Jahren. 1995 hatte der amerikanische Chemiekonzern Dow die Anlage übernommen. Hin und wieder besteht die . Quelle: Wolfgang Kluge

In ihm werden chemische Grundstoffe produziert, die später in der Kunststoffproduktion nötig sind. Dazu wird Rohbenzin, auch Naphta genannt, auf sehr hohe Temperaturen erhitzt, mit heißem Wasserdampf (englisch: steam) versetzt und auf diese Weise “aufgebrochen“. Diesen Prozess nennt man Dampfspaltung oder eben Steam Cracking.

Es ist ein sehr komplexer, stetig laufender Vorgang: Das Rohbenzin fließt dabei in einem regelmäßigen Strom durch Pipelines aus Rostock in die Anlage nach Böhlen. Dort wird es mit bis zu 200 Grad heißem Dampf versetzt, anschließend wird das Gemisch hohem Druck ausgesetzt und in einzelne Bestandteile zerlegt. Endprodukte in Böhlen sind die Kohlenstoffverbindungen Ethylen und Propylen, die anschließend als Gase in andere Pipelines ablaufen und in den nächsten Werken weiter verarbeitet werden.

„Die Crackprodukte werden in einem komplexen, vielstufigen Destillationsablauf in hochreine Einzelkomponenten aufgetrennt“, fasst Frank-Dieter Kopinke, Professor für technische Umweltchemie am Umweltforschungszentrum in Leipzig, zusammen. „Wenn an einer Stelle in der Prozesskette eine Anlage nicht ganz reibungslos läuft, weil zum Beispiel ein Kompressor ausfällt, oder Wartungsarbeiten stattfinden, ist die Reinheit der einzelnen Stoffströme gefährdet.

Frank-Dieter Kopinke ist Professor für technische Umweltchemie am Umweltforschungszentrum in Leipzig Quelle: André Künzelmann

Sie dürfen dann nicht in die Pipeline fließen, sondern müssen möglichst schnell „entsorgt“ werden.“ Der Grund: Die Anlagen laufen weiter oder werden nur langsam heruntergefahren. Hier kommt die Fackel ins Spiel: Durch sie werden Gase, die nicht weiter verarbeitet werden können, im wahrsten Sinne „abgefackelt“. Und zwar in einer Höhe von 146 Metern, um den entstehenden Ruß über eine möglichst weite Fläche zu verteilen. „Diese Fackelsysteme sind in Chemiewerken unentbehrlich“ so Sandra Brückner, Sprecherin der Dow-Werke in Böhlen.

Die Fackel: „So eine Einrichtung ist unvermeidlich“

„Die Hochfackel ist eine unvermeidliche Vorrichtung für ein Werk dieser Art“ sagt auch Frank-Dieter Kopinke. Der Fluss des Rohbenzins könne nicht einfach unterbrochen werden und die Anlagen bei Unregelmäßigkeiten vollständig herunterzufahren, koste Zeit und Geld. „Die unreinen Stoffe werden also in der Hochfackel schnell und dann auch unvollständig verbrannt“, sagt er.

Die Hochfackel-Chronik

2. April 2019: Die Fackel brennt und bildet dicken schwarzen Ruß. Wegen technischer Schwierigkeiten beim Wiederanfahrprozess, müssen die Anlagen teilweise außer Betrieb genommen worden, erklärt Dow-Sprecherin Sandra Brückner dazu in einer Presseerklärung.

27. März 2019: Nachdem die Ursache der Störung behoben wurde, laufen die Anlagen wieder an. Auch dabei beginnt die Fackel wieder zu brennen.

28. Februar 2019: Die Fackel brennt und bildet dicken schwarzen Rauch. Ursache dafür ist eine technische Störung im Dampf- und Kondensatsystem des Crackers, erklärt das Unternehmen. Einige Produktionsanlagen seien automatisch herunter gefahren worden.

April 2018: Mit Ansage brannte die Fackel ein Jahr zuvor über Ostern. Grund dafür waren diesmal Wartungsarbeiten.

Manchmal werden die Anlagen im Anschluss dennoch kontrolliert herunter gefahren. Das Interessante ist: Ein Filtersystem sei in derartigen Fackeln nicht vorgeschrieben und auch in Böhlen, gibt es „keine industriell-technische Lösung zur Rückhaltung von Rußpartikeln“, heißt es von Seiten des Unternehmens. Um die Rußbildung zu reduzieren, werde aber Dampf zugegeben, außerdem diene die Höhe der Fackel dazu, den Ruß flächig zu verteilen.

Wann wird Ruß gefährlich?

Ruß ist – einfach gesagt – in die Luft geblasenes Kohlenstoff-Pulver. Bedenklich für die Gesundheit wird dies unter zwei Umständen, erklärt Anja Häussermann, Lungenfachärztin von der Sana Klinik in Borna: „Ruß wird dann gesundheitsgefährdend, wenn die einzelnen Partikel klein sind und nicht mehr von den Bronchien abgehustet werden“, erklärt die Medizinerin.

Ab einem Durchschnitt der einzelnen Bestandteile von weniger als 10 Mikrometern fallen sie unter die Definition Feinstaub und können durch die Bronchien hindurch in die Atemwege gelangen. Sind die einzelnen Teilchen noch kleiner, legen sie sich außerdem auf Herz und Lunge und können dort Schäden anrichten.

Eine anderer gesundheitsrelevanter Aspekt sind die sogenannten „polyzyklisch-aromatischen Kohlenstoffe“ – Stoffe, die nachweislich krebserregend, wie Lungenärztin Häussermann betont. Sie entstehen sowohl in der Chemieproduktion als auch beim Grillen mit Holzkohle.

„Eine Faustregel ist: Je weniger Luft bei einer Verbrennung vorhanden, desto stärker ist die Rußbildung und desto mehr polyzyklische Aromaten entstehen“ erklärt Frank-Dieter Kochinke vom Umweltforschungszentrum in Leipzig.

Ob und in welchem Ausmaß Feinstaub und polyzyklische Aromaten im Standort Böhlen auftauchen, ist schwer zu beantworten. Das Chemiewerk Dow macht dazu keine genauen Angaben und verweist auf einen Umsetzungsgrad von 99 Prozent, das heißt auf eine nahezu vollständige Verbrennung.

Der Ruß der Fackel in Böhlen

Das sei richtig und üblich, sagt der Wissenschaftler Kopinke. „Ruß bleibt im Allgemeinen aber immer bedenklich“, denn er sei das Zeichen einer unvollständigen Verbrennung. Ob der Ruß hell oder – wie Anfang April schwarz – aus der Fackel strömt, hänge von den Stoffen ab, die verbrannt werden.

Bei vielen Böhlenern spielt die Fackel des Chemiewerks Dow nur eine geringe Rolle. Viele nehmen sie schon gar nicht mehr wahr.

Da das Feuer in Böhlen in so großer Höhe brennt, sei die unmittelbare Umgebung unter normalen Bedingungen aber wenig oder gar nicht vom Ruß betroffen. Andernfalls würde es Rußschichten auf Autodächern geben. Das komme aber selten vor, bestätigen Anwohner.

Von Anna Flora Schade

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