Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Borna Der Horrorunfall von 1938 in Trebsen – ein Blick in die Polizeiakten
Region Borna Der Horrorunfall von 1938 in Trebsen – ein Blick in die Polizeiakten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:58 04.07.2019
Tragischer Unfall am 14. Juli 1938 - am Bahnübergang Trebsen kommen zehn Menschen des christlichen Frauenvereins Ramsdorf ums Leben. Quelle: Staatliche Kriminalpolizei Leipzig 1938
Ramsdorf/Trebsen

„Grauenhaftes Verkehrsunglück bei Trebsen“. So und ähnlich titelten noch am gleichen Tag, dem 14. Juli 1938, die nachmittags erscheinenden Ausgaben der lokalen Tageszeitungen im Raum Leipzig. Es war ein schöner Sommertag, leicht bewölkt und heiter, Temperaturen um die 23 Grad waren zu erwarten.

Christlicher Frauenverein auf Ausflug in den Wörlitzer Park

Ein idealer Ausflugstag für die „größtenteils älteren Frauen des christlichen Frauenvereins Ramsdorf bei Pegau“ – heute zur Gemeinde Regis-Breitingen zählend – die sich mit zwei Privatomnibussen des „Mietkraftwagenunternehmers“ Georg Kluge aus Borna, schon in früher Morgenstunde gegen 5.30 Uhr, zu einer „Vergnügungsfahrt“ in den Wörlitzer Park auf den Weg gemacht hatten. Organisiert hatte diesen Ausflug der jungvermählte evangelische Gemeindepfarrer Ackermann aus Ramsdorf. 60 Frauen waren seiner Einladung gefolgt, einige davon auch in Begleitung ihres Ehemannes, 30 Personen in jedem Bus. Es bedarf nur wenig Fantasie, um sich vorzustellen, dass die beiden Bussen ein lustiges Geschnatter der reiselustigen Frauen füllte. Niemand ahnte, dass auch der Tod in einen der beiden Busse einstieg.

Der Unfall am Bahnübergang Trebsen ist auch 81 Jahre später an Dramatik kaum zu überbieten.

Kurz nach 6.30 Uhr fährt auf dem Bahnhof Trebsen ein Güterzug aus Richtung Seelingstädt ein, etwa zu der Zeit als beide Busse Grimma durchfahren. Der Bahnhof, die Endstelle der Eisenbahnnebenstrecke BeuchaTrebsen, liegt aus Richtung Grimma nach Wurzen kommend, direkt rechts neben der „Reichstraße I.O.“ (erster Ordnung/ heute B 107) gleich hinter dem Ortseingang der Stadt.

Bruno Göhlmann steuert die Lok des Güterzuges

An dieser Stelle quert die Bahnstrecke die genannte Straße auf einem unbeschrankten Bahnübergang. Etwa zehn Minuten nach Ankunft des Güterzuges, beginnen auf dem Bahnhof Trebsen mit einer Kleinlokomotive Rangierfahrten, welche auch durch diese Straßenquerung führen. Die Lokomotive wird von Bruno Göhlmann gesteuert. An seiner Lok hängen zwölf Waggons des eingefahren Zuges, welcher zerlegt werden soll, einige der offenen Waggons sind leer.

Der Rangierarbeiter Richard Bujak erhält den Auftrag, diese Rangierfahrt zu organisieren. „Bevor die Rangierabteilung, die etwa 100 Meter vom Übergang entfernt stand, vorfuhr, begab ich mich mit einer Flagge zum Überweg, um ihn zu sichern. Ich stellte mich auf der Grimmaer Seite auf. Nachdem ich dort festgestellt hatte, dass sich weder von Grimma noch von Wurzen her ein Straßenfahrzeug dem Übergang näherte, gab ich dem Kleinlokführer das Signal zum Vorziehen. Bei der Vorfahrt gab der Kleinlokführer ein langes Achtungssignal“. So wird Bujak später bei der Kriminalpolizei als Zeuge aussagen.

Zweiter Bus will den ersten einholen

Etwa zum gleichen Zeitpunkt nähern sich die beiden Autobusse mit den Ausflüglern aus Ramsdorf aus Richtung Grimma kommend der Stadt Trebsen und diesem Bahnübergang. Sie kommen in großem Abstand den „Kirschberg“ heruntergefahren. Der Höhenunterschied vom höchsten Punkt bis zum Bahnübergang beträgt rund 50 Meter – ein ordentliches Gefälle also. Der vordere Bus, in welchem der jungvermählte Pfarrer als Reiseleiter mit seiner jungen Frau sitzt, passiert den Bahnübergang völlig problemlos. Zu diesem Zeitpunkt steht die Rangiereinheit noch am Gleis 1 im Bahnhof, sagt später der Lokführer aus, welcher von seiner Lok aus diesen Bus vorn an der Straße vorbeifahren sieht. Zeuginnen aus dem zweiten Bus geben später zu Protokoll, dass der Fahrer nach dem Verlassen von Grimma, den Anschluss zum ersten Bus verloren hatte und diesen durch schnelles Fahren wieder einholen wollte.

Busfahrer Martin Wirth aus Borna sieht das Unglück kommen

Seine Geschwindigkeit wurde später von mehreren Businsassinnen, bei ihrer zeugenschaftlichen Befragung, als sehr hoch beschrieben. Der Bus hat das Zulassungskennzeichen „III-60177“, der Fahrer ist Martin Wirth aus Borna. Es ist jetzt 6.55 Uhr. Das Drama beginnt als der Fahrer bei hoher Geschwindigkeit bergab den Frauen im Bus zuruft: „Macht euer Testament, ich kann den Bus nicht mehr halten.“ Unmittelbar danach kracht das Gefährt mit großer Wucht in den zweiten Güterwaggon der jetzt die Straße kreuzenden Rangiereinheit.

Am Bus wird der Tank zerstört und explodiert, der gesamte Bus fängt sofort Feuer. Die 52-jährige Zeugin Olga Dörfer sagt hinterher gegenüber Kriminal-Bezirkssekretär Bublitz aus: „Ich saß ganz hinten auf der Querbank [...] Unser Fahrer fuhr ganz schön schnell, er wollte den vorderen Omnibus einholen. Ich bekam plötzlich einen Stoß in den Rücken und wurde durch das Verdeck im hohen Bogen in eine quer zur Straße fahrende Eisenbahnlore geschleudert. Es kamen dann einige Männer, die an der Eisenbahnlore die hintere Klappe öffneten und mich herunter hoben.“ Wie durch ein Wunder erleidet Frau Dörfer lediglich Prellungen am linken Oberschenkel.

Opfer verbrennen bei lebendigem Leib

Ganz anders ergeht es anderen Mitfahrerinnen. Der Rangierarbeiter Richard Bujak hatte das Überqueren der Straße durch den Rangierzug beobachtet und sieht wie der Bus in den Zug kracht, eine große Stichflamme austritt und der Bus zertrümmert wird. Er leistet sofort Hilfe bei der Bergung der Personen. Auch andere Arbeiter des Bahnhofes kommen hinzu. Es spielen sich grauenhafte Szenen ab. Einige Frauen verbrennen bei lebendigem Leibe, weil sie eingeklemmt sind und nicht befreit werden können. Am Ende werden sieben der Frauen nur noch als Leichen geborgen, teilweise bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Als erster Polizist trifft aus Trebsen der Gendarmerie Hauptwachtmeister Breitag ein, sowie Dr. med. Riedel aus Trebsen, der erste medizinische Hilfe leistet. Die Verletzten werden in die Krankenhäuser nach Wurzen und Grimma gebracht. Das Verkehrsunfallkommando aus Leipzig und die „Staatliche Kriminalpolizei / Kriminalpolizeistelle Leipzig / Fachabteilung G“ erreichen nach etwa einer Stunde den Unfallort und übernehmen die Unfalluntersuchung unter der Registriernummer „ Kr. R. XV-1240/38“. Kriminal-Bezirkssekretär Bublitz leitet die Ermittlungen. Auch der Staatsanwalt und die Gerichtsmedizin kommen aus Leipzig nach Trebsen. Die technischen Untersuchungen und Ermittlungen zu dem „vollständig zertrümmerten und verbrannten“ Chevrolet Omnibus, die noch am Unfallort beginnen, bringen dann Erschreckendes zutage.

Technische Untersuchungen ergeben massive Defekte am Bus

Es wird festgestellt, dass am Getriebe des Busses der höchste Gang, der vierte, eingelegt ist und die Drosselklappe auf Vollgas steht und das bei der Bergabfahrt in Richtung des Bahnüberganges. Die Steuerkarte des Finanzamtes für den Bus war am 12. Juli 1938 abgelaufen. Später wird bei weiteren technischen Untersuchungen durch einen Werkmeister Becker festgestellt: Bremsen, Lenkung und Vorderachse des 1934 gebauten Chevrolet und später als Bus umgebauten Fahrzeuges, waren viel zu schwach. „An der Bremseinrichtung war zu sehen, dass die Bremsbeläge schadhaft, zum Teil Stücke fehlten und bis auf die Nieten abgeschliffen waren. [...] Der Belag eines Bremsbackens war total verölt und hatte keine Bremswirkung. Außerdem schliffen die Nieten an der Bremstrommel.“

Der Bahnübergang in Trebsen heute – vor 81 Jahren ereignete sich hier der tragische Unfall. Quelle: Frank Schmidt

So gesehen ist die Katastrophe in Trebsen mit am Ende zehn Toten und zuletzt 20 Verletzten vorprogrammiert gewesen. Wie aus der Akte des Polizeipräsidiums Leipzig hervorgeht, werden Georg Kluge als Buseigentümer und Martin Wirth als Fahrer des Unfallbusses, vor dem Landgericht Leipzig wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Eisenbahntransportgefährdung angeklagt. Im Juli 1939 erfolgte dort der Freispruch, gegen den die Staatsanwaltschaft Leipzig Revision beim Reichsgericht einlegte. Dieses verwies den Fall zurück an das Landgericht Leipzig, welches im August 1940 erneut beide Angeklagte freisprach.

Auf dem Friedhof Ramsdorf steht ein Denkmal für die zehn Opfer der Ramsdorfer Kirchengruppe, die 1938 bei dem Verkehrsunfall ums Leben kamen. Quelle: Jens Paul Taubert

Am Sonntag, den 17.Juli 1938 fand auf dem Friedhof in Ramsdorf unter großer Anteilnahme die Trauerfeier und Beerdigung statt. Es waren so viele Trauergäste erschienen, dass nur die nächsten Angehörigen und ein kleiner Teil der Gemeindemitglieder in der Kirche Platz fanden. Zu den neun Todesopfern war in der Nacht zum Sonntag noch ein zehntes hinzugekommen. Fleischermeister Lange aus Ramsdorf war in der Nacht vorher im Krankenhaus Wurzen seinen schweren Verletzungen erlegen. Seine Frau war bereits in Trebsen getötet worden. Alle Verstorbenen fanden in einem gemeinsamen Grab die letzte Ruhe. Auf dem Friedhof in Ramsdorf steht heute noch ein Gedenkstein mit den Namen der Opfer. Jedes Jahr gedenkt die evangelische Kirchgemeinde ihrer ehemaligen Gemeindemitglieder an diesem Stein. Die heutige Pfarrerin im Kirchspiel Regis-Breitingen Ulrike Franke: „Immer am Johannistag wird auf dem Friedhof den Verstorbenen gedacht. Das Unglück von 1938 ist vielen in Erinnerung geblieben.“

Von Klaus Schumann

Die zweite Verschiebung des Abschlusstermins für die Sanierung der Forststraße in Regis-Breitingen hat nicht ausgereicht. Jetzt soll es bis Anfang August dauern, ehe die Verkehrsfreigabe erfolgt.

04.07.2019
Borna Streit um Grundschule - Deutzener Eltern erhöhen den Druck

Eine Petition, eine Forderungsliste und Hinweise auf eine mögliche Klage: Die Deutzener erhöhen wegen der Grundschule den Druck. Der Bürgermeister sieht keine rechtliche Wirkung der Petition.

04.07.2019

Steigende Geburtenzahlen und Zuzüge stellen Kommunen vor Probleme. Zeitnah fehlen über tausend Plätze in Krippen, Kitas und Horten. Brennpunkte sind unter anderem Borna, Kitzscher, Machern, Markkleeberg und Markranstädt.

04.07.2019