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Borna Deutzener Eltern schreiben an Ministerpräsident Kretschmer
Region Borna Deutzener Eltern schreiben an Ministerpräsident Kretschmer
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14:33 18.06.2019
Die Abschlussvorstellung am Ende der Zirkus-Projektwoche wurde zum Protest gegen die Schließung des Schulgebäudes in Deutzen genutzt. Quelle: privat
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Neukieritzsch/Deutzen

In einem offenen Brief richtet der Elternbeirat der Grundschule „4 Jahreszeiten“ Deutzen einen Hilferuf an Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU). „Geben sie den Kindern und der Schule eine Chance und leisten Sie Soforthilfe in einer Notlage, die unsere Kinder nicht zu verantworten haben“, heißt der zentrale Satz in dem zweiseitigen Brief.

Bürgermeister bekennt sich zu drei Schulstandorten

Vor einer Woche hatte die Gemeindeverwaltung den Eltern der Deutzener Grundschüler auf einer Versammlung angekündigt, dass das Schulgebäude ab dem kommenden Schuljahr wegen schwerwiegender Mängel an der Elektrik nicht mehr genutzt werden könne. Die Schule werde nach Neukieritzsch ins dortige Grundschulgebäude ausgelagert, solle aber als eigenständige Schule erhalten bleiben. Zugleich bekannte sich Bürgermeister Thomas Hellriegel (CDU) zu allen drei Schulstandorten der Gemeinde. Diese sind bisher Neukieritzsch, Lobstädt und Deutzen.

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In dem offenen Brief wird nun die Befürchtung geäußert, die Deutzener Schule solle geschlossen werden. Wörtlich steht in dem Text, unter dem rund 170 Unterschriften stehen: „Wir waren und sind uns seit 2016 bewusst, dass die Gegner unserer Schule den richtigen Moment nutzen werden, um die Schulschließung dennoch voranzutreiben.“ Dieser Moment sei nun gekommen.

Seit 2016 wird in der Grundschule Deutzen jahrgangsübergreifend unterrichtet. Für Sylvette Hinz vom Elternbeirat ist das eins der innovativsten Konzepte in der sächsischen Bildungslandschaft. Bei einem Umzug in das Schulgebäude in Neukieritzsch würde dieses Konzept sterben, fürchtet die Elternvertretung.

Eltern glauben nicht an Bekenntnis der Gemeindeverwaltung

„Wir glauben nicht daran“, halten die Eltern der Aussage des Neukieritzscher Bürgermeisters Thomas Hellriegel (CDU) entgegen, wonach die Grundschule „4 Jahreszeiten“ erhalten bleiben und nur in das Neukieritzscher Gebäude umziehen solle.

Dagegen sieht die Elternvertretung nur eine einzige Chance, die Schule zu erhalten. Es müsse zügig mit Fördermitteln ein Ersatzneubau geplant werden. Bis dahin müsse eine Übergangslösung geschaffen werden, „die nicht Neukieritzsch heißt“.

Kinder protestieren mit Plakaten zum Schulzirkus

Unterdessen wird der Protest gegen die „Notauslagerung“ der Grundschule nach Neukieritzsch größer. Zwei Tage nach dem Elternabend, auf dem die Gemeinde die Eltern informierte, wurde die Abschlussveranstaltung des Schulzirkus-Projektes genutzt. Kinder demonstrierten am Ende der Vorführungen mit Plakaten und Gesang für ihre Schule.

Weitere Plakate tauchen an Grundstücken auf und das Banner mit der Aufschrift „Unsere Schule bleibt im Ort“, hängt jetzt auch an prominenter Stelle am Zaun des Eiscafés. Mehrere Deutzener äußern sich in Zuschriften an die LVZ über die jüngsten Ereignisse um die Schule.

Wulf-Rüdiger Göpfert erinnert daran, dass die schon zu Zeiten des Schulzweckverbandes von Deutzen und Regis-Breitingen ein zentrales Thema war. Heute fragt er unter anderem, warum das Prüfprotokoll nach der Überprüfung im Februar erst Ende Mai übergeben wurde und warum die Probleme erst nach der Kommunalwahl bekannt gegeben worden sind. Göpfert vermisst, wie er schreibt, die Ehrlichkeit im Umgang mit den Eltern.

Bernd und Anne Hacker fragen sich: „Warum ist die Gemeinde nicht schon vor ein paar Wochen auf die Eltern zugegangen und hat versucht, gemeinsam mit den Eltern nach Lösungen zu suchen?“ Das Paar, dessen Sohn die Grundschule besucht, vertraut auf einen „spitzenmäßigen Elternrat, der mit Sicherheit alles möglich machen wird, dass unser Kind und auch alle anderen Kinder auch im Schuljahr 2019/20 und darüber hinaus die Grundschule in Deutzen besuchen wird“.

Kritik am Vorgehen der Behörden zum Elternabend

Auf Unverständnis stößt bei Familie Hacker, wie auch bei der ehemaligen Lehrerin Uta Schubert, der Rauswurf des Ortschronisten und Opas eines Schülers Werner Wehefritz beim Elternabend vor einer Woche. Uta Schubert nennt das „die Krone der Missachtung der Bürger“. Wehefritz, sagt die Ex-Lehrerin, habe „so viel für die Gemeinde und die Schule getan.“ Kürzlich war er für sein jahrelanges Bemühen um den Ort vom Ortschaftsrat geehrt worden.

Werner Wehefritz selbst fragt sich „warum in einem demokratischen Land wie Deutschland ein Kritiker vor Diskussionsbeginn aus den Versammlungsraum geschmissen“ wird. So etwas, schreibt der Ortschronist, habe er „eigentlich nur von autoritären, undemokratischen Diktaturen“ gekannt.

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Zugleich appelliert Wehefritz nach der Veranstaltung, von der er nur aus der Zeitung und von Berichten von Teilnehmern erfuhr, an Sachlichkeit. Der Abend war über weite Strecken von lautstarken Zwischenrufen und persönlichen Angriffen gegen die Behördenvertreter, insbesondere gegen den Bürgermeister persönlich geprägt: „Teilnehmer solcher kontroversen Diskussionen“, schreibt Wehefritz, „formuliert eure Redebeiträge sachlich. Beleidigungen jeder Art an Dritte haben dabei ausdrücklich keinen Platz!“

Unterdessen hat der Elternrat für Mittwoch einen Vor-Ort-Termin mit einer Verleih-Firma ausgemacht, die so heißt es, Schulcontainer liefern könne. Zu der Besprechung hat der Elternrat die Gemeindeverwaltung und das Landratsamt eingeladen.

Von André Neumann

Offener Brief an MP Kretschmer (866 kB)