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Borna Die Region Leipzig diskutiert über die Organspende
Region Borna Die Region Leipzig diskutiert über die Organspende
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06:24 21.09.2018
Anatomisches Modell eines menschlichen Herzens. Quelle: dpa
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Landkreis Leipzig

Im Ostseeurlaub fährt er noch 50 Kilometer auf dem Fahrrad, drei Wochen später kann er keine 100 Meter mehr gehen. Als Kevin Kerrut bemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt, ist er 19 Jahre alt. Vor seinem ersten Besuch beim Hausarzt vermutet er noch eine Erkältung. Wenig später ist klar: Er hat eine Herzmuskelentzündung, vielleicht verursacht durch eine verschleppte Grippe. „Als man mir gesagt hat, dass ich ein neues Herz brauche, dachte ich erst, die machen Witze. Mit 65 passiert einem das vielleicht. Aber doch nicht mit 19.“

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Mehr als 10 000 Menschen warten nach Angaben der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (dso) derzeit in Deutschland auf ein neues Organ. Demgegenüber standen im Jahr 2017 nur etwa 800 Spender. In der gesamten Region Ost, also in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wurden sogar nur 96 Organspenden realisiert. Gesundheitsminister Jens Spahn hat deshalb vorgeschlagen, statt der geltenden Entscheidungslösung die Widerspruchslösung einzuführen. Noch gibt es keinen Gesetzesentwurf. Kern ist aber, dass jeder als möglicher Organspender gilt, der nicht zu Lebzeiten widerspricht.

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Trotz Spendebereitschaft kein Ausweis

„Wir wissen, dass in Deutschland viel mehr Menschen Organe spenden würden, als auch einen Organspendeausweis tragen“, sagt Erik Bodendiek. Er ist Präsident der sächsischen Landesärztekammer und hat als Allgemeinmediziner gleichzeitig eine Praxis in Wurzen. Der Widerspruchslösung steht er in beiden Funktionen positiv gegenüber. Die aktive Zustimmung über einen Organspendeausweis sei eine hohe Hürde. Zu hoch womöglich, denn auch Aufklärungskampagnen hätten in der Vergangenheit nur wenig bewirken können. „Wenn wir das Verfahren umdrehen, bauen wir Hürden ab. Und diejenigen, die partout keine Organe spenden wollen, können immer noch widersprechen.“ Diejenigen dagegen, die gegen eine Spende nichts einzuwenden hätten, müssten sich nicht noch einmal extra äußern. Das bedeute mehr Chancen für alle, die auf eine Transplantation warten.

Auch Kevin Kurratt wartet. Die ersten zwei Wochen nach der Diagnose spricht er mit niemandem, dann bemerkt er, wie in der Klinik bekannte Gesichter verschwinden, andere Patienten es nicht schaffen. „Da überwog dann der Gedanke: Sei froh, dass du noch lebst“, erinnert er sich. Er bekommt ein künstliches Herz, Schläuche durch seine Bauchdecke, eine Tasche für den Akku. Sechs Jahre lang wird er sie tragen. Seine Ausbildung als Erzieher muss er abbrechen, nach vielen Bewerbungen fängt er im Landratsamt in Bad Düben als Bürokraft an. Daneben informiert er über Organspende. „Ich wollte nicht, dass die anderen so unaufgeklärt sind wie ich vorher“, erzählt er. Er merkt, dass er die Menschen erreicht: „Einer in meinem Alter mit künstlichem Herzen. Das zieht.“

Patientenverfügung kann eigenen Wünschen widersprechen

Die Bereitschaft sich zu informieren sei essenziell, dieser Meinung ist auch Matthias Wagner, Notar in Leipzig. „Es wäre sehr misslich, wenn jemand, der von den Plänen nichts wusste, ungewollt zum Organspender würde“, sagt er. Auch im Rahmen einer Patientenverfügung, müsse das bedacht werden. „Selbst geschriebene Patientenverfügungen machen oft gar keine Angaben zur Organspende“, erklärt er. „Wenn man die Menschen dann fragt, stellt sich heraus, dass sie eigentlich nichts dagegen haben“. Ärzte seien dann in der Praxis oft verunsichert, wenn zwar auf der einen Seite ein Organspendeausweis vorhanden sei, auf der anderen aber die Patientenverfügung jede lebenserhaltende Maßnahme ausschließe. „Dann folgen die Ärzte oft dem sicheren juristischen Weg und transplantieren nicht“, stellt Matthias Wagner fest.

Nicht nur fehlende Spender, auch Strukturmängel sind die Ursache für die wenigen Transplantationen, findet Elke Scholz-Zeh. Sie hat als Koordinatorin für Herztransplantationen im Herzzentrum Leipzig täglich mit Patienten zu tun, die akut auf ein Organ warten und unterstützt die Widerspruchslösung in Kombination mit anderen Maßnahmen. Denn: Viele mögliche Spender, bis zu 30 Prozent, würden im Krankenhausalltag nicht gemeldet oder gar nicht erst entdeckt. Auch Erik Bodendiek sagt: „Wir wissen, dass wir immer noch einen Abbruch in der gesamten Klinikkette haben.“ Deshalb sei es wichtig dort anzusetzen, Transplantationsbeauftragte für ihre Aufgabe freizustellen, kleine Kliniken zu unterstützen und Transplantationen besser zu finanzieren. Einen entsprechenden Gesetzesentwurf gibt es bereits.

Wo bleibt die eigene Entscheidung?

Bei all dem Zuspruch in der Region gibt es auch Kritiker. So bekräftigt die Deutsche Stiftung Patientenschutz in einer Stellungnahme: „Kommt die Widerspruchsregelung, kann von Organspenden keine Rede mehr sein, denn Spenden sind immer freiwillig.“ Dies stärke nur die Vertrauenskrise in das deutsche Transplantationssystem. Andere drücken sich vorsichtiger aus. Etwa Christoph Steinert, Pfarrer in Brandis. Er hält die Diskussion um Organspende für sehr wichtig. „Dass man aber nicht aktiv zustimmt, finde ich schwierig“, sagt er. Denn das sei ein Eingriff ins Persönlichkeitsrecht.

Kevin Kurratt würde sich auch wünschen, dass die Entscheidung im Vorfeld fällt. „Jeder soll sich einmal fragen: Wenn ich in der Situation wäre, würde ich dann ein Organ ablehnen?“ Er selbst hatte Glück. Nachdem vor zwei Jahren seine Maschine versagte, bekam er ein neues Herz. Mittlerweile hat er geheiratet, eine kleine Tochter. „So kann sich das entwickeln“, sagt er. „Aber nur weil es Menschen gab, die bereit waren, den Ausweis auszufüllen.“

Von Hanna Gerwig