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Borna Ein Stalking-Opfer aus dem Landkreis Leipzig erzählt seine Geschichte
Region Borna Ein Stalking-Opfer aus dem Landkreis Leipzig erzählt seine Geschichte
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05:00 18.01.2018
Stalking-Opfer möchten einfach nur, dass es aufhört – das Verfolgen, Belästigen und Bedrohen, die körperliche und psychische Gewalt.
Stalking-Opfer möchten einfach nur, dass es aufhört – das Verfolgen, Belästigen und Bedrohen, die körperliche und psychische Gewalt. Quelle: Foto: dpa
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Landkreis Leipzig

Nelly Winkler (Name von der Redaktion geändert) war ein Jahr lang mit diesem Mann zusammen, „aber nur die ersten drei Monate waren wir glücklich“, sagt die Mittzwanzigerin. „Dann haben wir uns nur noch gestritten.“ Ihr damaliger Freund, der bei ihr wohnte, habe sie ständig kontrollieren wollen: Wo warst du? Mit wem? Wann kommst du wieder? Wieso dauert das so lange?

„Es ging um Macht, er wollte immer sagen, wo es lang geht. Er redete ständig auf mich ein, ließ mich oft nicht schlafen“, erzählt sie. Dabei arbeitet die junge Frau in Schichten und leidet an einer chronischen Krankheit – Stress ist Gift für sie. Schließlich beschloss sie, sich diese Beziehung nicht länger anzutun und sich zu trennen. „Aber er wollte nicht gehen, sagte immer wieder: Wo soll ich denn hin?“

Irgendwann eskalierte die Situation bei einem Streit. Sie wollte die Polizei anrufen, „doch er riss mir das Telefon aus der Hand“. Weil die Verbindung nicht unterbrochen war, bekam eine Polizistin den Streit mit und rief später an. Die Beamten waren nun eingeschaltet, nahmen das Problem auf und gaben dem Mann vier Tage Zeit um auszuziehen.

Das Ultimatum verstrich. Sie habe sich damals gedacht, na, dann dauert es eben ein bisschen länger. Zwei Wochen vergingen, dann ein Monat, nichts geschah. „Ich war mit den Nerven am Ende, wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden und hab’ mich gefragt: Wie werde ich diesen Menschen los?“, sagt sie.

Ostern 2016 kam es zu einer erneuten Eskalation. Diesmal war auf Anraten der Polizei ein Verwandter von Nelly Winkler mit in der Wohnung, als ihr Ex-Freund seine Tasche packte und ging. Doch es war kein Abschied. Was nun begann, nennt man Stalking.

Im Netz beschimpft, bloßgestellt und belästigt

Er rief ständig an, schickte viele SMS, „das war Telefon-Terror“. Sie musste ihre Nummer ändern. Doch es gibt heute noch andere Kanäle. Cybermobbing ist für Opfer nicht nur belastend, es ist den Tätern auch schwer nachweisbar. Doch Nelly Winkler ist sich sicher, dass es sich dabei um den Mann handeln muss: „Diese Informationen über mich kann nur er wissen.“

Sie ist Online-Spielerin. In bestimmten Portalen sowie auf Facebook wurde sie nun beschimpft, bloßgestellt und belästigt. Männer schrieben ihr und wollten sich mit ihr treffen, weil sie angeblich auf bestimmten Seiten Kontakt gesucht habe. Sie erhielt Nachrichten von Pornocasting-Agenturen, weil sie sich doch dort als Darstellerin beworben habe...

Hinzu kam eine Paketflut. Bastelzeug, Hörspiele und Sex-Spielzeug in rauen Mengen wurden in ihrem Namen bestellt. Auch Abonnements für alle möglichen Frauenzeitschriften. „Jeden Tag, wenn ich nach Hause kam, war mein Briefkasten voll mit diesem Zeug“, erzählt sie. Ständig war sie damit beschäftigt, sich irgendwo abzumelden, Passwörter für Internetseiten einzurichten, den Sachverhalt Firmen und Verlagen zu erklären. Das sei „so viel Arbeit, fast wie ein zweiter Job“ gewesen. Sie wolle gar nicht wissen, wo ihr Name überall vermerkt ist. Zwischenzeitlich habe sie ernsthaft darüber nachgedacht, den Namen zu ändern.

Nicht alle Pakete landeten bei ihr. Im Namen von Nachbarn wurden ’zig Dinge bestellt und geliefert. Eine Sendung ging an einen Kindergarten und sie erhielt die Rechnung. Ein Paket von einem Sexshop war an ihren Chef adressiert. Zudem wurde das Unternehmen, für das sie arbeitet, im Netz schlecht gemacht. Die junge Frau ist sich sicher: „Mein Ex-Freund wollte mich fertig machen. Aber ich hab’ mir gesagt, ich habe das Recht zu leben wie jeder andere auch. Ich lass’ mir mein Leben von ihm nicht kaputt machen!“

Instinktiv machte sie viele Dinge richtig. Zusätzliche Hilfe kam von der Grimmaer Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking, die Opfer in den Landkreisen Leipzig und Nordsachsen betreut (siehe Interview unten).

Nelly Winkler versteckte sich nicht in ihrer Wohnung, sondern ging offen mit dem Thema um. Sie kontaktierte die Polizei. Sie vereinbarte mit den Paketdiensten, dass alle Sendungen sofort wieder zurück geschickt werden. Sie sprach mit ihren Nachbarn, „ich bin echt froh, dass ich dort wohne und solche Nachbarn habe“. Sie redete auch Klartext auf Arbeit – und fand sofort Hilfe. Die Geschäftsleitung bot ihr sogar eine Firmenwohnung an, wo sie vorübergehend leben könnte.

Und sie beachtete etwas, das für viele Stalking-Opfern schwierig ist: Sie reagiert auf all das nicht. „Das ist so schwer! Das macht einen so mürbe und ich könnte oft platzen“, berichtet sie. Wenn es besonders schlimm ist, ruft sie Angehörige oder Freunde an. „Sie sind für mich da, das hilft mir unheimlich. Ohne sie würde ich das nicht schaffen.“

Staatsanwalt ermittelt – es kann zum Prozess kommen

Auf Rat der Interventionsstelle ließ sie das Problem nicht ständig an sich heran. „Ich hab’ mich nicht mehr jeden Tag mit diesem ekligen Zeug beschäftigt, sondern alles in einer Woche gesammelt und dann mit einem Mal abgearbeitet“, sagt sie. Der Tipp sei wichtig, es habe gut getan, nicht permanent damit zu tun zu haben. Auch was anwaltliche Hilfe betrifft, sei sie der Beratungsstelle dankbar.

Inzwischen ermittelt in diesem Fall die Staatsanwaltschaft. Es kann zum Prozess kommen. Nelly Winkler will keine harte Bestrafung für den Täter: „Ich möchte nur, dass er merkt, dass er zu weit gegangen ist. Er hat mich beleidigt und mit meinem Namen Schindluder getrieben. Jetzt soll er mich endlich in Ruhe lassen.“ Außerdem wünsche sie seinen künftigen Freundinnen, dass sich das niemals wiederholt.

Derzeit sei für sie Stalking-Ruhe. Doch dass es vorbei ist, glaubt sie nicht. In der Vergangenheit sei es immer mal einige Wochen still gewesen: „Wenn ich gerade am Entspannen war, kam der nächste Hammer.“

Von Claudia Carell