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Borna Erinnerungstour: Eine Mark für Espenhain
Region Borna Erinnerungstour: Eine Mark für Espenhain
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05:08 16.10.2018
Wallfahrt auf die Halde Trages von Mölbis aus im Jahr 1987. Eine Bustour mit Walter Christian Steinbach, einer der wichtigen Akteure des Christlichen Umweltseminars Rötha, führte am Sonnabend zu Erinnerungsstätten jener Zeit.
Wallfahrt auf die Halde Trages von Mölbis aus im Jahr 1987. Eine Bustour mit Walter Christian Steinbach, einer der wichtigen Akteure des Christlichen Umweltseminars Rötha, führte am Sonnabend zu Erinnerungsstätten jener Zeit. Quelle: Steinbach
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Rötha

Startpunkt der Bustour war die Röthaer Georgenkirche. Nachdenklich stand Walter Christian Steinbach in „seiner“ Kirche. Er war hier zu DDR-Zeiten Pfarrer und erinnerte sich an den Beginn des Christlichen Umweltseminars Rötha (CUR). „Junge Leute aus der Gemeinde sagten: Irgendwas muss man doch gegen diese Umweltverschmutzung machen.“ Das war 1981. Keiner ahnte damals, dass daraus eine oppositionelle Bewegung entstehen würde.

Stopp Georgenkirche: Resignation und Hoffnung

Umweltgottesdienste, Tagebaukonzert mit Gerhard Gundermann, Wallfahrt und Lutherlinde in Mölbis: Hier sehen Sie historische Fotos von Aktionen des Christlichen Umweltseminars aus den 1980er Jahren.

Die Abkürzung CUR sollte an das lateinische cura erinnern, die Sorge. Das Werk Espenhain samt Schwelerei, in den 1930er Jahren erbaut, war verschleißt, Filter existierten kaum. Eine Dreckschleuder sondergleichen. Die Lebenserwartung in der Region lag sechs Jahre unter dem Landesdurchschnitt, die Krebshäufigkeit war extrem. Kinder hatten in hohem Maße Haut- und Atemwegserkrankungen. „Uns war es immer wichtig, Sachverhalte zu beschreiben und öffentlich zu machen“, sagte Steinbach. „Und wir haben immer versucht, die Betroffenen einzubeziehen.“ Ziel sei gewesen, die Dinge im Werk Espenhain und anderswo zu verändern.

Es begann mit Umweltgottesdiensten, bei denen Bäume gepflanzt wurden. Ein großes Banner zierte die Georgenkirche. Darauf stand trotzig: „Wir pflanzen Bäume!“ Hundert Leute kamen zur ersten Aktion. Das CUR sollte in seiner Geschichte mehr als 50.000 Bäume pflanzen.

Stopp Mölbis: Texte von Marx und Jesus auf der Halde

„Halten Sie mal hier!“, rief Steinbach dem Busfahrer zu. Der Stopp war auf halbem Weg zur Halde Trages, dort wo der kleine Wanderweg aus Mölbis auf den asphaltierten Hauptweg trifft. „Wo der Haselbusch jetzt ist, fuhr früher die Grubenbahn. Und genau dort standen wir bei der Mölbiser Wallfahrt.“ Damals zogen Menschen mit einem großen Holzkreuz auf die Halde und lasen dort Texte von Marx und Jesus.

Umweltgottesdienste fanden in verschiedenen Orten statt, um Menschen wachzurütteln. Auch in Mölbis, das als dreckigstes Dorf Europas galt. Es lag in der Hauptwindrichtung des Espenhainer Werkes.

Der jüngste und älteste Tourteilnehmer: Rolf Körner (94) und Robin (10), der Enkel von Walter Christian Steinbach, hier in der Orangerie Mölbis. Quelle: Claudia Carell

Die Veranstaltungen folgten stets dem gleichen Muster. Neben den Baumpflanzungen wurden mit Kindern Vogelkästen gebaut und Holzkreisel bemalt. Danach Gottesdienst und eine Podiumsdiskussion im Freien, die meist Walter Christian Steinbach moderierte.

Im Vorfeld gab es damit immer Stress – weil der Rat des Bezirkes monierte, dass die Fragen nicht vorab eingereicht wurden. Der Röthaer Pfarrer zitierte dann die Bibel: „Die Wahrheit wird euch freimachen.“ Und er sagte den Vertretern der Staatsbehörde: „Wir werden keine Witze über Honecker machen, aber die Wahrheit werden wir schon ertragen müssen.“ Bei den Podiumsdiskussionen wurde Klartext gesprochen. „Der Staat empfand uns zunehmend als Provokation“, so Steinbach.

Stopp Deutzen: Start für Espenhainer Aktion

Das CUR verfügte über genaue Messdaten aus dem Espenhainer Werk, was die Schadstoffe betraf. Es ging soweit, dass die Stasi den Oppositionellen vorwarf, dass sie Messgeräte aus dem westlichen Ausland bekamen. „Das war natürlich Quatsch“, sagte der frühere Pfarrer. Fähige Ingenieure beschafften und errechneten diese Daten.

Rund zwanzig Aktive gehörten zum CUR. Immer wieder schrieben sie Eingaben, zum Beispiel zur mangelhaften Versorgung mit Obst und Gemüse, fuhren deswegen regelmäßig nach Berlin. Zu den Umweltgottesdiensten kamen inzwischen tausend Menschen, auch auf die große Wiese neben der Katholischen Kirche in Deutzen.

Eine Podiumsdiskussion bei einem Umweltgottesdienst 1984 in Mölbis, in der Mitte Walter Christian Steinbach. Quelle: Steinbach

„1987 sagten wir uns, wir kommen nicht weiter, wir brauchen irgend was anderes, eine richtige Aktion“, erinnerte sich Steinbach. So entstand „Eine Mark für Espenhain“, dazu der Slogan „Unsere Zukunft hat schon begonnen“.

Beim Deutzener Umweltgottesdienst 1987 wurde diese Aktion zum ersten Mal vorgestellt. Mit einer Handdruckmaschine hatte das CUR jede Menge Handzettel gedruckt. Die Sache sprach sich schnell herum. Innerhalb kurzer Zeit gab es 30.000 Unterschriften und 30.000 Mal wurde eine DDR-Mark überwiesen. Plötzlich standen die staatlichen Vertreter beim Pfarrer vor der Tür und fragten: „Was ist denn hier los?“

Bustour-Stopp auf der Halde Trages: Walter Christian Steinbach (l.) und Organisator Peter Krümmel vom Soziokulturellen Verein Kuhstall in Großpösna. Quelle: Claudia Carell

Steinbach fügte hinzu: „Wenn ich das hier so erzähle, klingt das oft ein bisschen lustig. Aber das war es überhaupt nicht.“ Die Stasi setzte den Oppositionellen zu. Wenn sie sich in der Röthaer Pfarrerswohnung trafen, stand immer ein schlichtgrauer Trabant vor der Tür. Das sei alles keine leichte Sache gewesen, die CUR-Mitglieder waren Familienväter und -mütter. „Diese zwanzig mutigen Menschen hatten etwas zu verlieren“, sagte der Röthaer.

Er würdigte die „schier unvorstellbare Gemeinschaftsleistung“. Noch heute treffen sich die Freunde von einst und fragen sich manchmal: „Haben wir das alles wirklich selbst erlebt?“ Der einstige Regierungspräsident hat im Ruhestand darüber ein Buch geschrieben, das er im Juni dieses Jahres in der proppevollen Georgenkirche vorstellte. Die 1000-er Auflage ist bereits vergriffen.

100.000 Unterschriften und 100.000 DDR-Mark kamen bis 1989 bei der größten nicht genehmigten Aktion der DDR „Eine Mark für Espenhain“ zusammen. Ursprünglich wollte Steinbach das Geld dem Espenhainer Werk geben. Es sollte ein Symbol sein für eine unbedingt notwendige Sanierung der Dreckschleuder.

Doch es kam die Wende. Nach der Währungsunion waren es noch 50.000 D-Mark. Eine Spende in gleicher Höhe schenkte eine Hamburger Stiftung. Mit den insgesamt dann 100.000 D-Mark wurde die Zukunftsstiftung Südraum Leipzig gegründet, die heute über eine Million Euro verfügt und jährlich Projekte aus der Region prämiert. Zum Beispiel ein neues Wege-Konzept, Diplomarbeiten, Ideen für den künftigen Nahverkehr.

Stopp Stöhnaer Becken: Symbol für Kraft der Natur

Mit der Stilllegung des Tagebaus entstand in den frühen 1990er Jahren das Stöhnaer Becken mit dem Anstieg des Grundwassers auf natürliche Weise, heute ein schönes Biotop mit seltenen Vögeln. Auch hier stoppte der Bus kurz, weil es für Walter Christian Steinbach ein wichtiger Ort ist, den er gern und oft besucht. Im Sonnenschein glitzerte das Wasser, ein Reiher schwebte über den kleinen See. „Herrlich, oder?“ sagte der Röthaer. „Für mich ist das hier ein Refugium und Symbol für die Kraft der Natur. Man muss gar nicht so viel machen, sondern einfach die Natur in Ruhe lassen.“

Von Claudia Carell