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Borna Eheglück und Sorge um Heimatverein in Lippendorf
Region Borna Eheglück und Sorge um Heimatverein in Lippendorf
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05:00 19.07.2018
Werner Eißner, Vorsitzender des Heimatvereins Lippendorf-Kieritzsch und Umgebung, auf dem Hof seines Hauses. Quelle: André Neumann
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Neukieritzsch/Lippendorf

„Zu solchen Anlässen“, schmunzelt Werner Eißner mit einem Ausdruck von Bescheidenheit, „kommen in Lippendorf immer eine Menge Leute zusammen.“ So war das auch kürzlich, als der 85-Jährige mit seiner vier Jahre jüngeren Frau Gisela das Fest der diamantenen Hochzeit beging. Nicht nur der Neukieritzscher Bürgermeister kam zum Gratulieren, das Haus war den ganzen Vormittag über voll. Und am Sonnabend darauf die Deutschlandhalle, wie das Dorfgemeinschaftshaus hier heißt, auch noch. Tage später kommen gelegentlich immer noch Bekannte mit einem Blumenstrauß.

Über die Dorfgrenzen geheiratet

Bei Eißners dürfte zum üblichen Lippendorfer Gemeinschaftssinn noch die Bekanntheit der Familie hinzukommen. Immerhin prägt der Mann, der aus Kieritzsch stammt und, wie er sagt „über die Dorfgrenze geheiratet“ hat, seit 1990 den Ort bis heute mit. Erst an vorderster Stelle, später als Organisator und Bewahrer von Heimatgeschichte.

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Als sich 1990 im noch selbstständigen Ort Lippendorf-Kieritzsch die demokratischen Kräfte formierten, gab es 18 Bewerber für zwölf Sitze im Gemeinderat. Werner Eißner war nicht darunter, er achtete als Vorsitzender des Wahlausschusses darauf, dass bei der Wahl alles rechtens ablief. Damals wurde der Bürgermeister noch von den Gemeinderäten heraus gewählt, doch keiner wollte das Amt. So ließ sich Werner Eißner wählen. Er blieb Bürgermeister bis 1996, bis zur Eingemeindung nach Neukieritzsch, die letzten beiden Jahre ehrenamtlich.

Schwergewicht im Ortschaftsrat

Drei Jahre später wurde er in den Ortschaftsrat gewählt, der 1996 zunächst aus den Lippendorfer Gemeinderäten gebildet worden war. In dem Gremium arbeitete er zwei Legislaturperioden mit. Heute betrachtet Werner Eißner die Ortschaftsvertretung mit etwas Sorge. „Sie kommen nicht mehr nach außen“, bedauert er. Zwar würde die Ortsvertretung arbeiten und auch Probleme lösen, wie beispielsweise die Vollendung eines Schutzstreifens zum Tagebau. Doch kaum jemand nehme Notiz davon.

So wie Werner Eißner sich aus der Politik langsam zurückzog, wurde er als Heimatpfleger aktiv. Am 29. Januar 1997 wurde der Heimatverein Lippendorf – Kieritzsch und Umgebung gegründet, dessen Vorsitzender er vom ersten Tag an war und bis heute ist. Der Verein kümmerte sich von Anfang an um die Seniorenbetreuung im Ort, um Heimattreffen für Menschen aus devastierten Orten der Umgebung und um die Organisation des Teichfestes in Kieritzsch. Auch die Vorbereitung von Feierlichkeiten aus Anlass des 500. Geburtstages von Katharina von Bora schrieb sich der Heimatverein schon in der Gründungsversammlung mit 41 Mitgliedern auf die Fahnen. Schließlich wurde die spätere Frau Martin Luthers mit hoher Wahrscheinlichkeit in Alt-Lippendorf geboren.

Beim beliebten Kieritzscher Badewannenrennen sind schräge Starter auf dem Dorfteich. Quelle: Thomas Kube

Mehr als 21 Jahre später schaut der Vereinsvorsitzende auf etliche Heimattreffen (120 Gäste kamen zum letzten im vorigen Jahr in Großstolpen), jährliche Sommerfeste an der Forelle in Kieritzsch, Gedenksteine für Peres, Piegel und Pulgar und rund ein Dutzend heimatgeschichtliche Publikationen (Kieritzscher Blätter, Heimatkalender) zurück. Und etwas sorgenvoll in die Zukunft. Zwar hat der Heimatverein immer noch rund 40 Mitglieder.

Vorstand ist in die Jahre gekommen

Doch viele davon sind betagt. „Es ist ein bisschen Ruhe eingetreten“, sagt Werner Eißner und meint damit auch, dass der eine oder andere im fünfköpfigen Vorstand sich wohl aus gesundheitlichen Gründen fragen werde, ob er noch weiter machen kann. Sich selbst, den Ältesten in der Runde, schließt er da nicht aus. Finanzvorstand Ilona Bock ist mit Mitte sechzig die Jüngste im Vorstand. Alle anderen sind 75 plus. „Wir müssen jetzt sehen, wie wir weiter machen und wie wir junge Leute gewinnen“, meint Werner Eißner ein wenig grüblerisch. Die nächste Wahl steht im Februar kommenden Jahres an.

Generationswechsel im Fokus

Gern erinnert er in dem Moment an den Generationswechsel beim Kuchenverkauf zum Dorffest in Kieritzsch. Dort präsentierten Frauen des Dorfes immer Selbstgebackenen. Vor drei Jahren ungefähr traten Jugendliche auf den Plan, die Geld brauchten für die Skateranlage in Kieritzsch. Sie nahmen den Verkauf in ihre Hände. Das Backen überließen sie denen, die es konnten: Per Zettel in den Briefkästen hatten sie zuvor darum gebeten, ihnen selbst gemachten Kuchen fürs Fest zur Verfügung zu stellen.

Von André Neumann