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Borna Festival in Deutzen: Endlos-Bässe rauben Bewohnern den Schlaf
Region Borna Festival in Deutzen: Endlos-Bässe rauben Bewohnern den Schlaf
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15:12 04.06.2019
Elektronische Klänge von Donnerstag bis Sonntag im Kulturpark Deutzen – das war vielen im Ort deutlich zu laut. Quelle: dpa
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Neukieritzsch/Deutzen

Der Kulturpark Deutzen entwickelt sich in den vergangenen Jahren immer stärker zum beliebten Ort für Musikfestivals. Zu Nocturnal Culture Night, Adriakustik und Rock am Kuhteich kommen voraussichtlich zwei weitere hinzu. Am Wahlwochenende erlebte das Festival Mosaique einen Probelauf.

Rund 200 Gäste feierten ein „kunstvoll zusammengehäuftes Chaos“, wie es in der Beschreibung des Veranstalters heißt. Bestandteile des „Kulturfestivals für alle Generationen“ sind laut Veranstalter Hannes Raetz unter anderem Theater, Musik von Liedermachern, wissenschaftliche Beiträge und „sämtliche Formen der Kunst“.

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Auch hinterher werden vermutlich die wenigsten Deutzener wissen, was genau sich hinter Mosaique verbirgt. Immerhin gab es keinerlei Klagen. Die folgten erst eine Woche später in Gestalt von massenhaften Anrufen bei der Polizei und einer auf Facebook tobenden Debatte. Anlass war das zweite Festival, das Zeitraum-Festival am langen Wochenende nach Himmelfahrt.

60 DJs spielten in Deutzen elektronische Musik

Auf der viertägigen Veranstaltung spielten von Donnerstag bis Sonntag rund zwei Dutzend Bands und gut 60 DJs vorwiegend elektronische Musik. Angekündigt wurde das Festival nur im Internet, mit Handzetteln und mit Einladungen in Deutzen und in Regis-Breitingen. Hinterher ist klar: Die Sympathie vieler Deutzener gewannen die Veranstalter damit nicht.

Denen raubten die Elektronik-Bässe nämlich den Schlaf. Und das nicht nur in Deutzen: „Es ist fast 7 Uhr morgens, und wir in Borna hören die Musik die ganze Nacht lang! Seit Tagen kann man nachts nicht mehr schlafen, weil man den Bass hört“, heißt es dort in einem Eintrag von Laura Wolf.

Die Polizei soll rund 100 Anrufe registriert haben, die allermeisten in der Nacht zum Sonnabend. Sogar in Bubendorf bei Frohburg seien die Klänge aus Deutzen gehört worden.

64 Kommentare und zahlreiche Erwiderungen allein auf der Facebook-Seite von Deutzen ranken sich um die Lautstärke, die vom Kulturpark ausging, und um die Tatsache, dass die Musik nicht wie bei anderen Festivals um Mitternacht oder kurz danach verstummt. Bei „Zeitraum“ durfte die Nacht durchgespielt werden.

„Das haben wir vorher so kommuniziert und beim Ordnungsamt angemeldet“, sagt Hannes Raetz, der auch beim Zeitraum-Festival zur Veranstaltungsleitung gehört. Auflage sei eine „Nachtruhe“ von 22 bis 8 Uhr gewesen. In dieser Zeit, so Raetz, sollte die Lautstärke an den Messpunkten auf 55 Dezibel begrenzt werden.

Polizei wurde wegen der Lautstärke zum Festival gerufen

Das sei zunächst auch eingehalten worden. In der Nacht von Donnerstag zu Freitag habe es keine Beschwerden gegeben. Freitag kam die Polizei das erste Mal gegen 23 Uhr und soll freundlich mit den Ordnern gesprochen haben. Gegen sechs Uhr morgens am Sonnabend dann der zweite Besuch der Polizei, diesmal war von massiven Beschwerden die Rede.

Raetz sei zu diesem Zeitpunkt überrascht gewesen. „Die Polizei hätte uns anrufen können“, dann hätte man früher reagiert. „Es tut uns wahnsinnig leid, dass es zu so massiven Störungen kam“, entschuldigt sich der Veranstalter bei den Deutzenern. Das Festival Zeitraum hatte seinen Testlauf schon im vorigen Jahr. Auch damals wurde die Nächte durch Musik gemacht. So massive Kritik wie jetzt gab es nicht.

Das kleine Rock- und Punkfestival „Rock am Kuhteich“ findet ebenfalls in Deutzen statt. Quelle: Thomas Kube

Bürgermeister Thomas Hellriegel will neues Konzept überlegen

Nach Gesprächen mit dem Bürgermeister Thomas Hellriegel (CDU) und Park-Geschäftsführer Michael Wagner hätten Techniker die Anlagen nachjustiert. Bis zum Ende des Festivals hätte es keine Beschwerden mehr gegeben, sagt Raetz.

Was die Polizei nicht ganz bestätigt. Nach Auskunft vom Revier in Borna sei es am Sonntag noch einmal laut geworden. Auch mehrere Deutzener sagten der LVZ, dass die Störungen nicht deutlich nachgelassen hätten.

„Wir müssen für das nächste Jahr ein neues Konzept ausarbeiten“, sagt Thomas Hellriegel, der sich dazu mit Veranstaltern und dem Kulturparkbetreiber besprechen will. Ungünstig, räumt er ein, sei die Kommunikation gewesen, auch seitens der Gemeinde. „Das machen wir im nächsten Jahr besser“, kündigt er an.

Kommentar: Akzeptanz darf nicht überreizt werden

Der Kulturpark Deutzen ist als Ort für besondere Festivals beliebt, anerkannt und auch akzeptiert. Veranstalter wie Gäste schätzen die besondere Atmosphäre, die ein bewaldeter Park mit angeschlossenem Badegewässer bietet. Genau die exklusive Location für Festivals, die sich vom Mainstream abheben. Und sie schätzen die Freundlichkeit der Gastgeber aus dem Ort.

Das gilt für den Platzhirsch NCN, der mit seiner Vielseitigkeit mehr ist als der kleine Bruder des Wave Gotik Treffens in Leipzig. Das gilt für Adriakustik, welches eine unorthodoxe, moderne Liedermacherszene vereint, und genau so für Rock am Kuhteich mit seiner überschaubar-familiären Fangemeinde.

Alle drei Mehrtagesveranstaltungen sind in Deutzen akzeptiert. Das schließt nicht aus, dass es immer wieder auch Kritik wegen der Lautstärke gibt. Die Festivals als solche werden aber nicht in Frage gestellt.

Jetzt will eine Gruppe von Veranstaltern zwei neue Angebote etablieren. Ein feinsinniges Kulturfestival mit Charakter und eine mehrtägige, nahezu ununterbrochene Session elektronischer Musik. Letztere ist am zurückliegenden Wochenende einigermaßen aus dem Ruder gelaufen. Warum die Musik in der Nacht zum Sonnabend lauter war, als erlaubt und als wenige Tage zuvor beim Test gemessen, sei dahingestellt.

Auch dass diese Veranstaltung bei ihrer Premiere im vorigen Jahr keine ähnlich starken Beschwerden hervorgerufen hatte, ändert nichts daran, dass sie jetzt in Frage gestellt wird. Was nicht nur an der Lautstärke an sich liegt, sondern an der Art der Musik und an der Besonderheit, dass sie die ganze Nacht über gespielt werden darf. Ein Tabu, das den bisherigen Veranstaltern nicht zugebilligt wurde.

Gemeinde und Kulturpark müssen sich nun darüber verständigen, wie stark man das Verständnis der Deutzener ausreizen will und kann, bevor die Gefahr aufkommt, dass Akzeptanz ins Gegenteil umschlägt.

Von André Neumann