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Borna Gesundheitsschädliche Stoffe in der Grundschule Deutzen entdeckt
Region Borna Gesundheitsschädliche Stoffe in der Grundschule Deutzen entdeckt
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19:00 07.03.2019
Die Türen zu den Seitengängen im Erdgeschoss der Grundschule Deutzen bleiben künftig zu. Die Räume dahinter sind zu stark mit Naphtalin belastet. Quelle: André Neumann
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Neukieritzsch/Deutzen

Schlechte Luft in der Grundschule „4 Jahreszeiten“ in Deutzen. Messungen haben eine Belastung mit Naphtalin ergeben. Die leicht flüchtige Substanz kann beim Einatmen gesundheitsgefährdend sein. Nach Auswertung der Messergebnisse will die Gemeinde Neukieritzsch den Schulbetrieb in Deutzen dennoch aufrechterhalten.

Allerdings sollen dafür die Schule und der im Gebäude untergebrachte Hort enger zusammenrücken. Das Erdgeschoss wird gesperrt. Nur der Eingang und das Foyer als Zugang zu den Treppen dürfen noch genutzt werden. Am Donnerstagabend informierten Gemeindeverwaltung und Schulleitung die Eltern darüber, wie der Schulbetrieb künftig organisiert werden soll.

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Belastender Stoff bei routinemäßigen Trinkwasserproben entdeckt

Eigentlich sollten im Dezember vorigen Jahres nur die routinemäßigen Trinkwasserproben genommen werden. Doch dann fiel den Kontrolleuren vom Landratsamt der Geruch auf. Den meisten, die das Schulhaus regelmäßig betreten, ist er vertraut. Riecht irgendwie nach Bohnerwachs. Bisher hatte das niemand ernst genommen.

Bei einer Probe stellte sich heraus: Aus dem Fußboden dünstet Naphtalin in die Raumluft. Die Substanz, die schon bei Raumtemperatur in gasförmigen Zustand übergeht, wurde früher in Mottenkugeln verwendet, ist aber auch Bestandteil unter anderem von Teerprodukten, Klebern und Teerpappen, die als Dämmstoff in Gebäude-Böden verwendet wurden.

Durch Bauschäden dringt Naphtalin nach draußen

Solange die Fußböden dicht sind, beschreibt der Neukieritzscher Bauamtsleiter René Hertzsch das mögliches Szenario, könne sich das Naphtalin nicht im Raum ausbreiten. Durch Bauschäden, nachträgliche Leitungsverlegungen, Bohrungen in den Fußböden und ähnliches, aber auch durch Alterung der Baustoffe könne der Stoff an die Oberfläche gelangen und sich in den Räumen verbreiten.

Die Gemeinde hat nach der ersten Feststellung weitere Proben für alle Räume in Auftrag gegeben. Deren Ergebnisse liegen seit wenigen Tagen vor. Aus denen gehe hervor, dass der maßgebliche Richtwert nur im Erdgeschoss überschritten werde. „Wie wir gehofft haben“, sagte Hertzsch der LVZ. Dadurch könnten Schule und Hort zunächst unbefristet weiter betrieben werden.

Durch Bauschäden könne sich Naphtalin in der Schule ausbreiten, erklärt Bauamtsleiter René Hertzsch. Quelle: André Neumann

Dazu sind aber etliche organisatorische Eingriffe erforderlich. Die 65 Schüler in vier Klassen können nur noch in den beiden oberen Etagen unterrichtet werden. Die Türen zu den Seitengängen im Erdgeschoss werden geschlossen. Der Haupteingang kann weiter genutzt werden, aber nur als Durchgang zu den Treppen. Oben müssen die Schule und der Hort sich die vorhandenen Räume teilen.

Speiseraum der Grundschule Deutzen nicht belastet

Im „grünen Bereich“ liege im Erdgeschoss auch der Speiseraum am Ende eines der Seitengänge. Der darf weiter genutzt werden, allerdings werden die Kinder über den Hof dorthin gehen müssen. Ähnlich sieht es mit der Turnhalle aus. Wenn dort die Lüftung laufend in Betrieb bleibe, könne die benutzt werden. Nicht aber die Umkleideräume. Und auch zur Turnhalle geht es nur noch außen entlang, der Zugang durch das Schulhaus würde durch belastete Bereiche führen.

An der Grundschule in Deutzen wurde Naphtalin nachgewiesen. Quelle: André Neumann

Richtwerte für Naphtalin in der Raumluft gibt es überhaupt erst seit 2013. Bei Kontakt kann es zu Hautreizungen kommen, durch regelmäßiges Einatmen zu Kopfschmerzen, Übelkeit und zu Reizungen und Entzündungen der Atemwege bis hin zur Entstehung von Tumoren. Schulleiterin Silke Schröder kann sich allerdings nicht erinnern, dass Kinder ihrer Schule in der Vergangenheit auffällig oft über Kopfschmerzen oder Übelkeit geklagt hätten.

Naphtalin kann beim Menschen möglicherweise Krebs verursachen

Ob Naphtalin durch das Einatmen beim Menschen Krebs verursachen kann, dafür gibt es laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) keine zuverlässigen und belastbaren Erkenntnisse. Nach europäischer Einstufungsverordnung ist es als so genanntes Kanzerogen der Kategorie zwei („Kann vermutlich Krebs erzeugen“) eingestuft, heißt es beim BfR.

Während der Schulbetrieb jetzt weitergehen soll, wird die Gemeinde in den nächsten Wochen und Monaten nach einer Lösung für den generellen Umgang mit dem Gebäude suchen müssen. Nach Ansicht von Bauamtsleiter Hertzsch sei dem Problem der Naphtalinbelastung nur mit einer kompletten Sanierung der Böden und auch der Wände beizukommen, die den flüchtigen Stoff aufgenommen haben. Ob aber eine Sanierung sinnvoll sei, müssten Sachverständige beurteilen.

Von André Neumann