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Borna Die Gräfin Cosel aus Auligk
Region Borna Die Gräfin Cosel aus Auligk
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13:32 19.03.2019
Annett Günther-Jahn in der Rolle der barocken Herzogin Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg. In dieser Rolle moderiert die Auligkerin Barockfeste, Empfänge und Bälle, tanzt und betreibt Konversation mit der damals üblichen Attitüde.
Annett Günther-Jahn in der Rolle der barocken Herzogin Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg. In dieser Rolle moderiert die Auligkerin Barockfeste, Empfänge und Bälle, tanzt und betreibt Konversation mit der damals üblichen Attitüde. Quelle: privat
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Pegau/Groitzsch/Auligk

 Das Konfetti ist längst aus den Haaren geschüttelt, die Kostüme gewaschen und die Kamelle gelutscht: Seit Aschermittwoch herrscht wieder Normalzeit in der Karnevalsstadt Pegau und aus Prinzessin Annett II. und Prinz Mario II. sind die Kindheitspädagogin Annett Günther-Jahn und der Beamte Mario Günther aus Auligk geworden. Der Alltag hat das Paar zurück.

Annett Günther-Jahn und Mario Jahn aus Auligk waren das Pegauer Karnevalsprinzenpaar in der 55. Saison. Quelle: Kathrin Haase

Schöne Erinnerungen an Gala und Weiberfastnacht

"Uns bleiben viele schöne Erinnerungen", strahlt die 36-Jährige und denkt an die Jubiläumsgala im November, die Abendveranstaltungen im Volkshaus und an die lustige Weiberfastnacht mit den Pegauer Hexen. Mehr als zehnmal war das Paar für den PKK im Einsatz – von der Saisoneröffnung über den Empfang in der sächsischen Staatskanzlei bis zur Schlüsselübergabe am Aschermittwoch.

Nur noch zweimal schlüpfen beide in ihre närrischen Rollen: zum Präsidententreffen am 6. April in Schkeuditz und zur Machtübergabe am 11. November auf dem Pegauer Markt.

"Jetzt müssen wir erstmal alle Eindrücke sortieren und verarbeiten", blickt Annett Günther-Jahn dankbar zurück. "Es war eine großartige Zeit, aber auch sehr anstrengend. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen, wir haben viele nette Menschen kennengelernt."

Annett Günther-Jahn und Mario Günther fahren beim Umzug in der Kutsche vor. Quelle: privat

Als niemand den Prinz küssen wollte

Bis heute klingt dem Paar der Beifall nach ihrem Prinzenwalzer "Du bist wundervoll" von Giovanni Zarella noch in den Ohren. "Das waren mit die schönsten Momente", sagen beide, die neben dem Wandern auch das Hobby Tanzen miteinander teilen. Oder sie erinnern sich an die holprige Eröffnung der Kussfreiheit in der ersten Veranstaltung. "Ich war leider krank und zu mir kam niemand zum Küssen", muss Prinz Mario II. noch heute schmunzeln. "Sie hatten alle Angst, sich anzustecken. Ab der zweiten Veranstaltung kamen aber alle Frauen geströmt..."

Die Frage aller Fragen gestellt

Zwei Tage Bedenkzeit hatte sich das Paar im vergangenen Sommer erbeten, als PKK-Präsident Heiko Günther und Vizepräsidentin Mandy Wagner im heimischen Wohnzimmer in Auligk die Fragen aller Fragen stellte. "Für mich war das gleich klar", sagt Annett Günther-Jahn, die schon seit ihrer Jugend Freude am Kostümieren, an Geselligkeit, Tanz und Spiel hat und es liebt, auf der Bühne zu stehen.

"Außerdem sind wir jahrelang in der Wagenbaugruppe New Lanzer Generation aktiv und gehen auch sonst gerne zum Karneval", erzählt sie. Das überzeugte letztlich auch ihren Mann, der das anfängliche Lampenfieber mit jeder Veranstaltung mehr und mehr in den Griff bekam. "Es hat schon Spaß gemacht", meint der 49-jährige Fußballfan mit RB-Leipzig-Dauerkarte rückblickend.

Rollenspiele im Barock und Rokoko

Mit dem Ende der Karnevalszeit warten auf Prinzessin Annett, die seit Januar den Kindergarten in Knautkleeberg leitet, nun ganz andere Rollenspiele. Im Alter von 17 Jahren entdeckte sie ihre Liebe zur Musik und Kultur des Barock (etwa 1600 bis 1770) und Rokoko (ab 1730) und reiste gemeinsam mit ihrer Mutter Christine Jahn zu verschiedenen historischen Veranstaltungen.

Aus dem anfänglichen Interesse entwickelte sich ein extravagantes Hobby. Mittlerweile schlüpft die Kindheitspädagogin stilsicher und kapriziös in die Rollen der Reichsgräfin von Cosel (1680-1765), Maria Magdalena Gräfin von Dönhoff (1685-1730) oder Herzogin Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg (1710-1767). "Living history" nennt Annett Günther-Jahn ihr Hobby, das ist gelebte Geschichte.

Annett Günther-Jahn als Reichsgräfin Cosel in Burgscheidungen. Im Mai ist die Auligkerin wieder beim Barockfest live zu erleben. Quelle: privat

Kleider in Handarbeit angefertigt

Die opuleten und farbenprächtigen Kleider mit Rüschen, Tellern, Schleifen und Raffungen entstanden nach ihrer Vorstellung oft in wochenlanger Handarbeit in Meisterbetrieben. Nähmaschinen kamen dabei nicht zum Einsatz und verwendet wurden ausschließlich Stoffe wie Seide, Taft, Seidensamt, Batist oder Brokat. Sie bringen die graziöse Haltung noch mehr zur Geltung.

Zwei Stunden zum Ankleiden und Frisieren

Reißverschlüsse und andere neuzeitliche Accessoires sind ebenfalls tabu – das Kleid wird gebunden, wie es im 17. und 18. Jahrhundert üblich war. Aber das braucht seine Zeit und es kann schon mal vorkommen, dass die Auligkerin bis zu zwei Stunden zum Ankleiden benötigt, um sich in eine Hofdame zu verwandeln. Frisur, Schmuck, Makeup, Fächer – alles ist genau abgestimmt und geht nicht mal eben husch husch.

Barocke Bälle und Feste

In dieser Aufmachung trifft die 36-Jährige dann auf eine illustre Gesellschaft - etwa beim Barockball auf Schloss Scheidungen bei Freiburg, beim Barockfest Gotha, auf verschiedenen Messen, Bällen und Empfängen. Die Historiendarsteller sind für sie wie eine große Familie, man kennt sich oft über viele Jahre. Unter den Hofgästen sind auch Herzogin Anna Amalie von Sachsen-Weimar-Eisenach, Hofnarr Joseph Fröhlich, Freiherr von Seyffertitz; Graf Ludwig und Gräfin Eleonore zu Leuchtenburg oder Reichsgraf Friedrich I. Vitzthum von Eckstädt nebst Gemahlin Rahel Charlotte und und und...

Sie liebt die verspielte Mode

Annett Günther-Jahn lebt die Geschichte mit jeder Faser. Sie moderiert Bälle und Modenschauen, studiert Theaterstücke ein, beherrscht die Tänze und Konversationen des Barock und Rokoko. Allein sieben historische Roben liegen zu Hause zu ihrer Auswahl bereit. "Es war eine sehr verspielte Mode", strahlt die sympathische Frau und freut sich schon auf den nächsten Hofball am 18. Mai auf Schloss Burgscheidungen. 

Von Kathrin Haase