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Borna Groitzscher strömen ins alte Volkshaus
Region Borna Groitzscher strömen ins alte Volkshaus
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18:02 01.09.2019
Die Erinnerungen haben mehr als 100 Besucher zum Groitzscher Volkshaus gezogen. Die Stadt will den „Kulturtempel“ sanieren und lud zum Tag der offenen Tür. Quelle: Olaf Krenz
Groitzsch

Lange zurückliegende Erlebnisse führen die Groitzscher am Sonnabendvormittag in Scharen zum Volkshaus am Schützenplatz. Die Stadtverwaltung hat eingeladen, noch einen Blick in den einstigen Kulturtempel zu werfen, ehe er endgültig zur Baustelle wird. Vor allem Senioren schauen sich um. „Wegen der uralten massenhaften Erinnerungen“, sagt Ruth Sonnenberger (78). Disco-Gänger aus den 2000er-Jahren sind kaum da. Mit Sanierung und Umbau für 5,3 Millionen Euro soll im wohl bereits um 1878 erbauten Kerngebäude eine neue Stätte für Veranstaltungen vieler Art entstehen.

Mit „Abschied und Neubeginn“ kann die Veranstaltung am 31. August rund um das Groitzscher Großprojekt für die nächsten Jahre umschrieben werden. Die Stadt hatte zum Tag der offenen Tür in das seit vielen Jahren leer stehende Volkshaus am Schützenplatz eingeladen. Frühere Gäste des „Kulturtempels“ und neue Interessenten haben sich umgeschaut. Zudem ist das Vorhaben Sanierung und Umbau mit Kosten von 5,3 Millionen Euro vorgestellt worden.

Erinnerungen lassen Groitzscher ins Volkshaus strömen

Vor rund 60 Jahren haben Klaus Sonnenberger (79) und seine Frau hier getanzt, dann Sommer- und Weinfeste erlebt. „In den Siebzigerjahren haben wir selbst die Theke gemacht. Werner Köhler war da Chef im Haus, das zur HO gehörte“, sagt er. HO steht für Handelsorganisation, die größte Einzelhandelskette der DDR, inklusive Gaststätten. „Da war zum Tanz eigentlich immer voll. Ein Bier kostete 43 Pfennig.“

Damals war alles hell, freundlich, meint Ruth. „Jetzt ist das so ein Schuppen, furchtbar.“ Klaus ist erschüttert: „Man erkennt es nicht wieder.“ Die schwarzen Wände und Galerie aus den letzten privaten Disco-Zeiten wirken deprimierend. Zumal die Stadt, nun erneut Eigentümer, das Gebäude entkernen, Einbauten entfernen ließ, wodurch auch rohe Mauerstellen zu sehen sind. Trotzdem oder gerade deshalb ist sich das Paar einig: „Da muss auf alle Fälle wieder was draus gemacht werden.“

Die Wände und die Galerie sind aus der letzten Disco-Zeit schwarz. Quelle: Olaf Krenz

Hoffnung auf neuen Glanz für Kulturtempel

Kapellen spielten hier, auch Bands wie Renft, Komet, Karat, erinnert sich Gerhard Böttcher (79). „Da brach das Licht zusammen, und vor Krach hast du von den Liedern kaum was verstanden.“ Selbst zum Tanz sei das ein Kampf um Karten gewesen. Er habe fast keinen ausfallen lassen donnerstags und sonnabends. „Ach, ich würd’ hier schon gern noch mal tanzen gehen. Auch wenn ich vielleicht keinen Rock ’n’ Roll mehr zusammenbekommen“, sagt er lachend.

Das Gebäude mit verschiedenen Anbauten hat zig verwinkelte Räume auf drei Ebenen. Klar, dass es hier nach Auszug im vermüllten Zustand, etwa acht Jahren Leerstand sowie der Entkernung und Entrümpelung 2017 verschlissen aussieht. Die Nebenbereiche sollen über den Winter abgerissen werden, sagt Architekt Michael Bracke vom Planungsbüro Rohling (BPR) aus Jena. „Wir wollen den Kern aus den 1870er-Jahren nach außen sichtbar machen.“ Das Büro hat ein Konzept für die Neugestaltung vorgelegt. Der nächste Schritt mit umfangreichen Arbeiten sei die Entwurfsplanung als Voraussetzung für den Bauantrag.

Grafik aus dem Sanierungsprojekt zum Groitzscher Volkshaus, erstellt vom Planungsbüro Rohling AG (PBR) aus Jena: der Grundriss mit den abzureißenden Teilen (gelb markiert). Quelle: Stadtverwaltung/Büro PBR

Projekt vor allem für Saal und Bühne

„Innen geht es vor allem um die Bühne und den Saal mit Platz für 300, 400 Leute“, erklärt Bürgermeister Maik Kunze (CDU). Der ehemalige Gaststättenbereich soll zum Foyer werden. Vereinsräume sind nicht geplant. Nach hinten soll ein zweistöckiger Anbau entstehen, unter anderem für Künstlergarderoben. Noch bemüht sich Groitzsch um weitere Fördermittel. „Aber ich bin optimistisch“, so Kunze. Mehrfach sei er nach Terminen gefragt worden. „Da kann ich heute noch nichts sagen wegen möglicher Schwierigkeiten mit Geld, Genehmigungen, Firmen, altem Objekt.“ Es soll so zügig wie möglich gehen. Dann meint er, dass in fünf Jahren spätestens im Volkshaus gefeiert werden soll.

Kein Weg zu weit zum Tanz

Dietmar Schäfer (66) ist als Vorsitzender des Naturfreunde- und Heimatvereins schon „von „Amts wegen“ am historischen Gebäude und seiner Entwicklung interessiert. „Und es war damals auch mein Tanzlokal in den Siebzigern.“ Aus Draschwitz bei Zeitz stammend, seien er und Freunde mit dem Zug von Reuden nach Pegau gefahren und dann hergelaufen, mehr als drei Kilometer. „Wenn dann Mitternacht hier Schluss war, haben wir gerade noch den letzten Zug geschafft.“ Es gehe gar nicht, was aus dem Saal gemacht wurde: „Schwarz?“.

Wer damals Platten aufgelegt hat

Aus Rötha ist Jochen Kuhn (79) gekommen. „Dreimal im Monat war ich hier mit meiner ,Disco Jo, seit 1974, fast 40 Jahre.“ Die schönen Zeiten in Groitzsch haben ihn geprägt, meint er. Und feiert ein Wiedersehen mit Joachim Sell (60), der die Disco „Hitbox“ zwischen 1979 und 1991 betrieb und einmal im Monat hier auflegte. Er habe schon immer mal wieder ins Volkshaus schauen wollen. Der aktuelle Zustand enttäuscht. „Einen Silvesterabend haben wir sogar zusammen gestaltet“, sagt Kuhn. Er würde sicher auch als Gast mal wiederkommen.

Die ehemaligen DJs Jochen Kuhn (l.) und Joachim Sell, die über viele Jahre Platten im Volkshaus aufgelegt haben. Quelle: Olaf Krenz

Alte Kulturstätte wichtig für Einwohner

Richtig toll findet Jana Mielcarek (45), dass die Stadt das Projekt umsetzt. „Wenn man den Verfall sieht, wird es höchste Zeit.“ Mit ihrem Mann Sirko (45) war sie wohl 1992/1993 zum letzten Mal zur Disco im Haus. Heute zeigen sie der Tochter, wo sie einst gefetet haben. „Es ist gut, dass alte Gebäude nicht einfach abzureißen, sondern wieder zu nutzen“, findet die Mutter. „Weil es ja in Groitzsch keine vernünftige Location für Veranstaltungen wie Kabarett und Jugendweihe gibt“, ergänzt der Vater.

Bürgermeister Kunze hatte auf guten Zuspruch zur dreistündigen Öffnung des Hauses gehofft und „bin doch positiv überrascht“. Weit mehr als 100 Menschen schauen herein. „Da bekommt man ein Feeling, welche Bedeutung das Schützenhaus für die Leute hat.“ Schon häufig habe es geheißen, das solle bleiben, wenn schon der ähnliche Saal auf der Wiprechtsburg 1959 ohne Not abgebrochen wurde. Mit dem Termin solle auch um Verständnis geworben werden, dass die Kosten für die Sanierung so hoch sind.

Von Olaf Krenz

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