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Borna Im Landkreis Leipzig leben 24.000 Analphabeten
Region Borna Im Landkreis Leipzig leben 24.000 Analphabeten
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11:00 05.04.2019
Analphabetismus ist auch im Landkreis Leipzig ein Problem.
Analphabetismus ist auch im Landkreis Leipzig ein Problem. Quelle: dpa
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Borna/Grimma

Die meisten von ihnen kommen irgendwie zurecht. Wenn es darauf ankommt, „dann haben sie die Brille vergessen“, sagt Frank Hartmann, Fachbereichsleiter Sprachen an der Volkshochschule (VHS) Leipziger Land.

Eine nachgerade klassische Ausrede von Menschen, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Von Menschen, die als so genannte funktionale Analphabeten gelten und von denen es in Deutschland 7,5 Millionen gibt. Auch im Landkreis Leipzig, wo rein statistisch etwa 24.000 Leute unter diese Rubrik fallen. Dennoch, so Cornelia Fiebiger, ist ihnen nur schwer zu helfen.

Cornelia Fiebiger ist Projektleiterin im Mehrgenerationenhaus in Markranstädt, wo Kurse für Analphabeten angeboten werden. Quelle: Andre Kempner

1800 funktionelle Analphabeten in Borna

Sie muss es wissen. Cornelia Fiebiger ist Projektleiterin im Mehrgenerationenhaus in Markranstädt, wo Kurse für Analphabeten angeboten werden. Oder besser gesagt: angeboten werden sollen. Denn bisher ist noch kein Lehrgang zustande gekommen, macht Projektleiterin Fiebiger klar.

Dabei dürfte es der Statistik zufolge in Markranstädt etwa 1300 Analphabeten geben. In Borna, das größer ist, wären es 1800, wobei die Wissenschaft nur die arbeitsfähige Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahren berücksichtigt.

Volkshochschule würde Kurse anbieten

Es ist sozusagen das Hauptproblem, dass es so schwer ist, an die Leute heranzukommen, die dringend Hilfe bräuchten, um wenigstens etwas lesen und schreiben zu können. In Borna bot die VHS bis vor fünf Jahren entsprechende Lehrgänge an.

Seither nicht mehr, was zumindest primär keine Frage des Geldes sein dürfte. Dabei weicht die Bildungseinrichtung durchaus von sonstigen Vorgaben ab, denen zufolge es für einen Kurs mindestens acht Teilnehmer geben muss. „Wir würden ab vier Leuten unterrichten“, macht Fachbereichsleiter Hartmann klar.

Statistisch gesehen gibt es in Borna 1800 Analphabeten. Quelle: dpa

Lehrgänge in Grimma und Regis-Breitingen

Neben der VHS bietet auch das Bildungs- und Sozialwerk (BSW) Muldental in Grimma Alphabetisierungskurse an. Zudem gibt es entsprechende Lehrgänge in der Jugendstraftanstalt Regis-Breitingen. In Markranstädt laufen, angebunden an das Mehrgenerationenhaus, Bemühungen um einen Alphabetisierungskurs.

Möglich macht das eine Projektförderung von 15.000 Euro im Rahmen der „Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“, die so genannt Alpha-Dekade. Damit sollen Menschen erreicht werden, die zwar Buchstaben, Wörter und auch einzelne Sätze lesen können, die aber Mühe haben, einen zusammenhängenden Text zu verstehen. Die Alpha-Dekade läuft seit 2016 und endet 2026.

Starke Frustrationen

Dabei gibt es nach Angaben von Expertin Cornelia Fiebiger durchaus Analphabeten, die mit ihrem Problem einigermaßen durchs Leben kommen. „60 Prozent von denen haben eine Arbeit.“ Dennoch stoßen sie an Grenzen, etwa wenn es um den Besuch einer Fahrschule geht.

Das aber wäre ein Ansatz, um Leute zur Teilnahme an einem Alphabetisierungskurs zu bewegen. Cornelia Fiebiger erlebt zudem immer wieder, wie gut es für Teilnehmer an derartigen Kursen oftmals ist, wenn sie unter ihresgleichen sind. „Dabei geht es nicht nur um das Lese-oder Schreib-Problem.“ Vielmehr sind es oftmals starke Frustrationen im Alltag, die für eine Schnittmenge sorgen, wenn sich die Kursteilnehmer austauschen.

Motivation ist entscheidend

Zunächst aber müsse es besser gelingen, an Leute heranzukommen, die in einem Alphabetisierungskurs gut aufgehoben wären. In Markranstädt arbeitet Cornelia Fiebiger an einem Netzwerk, bei dem etwa Ärzte oder auch Unternehmen eine wichtige Rolle spielen können. Im günstigsten Fall kommt dann ein Lehrgang zustande. Der Erfolg ist oft von der Motivation abhängig, wofür es auch rührende Beispiele gibt. Fachfrau Fiebiger berichtet von einer Frau, deren großes Ziel es war, eine Urlaubskarte schreiben zu können. Deren Stolz, das dann tatsächlich auch geschafft zu haben, lässt sich kaum beschrieben.

Von Nikos Natsidis