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Borna Jens Streifling von den Höhnern stammt aus Kitzscher
Region Borna Jens Streifling von den Höhnern stammt aus Kitzscher
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13:00 24.12.2018
Die Höhner bei der Generalprobe zur Aufzeichnung der TV-Show „Weihnachten bei uns“ in der Stadthalle Zwickau. Jens Streifling ist der Zweite von rechts. Quelle: Kremer/FuturexImage
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Kitzscher

Musik ist sein Leben – und Instrumente seine Leidenschaft. Gebt Jens Streifling einen x-beliebigen Gegenstand in die Hand, und er wird ihn zum Klingen bringen. Mehr als ein Dutzend beherrscht das Multitalent scheinbar im Schlaf, so genau weiß er das selber nicht.

Klavier, Mundharmonika, Schlagzeug, Gitarre, Mandoline, Klarinette, Saxophon, Harp, Keyboard, verschiedene Flöten. „Außer Geige spiele ich fast alles. Das ist ein großes Hobby von mir“, plaudert der 52-Jährige auch über seine jüngste Eroberung: eine irische Bagpipe oder Uilleann Pipe, so eine Art Dudelsack. „Ich suche immer neue Herausforderungen, es geht gar nicht anders.“

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Jens Streifling begann seine musikalische Karriere in den 1980er-Jahren mit P16 in Kitzscher. Heute spielt er bei den Höhnern. Quelle: Manfred Esser

Jens Streifling ist Vollblutmusiker

Unterricht nimmt der Vollblutmusiker via Skype oder eignet sich die Technik autodidaktisch an. „Dann setze ich mich hin und übe solange, bis es irgendwann funktioniert.“ „Von nix kütt nix“, sagt er im schönsten Kölner Dialekt. Jens Streifling lebt heute mit seiner Frau und der fünf Monate alten Tochter Anastasia ("Mein großes Glück") in Bornheim, einer Stadt so groß wie Altenburg, auf halber Strecke zwischen Köln und Bonn. Seine Söhne aus erster Ehe (30, 26 und 22 Jahre alt) gehen längst ihre eigenen Wege.

Für die Kitzscheraner wird der sympathische Musiker aber immer einer der Ihren bleiben. Sie sind stolz auf den wohl prominentesten Sohn ihrer Stadt, den Multi-Instrumentalisten bei den Höhnern („Wenn nicht jetzt, wann dann“), das ehemalige Bandmitglied von Bap und Mitbegründer von P16. „So hat es angefangen", erinnert sich der gebürtige Bornaer an seine ersten musikalischen Gehversuche.

Streifling spielte im Jugendblasorchester des VEB Espenhain

Als Sohn einer Musiklehrerin lagen ihm die Noten und der Rythmus offenbar im Blut, und Bob Dylan, der große Blues- und Folksänger wurde sein erstes musikalisches Vorbild. Von 1976 bis 1981 spielte Jens Streifling im Jugendblasorchester des VEB Espenhain und wurde schließlich mit 16 Jahren als hochbegabt eingestuft. Damit kam der Stein ins Rollen.

In dieser Zeit schloss sich in Borna eine Hand voll junger Leute zusammen und gründete die Schülerband Schulrock. Später nannte sie sich in P16 um – so hieß auch ihr erster Titel – und neue Musiker kamen dazu. Neben Jens Streifling mit dabei: Jeanette Sakel, Sven Hofrichter, Michael Naß, Sven Jaschob und Thomas Bürkigt. Geprobt wurde zunächst in einer Garage in Kitzscher, zusammen mit Hartmut Lorenz, Filmvorführer, DJ, Talenteförderer und ein Tausendsassa aus Borna.

P16 spielte im Bornaer Pionierhaus

Er kümmerte sich von Anfang um das Management der Band, die musikalisch voll dem Zeitgeist der frühen 80er Jahre entsprach: frisch, frech, unbekümmert und ein bisschen verrückt. Aus der Garage wechselte die Band recht schnell ins Bornaer Pionierhaus, bekannt auch unter dem Namen Stadtpark, wo sie ideale Probenbedingungen vorfand.

P16 in den 1980er-Jahren – mit Sven Jaschob (vorn v. l.), Thomas Birkigt, Jane Sakel und Michael Naß (hinten v.li.), Jens Streifling, Sven Hofrichter. Quelle: privat

Ihr wohl bekanntester Song „Bubi“ lief alsbald in der DDR-Fernsehsendung "Rund". Dieser Name sollte Programm werden, denn danach ging es mit P16 steil bergauf. Konzerte, Festivals, Rundfunkaufnahmen, Fernsehauftritte, ausgezeichnet mit dem Förderpreis des Zentralrats der FDJ und 1986 mit einem Preis des Jugendmagazins „neues leben“. Stern Meißen und Karussell standen als musikalische Förderer und Wegbegleiter wie ein Fels hinter den Neulingen.

Stern Meißen nahm Streifling im Barkas mit an die Ostsee

Mit Stern Meißen verbindet Streifling noch ein ganz besonderes Erlebnis. „Mit 16 bin ich mit Freunden an die Ostsee getrampt“, erzählt er, „wir wollten zu einem Stern-Meißen-Konzert. Also: Daumen in den Wind und warten, bis jemand anhält.“ Es hat tatsächlich jemand angehalten. Ein Barkas voller Musiker: Stern Meißen höchstpersönlich. „Wir waren quasi die ersten Roadies überhaupt“, lacht er über den Zufall. Es wurden unvergessliche Tage am Meer.

Zwei Höhner zur Karnevalseröffnung 2018 in Köln: Jens Streifling (li.) und Sänger Henning Krautmacher Quelle: Imago

Mit der Auflösung von P16 in den 80er Jahren wechselte der Kitzscheraner zu Zebra (1984-1989), schnupperte weitere Bühnen- und Fernsehluft („bong“) und lernte viele Musikerkollegen kennen: die Leute von Pankow, Silly, Karat und den Puhdys, mit denen er teilweise bis heute eng verbunden ist.

1989 reiste Streifling mit seiner Familie aus der DDR aus

In dieser Zeit hatte Streifling schon längst einen Ausreiseantrag gestellt, wollte mit seiner Familie im Westen neu Fuß fassen. Drei Jahre ließen ihn die Behörden schmoren – bis im August 1989, nur wenige Wochen vor dem Mauerfall, sein Antrag genehmigt wurde. Damals wohnte der junge Familienvater mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn in Halle. „Eine Zweiraumwohnung in einem kleinen Hinterhof, wo alles dunkel und grau und eng war.“

Die Streiflings gingen nach Köln. „Hier war alles so anders“, sagt der 52-Jährige und hat die Bilder noch genau vor Augen. „Ein Kulturschock. So bunt und frisch und beeindruckend alles. Auf dem Domplatz standen überall Straßenmusiker, Maler und andere Künstler, die totale Reizüberflutung. Es war für uns wie eine andere Welt.“

Auf der Fan-Meile zur Fußball-WM 2006 in Berlin: Höhner-Frontmann Henning Krautmacher (re.) setzt seinen Saxofonisten Jens Streifling in Szene. Quelle: Michael Gottschalk/ddp

Doch der Anfang im westlichen Teil Deutschlands war nicht leicht. „Ich bin erstmal zum Arbeitsamt und habe mich als Musiker gemeldet.“ Sein erster Job führte Jens Streifling bald nach Kanada, drei Monate lang ins große Sehnsuchtsland der Deutschen. „Wir sind dort in Lederhosen aufgetreten und haben Volksmusik gespielt“, sagt der ausgemachte Rockmusiker. „Aber das war nicht schlimm, in Kanada gibt es nicht dieses Schubladendenken wie in Deutschland. Sie ziehen dort nicht so eine Grenze zwischen Rock- und Volksmusik. Es hat einfach Spaß gemacht.“

Wolfgang Niedecken war begeistert von dem Mann aus Kitzscher

Wieder zu Hause verdingte sich der junge Mann als Theatermusiker, fand zur ersten Kölschen Bluesband "Viva la Diva" – und lernte die Jungs von Bap und den Höhnern kennen. Wolfgang Niedecken war schwer begeistert von dem Kitzscheraner. Gitarre, Saxofon, Mundi, Schlagzeug – diese Vielfalt und Virtuosität in einer Person ist selten. „Irgendwann kam Niedecken auf mich zu und fragte mich, was ich so alles spiele. Er gab mir dann die Möglichkeit, mich in der Profimusik zu beweisen. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.“

Aus dem Probespielen wurden acht unvergessliche Jahre mit BAP, in denen er seinen alten P16-Kumpel Michael Naß aus Borna mit in die Band holte. Nach dem Tod von Gerhard Gundermann im Juni 1998 empfahl ihn Streifling als neuen Saxofonisten. Er selbst war nebenbei noch für andere Musiker unterwegs, ging unter anderem mit Udo Lindenberg auf Tour, mit Guildo Horn und Pankow.

Höhner sind mehr als eine Kölner Karnevalsband

Irgendwann standen auch die Höhner auf der Matte, DIE Kölner Kultband, und fragten an, ob er in der Karnevalszeit ein bisschen aushelfen könne. Streifling konnte. „Wir mochten uns von Anfang an und Bap hatte gerade eine längere Pause eingelegt. Also kam das Angebot gerade recht.“ Nun also die Höhner. Viel mehr als eine Kölner Karnevalsband, sondern ein Großunternehmen mit eigenen Technikern. Hier herrscht das ganze Jahr Rock`n`Roll. Mittlerweile ist Jens Streifling Mitgesellschafter der Band.

Das klassische Höhner-Jahr beginnt mit dem Karneval im Januar und Februar. Es folgen eine Frühjahrstour, die Roncalli-Zirkusshow im Mai, Open-Airs quer durchs Land, die Klassik-Tour, Herbst-Tour, Karnevalauftakt im November und im Dezember die beliebten Weihnachtsshows. Allein in diesem Jahr standen 22 im Terminkalender. „Ein straffes Programm“, sagt der Gitarrist, der jede einzelne Minute auf der Bühne und auf Tour genießt und ansonsten in seinem Studio Songs für andere Künstler produziert. Dieses Jahr brachten die Höhner ihre dritte Weihnachts-CD auf den Markt. Fröhlich und festlich, rockig und melodiös – mit ganz viel Gänsehaut-Jeföhl, wie der Kölner sagt.

Nachdem Mitte Dezember der letzte Ton verklungen war, „haben wir alle bissl Urlaub gemacht. Heiligabend bin ich traditionell zu Hause“, sagt der Familienvater. Zu Hause, das ist in Bornheim – und ein bisschen auch noch in Kitzscher. Jedes Jahr kommt seine große Familie zum Weihnachtsessen im Gasthof Thierbach zusammen. 35 bis 40 Mann. „Das ist für meine Mama immer ein Highlight. Sie sieht dann endlich einmal alle ihre Kinder und Enkel und Urenkel. Wir singen gemeinsam Weihnachtslieder, essen Gans, verteilen die Geschenke und unterhalten uns. Ich genieße das immer sehr.“

Zu Klassentreffen schafft es Streifling fast nie

Seine Mama und seine Schwester, die heute in Leipzig lebt, sieht Streifling nur sehr selten. „Ich versuche schon, ein- bis zweimal im Jahr nach Hause zu kommen“, erzählt er, „meist verbinde ich das mit Auftritten in der Nähe. Aber es ist schon extrem schwer, alles unter einen Hut zu bekommen.“

Von Klassentreffen oder Besuchen bei alten Schulfreunden ganz zu schweigen. „Klassentreffen musste ich leider immer absagen. Ich werde denen mal vorschlagen, dass wir sie auf einen Montag oder Dienstag verlegen. Da habe ich manchmal Zeit. Irgendwann wird es schon klappen.“ Zu seinem alten Kumpel Sven Hofrichter aus P16-Zeiten hält der Musiker bis heute Kontakt. „Er lebt in Andalusien. Wir mailen uns ab und zu und sind über Facebook befreundet."

Bei allem Termindruck: Zeit zum Entspannen nimmt sich der Vollblutmusiker immer wieder mal. Dann geht er in die Sauna oder unternimmt eine Tour in die nahegelegenen Weinberge. Zusammen mit seiner Frau besucht er Schlösser und geht gern spazieren. „Rund um Bornheim ist viel Grün, da kann ich wunderbar die Ruhe genießen."

Von Kathrin Haase