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Borna Landkreis Leipzig: Crystal weiter auf dem Vormarsch
Region Borna Landkreis Leipzig: Crystal weiter auf dem Vormarsch
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08:52 14.06.2018
Der Antidrogenzug „Revolution Train" stellt in mehreren Waggons die Chronologie einer Suchtkarriere dar. Für den Halt am 18. und 19. Juni in Borna sind rund 600 Schüler aus der ganzen Region angemeldet. Quelle: dpa
Landkreis Leipzig/Borna

Der Landkreis will es im Kampf gegen Drogen nicht beim Verteilen von Flyern oder Vorträgen belassen. Kreischef Henry Graichen (CDU) hat deshalb ein Aufsehen erregendes Präventionsprojekt in die Region geholt: Der tschechische Antidrogenzug „Revolution Train“ macht am 18. und 19. Juni in Borna Station. An den zwei Tagen sollen vor allem Schulklassen für das Thema sensibilisiert werden.

Illegale Drogen sind längst auch im Landkreis gesellschaftsfähig geworden. „Das geht durch alle Schichten“, bestätigt Gunar Rietzsch-Matros, seit Jahren in der Suchtprävention des Gesundheitsamtes tätig. „Viele versprechen sich dadurch, ihre Leistung zu steigern, was ja anfangs auch gut klappt.“ Ging es früher eher darum, sich in Scheinwelten zu flüchten, wollen Betroffene heute mithalten, den Anforderungen der Leistungsgesellschaft entsprechen, die keine Durchhänger kennt: „Da ist der Anwalt ebenso unter den Konsumenten wie der Gerüstbauer oder der Schüler, der unter Drogen seine Prüfungen schreibt“, erzählt der Sozialpädagoge. Selbstständige, denen ihre Firma über den Kopf wächst, tauchen ebenso ab ins Reich der Rauschmittel wie Alleinerziehende, die ihr Alltag überfordert. Häufig würden junge Frauen zu der schnell abhängig machenden Modedroge Crystal greifen. „Manche versprechen sich davon eine Gewichtsabnahme und vergessen dabei, was sie ihrem Körper antun.“ Eine Betroffene habe ihm erzählt, dass sie Crystal brauche, um zu funktionieren. „Ihren Alltag könne sie sonst nicht bewältigen, schilderte die junge Mutter.“

Körperliche Spätfolgen nicht immer sichtbar

Der äußere Schein bleibt dabei vielfach gewahrt. „Sie werden nicht gleich jedem Süchtigen ansehen, dass er auf Droge ist“, weiß Rietzsch-Matros aus seiner jahrelangen Arbeit mit Betroffenen. Vorher-Nachher-Bilder von menschlichen Wracks würden zwar im Internet kursieren. Sie zeigen Meth-Junkies oft zahnlos, mit fahlem Gesicht, toten Augen. Doch derlei Entstellungen sind nach Erfahrungen der örtlichen Suchtberater eher die Ausnahme. Vor allem die körperlichen Spätfolgen, unter denen Konsumenten leiden, würden ohnehin nicht ohne Weiteres sichtbar.

Der Revolution Train – Antidrogenzug kommt am 18. und 19. Juni nach Borna. Quelle: PeLucha

Revolution Train ist ein deutsch-tschechisches Projekt

Neben Zigaretten und Alkohol warnt der Revolution Train die Jugendlichen vor allem vorm Gebrauch illegaler Drogen wie Heroin, Cannabis und Crystal Meth. Vor allem die kleinen Kristalle versetzen die sächsischen Drogenpolitiker seit langem im Alarmbereitschaft. Vor über 15 Jahren warnten tschechische Polizisten erstmals ihre sächsischen Nachbarn, dass da etwas im Anrollen sei. Die Grenznähe beschert dem Freistaat seitdem eine regelrechte Crystal-Schwemme. Was sich auch in der beschlagnahmten Menge niederschlägt: Im Vorjahr konfiszierten die Beamten deutschlandweit die Rekordmenge von 114 Kilo Crystal, davon 65 Kilo – über die Hälfte – in Sachsen. Auch das ein Alarmzeichen: Im Abwasser der Stadt Chemnitz wurden so viel Crystal-Rückstände nachgewiesen, wie in keiner anderen der 60 untersuchten europäischen Städte.

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Gepostet von Revolution Train - Antidrogenzug am Freitag, 8. Juni 2018

Allein diese Fakten machen das Problem deutlich, vor dem auch der Landkreis steht. „Vor allem in Sachen Prävention“, so Landrat Henry Graichen (CDU), „müssen wir noch mehr tun.“ Während sich zum Beispiel die Leipziger Stadtväter noch sträuben, den Antidrogenzug zu ordern, war für Graichen schnell klar: „Das ist ein Weg, das Problem auf ganz andere Weise zu vermitteln.“ Die Idee habe er aus dem Erzgebirgskreis mitgebracht. „Dort machte der Revolution Train schon Station, ähnlich wie in vielen anderen Grenzregionen zu Tschechien.“ Im Landkreis sei das Projekt anschließend unter anderem im Kommunalen Präventionsrat vorgestellt worden. „Am Ende waren wir uns einig: Diesen Zug holen wir in den Landkreis.“

Zahl der Betroffenen seit Jahren hoch

Auch rund um Borna und Grimma ist die Zahl der Hilfesuchenden konstant hoch. „Beratungsangebote werden jährlich von rund 200 bis 300 Klienten wahrgenommen“, berichtet Kristin Koch, Mitarbeiterin des Jugendamtes, die das Projekt Revolution Train betreut. Dass vor allem die Modedroge aus Tschechien Probleme macht, zeigt sich auch daran: Im Vorjahr suchten 239 Crystal-Abhängige die Beratungsstellen auf, im Jahr 2015 waren es 276 und im Jahr darauf 280 Süchtige. Unterm Strich ein leichter Rückgang, den sich Experten vor allem so erklären: Die Betroffenen würden sich gleich in Therapie begeben, weil sie schon ganz unten angekommen sind.

Grimma, Markranstädt und Borsdorf sind Hochburgen bei Rauschgift-Delikten Jugendlicher

Ein Netz, das die Süchtigen auffängt, spannt sich über den ganzen Landkreis. Muss es auch, wie Zahlen zu Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz belegen. Anhand von Daten, die zur Straffälligkeit von Jugendlichen vorliegen, lassen sich durchaus regionale Schwerpunkte ausmachen. Demnach wurden im Jahr 2016 in Grimma 70, in Markranstädt 52 und in Borsdorf 47 Rauschgiftdelikte registriert. Im Jahr 2015 lagen Grimma mit 74 Fällen, Naunhof (42) sowie Machern (30) auf den unrühmlichen Spitzenplätzen.

Falsch sei, das Thema Drogen totzuschweigen. „Jugendliche werden früher oder später in den Kontakt mit legalen wie illegalen Rauschmitteln kommen“, ist Sozialpädagoge Gunar Rietzsch-Matros realistisch. „Unsere Aufgabe besteht darin, das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen zu stärken, sie über die Wirkung von Drogen und die damit verbundenen Gefahren aufzuklären.“ Der Antidrogenzug sei dafür ein geeignetes Mittel. „Am Anfang war ich skeptisch“, räumt der Landkreis-Mitarbeiter ein. Aber nach einem zweitägigen Vorbereitungs-Aufenthalt in Prag zeigte sich der Suchtexperte überzeugt: „Der Zug stellt einen besonderen Ansatz dar. Anhand persönlicher Schicksale erfahren die Jugendlichen hautnah und interaktiv, wie ein Leben durch Drogen aus dem Ruder laufen kann.“

Revolution Train

Einfahrt hat der Revolution Train am 18. Juni auf Gleis 1 des Bornaer Bahnhofs. Während des zweitägigen Zug-Halts werden rund 600 Schüler und 300 weitere Interessenten aus dem gesamtem Landkreis erwartet. „Ein Rahmenprogramm wurde ebenfalls vorbereitet“, ergänzt Kristin Koch vom Landratsamt. Jugend- und Gesundheitsamt, Diakonie, das Jugendforum der Lokalen Partnerschaft für Demokratie sowie das Kinder- und Jugendtelefon sind mit Aktionen vor Ort. Auf dem Bahnsteig werden unter anderem alkoholfreie Cocktails gemixt und mit einer „Rauschbrille“ die Wirkung von Drogen simuliert.

Der Zug richtet sich an Schüler ab zwölf Jahren. In Begleitung eines Erziehungsberechtigten haben Kinder bereits ab zehn Jahren Zutritt. Das Projekt wird durch den Landkreis finanziert mit Unterstützung der Sponsoren VR-Bank Muldental, Sana Klinikum Borna sowie der Lippendorfer Kraftwerke AG.

Für die Öffentlichkeit gibt es an beiden Tagen von 16.30 bis 20 Uhr noch die Möglichkeit, an einer Führung teilzunehmen (Anmeldungen bei Kristin Koch unter 03437/984 2227 oder kristin.koch@lk-l.de).

Von Simone Prenzel

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