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Borna Landwirt kämpft seit zehn Jahren gegen Zerstörung von Pödelwitz
Region Borna Landwirt kämpft seit zehn Jahren gegen Zerstörung von Pödelwitz
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08:00 11.07.2019
Landwirt Jens Hausner steht auf seinem Feld, im Hintergrund sein Heimatdorf Pödelwitz. Quelle: Claudia Carell
Pödelwitz

Ein Wachmann läuft durchs Dorf. Das 670 Jahre alte Pödelwitz, in dem heute noch 23 Menschen leben, wird rund um die Uhr bewacht. Das geschieht im Auftrag der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Mibrag) zur Sicherung ihrer Grundstücke, 80 Prozent des Ortes gehören dem Bergbauunternehmen, sagt Jens Hausner. Er ist einer von den verbliebenen Einwohnern und Sprecher der Bürgerinitiative Pro Pödelwitz. Der 53-jährige Landwirt scherzt: „Wir werden hier bewacht wie die Reichen in Beverly Hills.“

Die meisten Häuser im Dorf sind vernagelt und verrammelt, da wohnt keiner mehr. 2009 sprachen sich bei einer Bürgerversammlung 90 Prozent der damals 130 Einwohner für die Umsiedlung aus. Das ist seit Jahren auch das Hauptargument der Mibrag für die Vorbereitung der Devastierung.

Ein Riss ging durch den Ort

Seit dieser Abstimmung teilte sich das Dorf in viele „Geher“ und wenige „Bleiber“, ein Riss ging durch den Ort. Die einen wollten nicht zwei Jahrzehnte lang Staub und Lärm des Tagebaus ertragen, die anderen ihre Heimat nicht für eine Entschädigung verkaufen. Die meisten Umsiedler leben heute in Groitzsch, einige auch in anderen Orten.

Mit öffentlichkeitswirksamen Protesten macht Pödelwitz seit Jahren auf seine Situation aufmerksam und will damit den Erhalt des Ortes erreichen. Hier einige Beispiele.

Hausner steht in seinem Pödelwitzer Vierseitenhof, der seit 300 Jahren der Familie seiner Frau gehört. Er fühlt sich verwurzelt und denkt nicht daran, diesen Ort zu verlassen. Der Mann winkt ab. Ach, es gehe bei der Sache doch nicht um ihn. „Wir sind hier alle ziemlich idealistisch unterwegs“, meint er und redet gern übers Große und Ganze.

Darüber, dass in Mitteldeutschland 126 Orte der Braunkohle weichen mussten und der Schaden die Region noch Hunderte Jahre beschäftigen werde. Darüber, dass Energie heute anders gewonnen werden kann und der Kohleausstieg greifbar sei. Darüber, dass die Pödelwitzer Kohle fürs Kraftwerk überhaupt nicht mehr gebraucht werde. Darüber, dass die nachfolgende Generation wütend ist, weil ihr Lebensraum zerstört werde. Und auch darüber, dass der Klimawandel weltweit viele Menschen aus ihrer Heimat vertreiben und dies Folgen für Europa haben werde.

Pödelwitz über der Tagebaukante. Quelle: Jens Paul Taubert

Im Rückblick beschreibt er, wie überfahren er und seine Mitstreiter sich 2009 und in den Folgejahren fühlten. Die Argumente zu Tagebaulärm und -staub seien seiner Meinung nach nicht richtig geführt worden, weil Pödelwitz gar nicht in der Hauptwindrichtung liege und weit weniger betroffen sei als Deutzen und Neukieritzsch.

Es gab Momente, „als wir dachten, wir schaffen das nicht“

2012 wurde die Bürgerinitiative (BI) Pro Pödelwitz gegründet, deren Sprecher er bis heute ist. Die Initiative informierte damals 90 Zeitungen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. „Wir suchten auch Verbündete in der Politik“, berichtet er. Unterstützung habe man lediglich bei den Grünen gefunden. Obwohl es viele Gespräche mit kommunalen und Landespolitikern anderer Parteien gab. „Sie berufen sich derzeit alle nur auf das Kohleausstiegsgesetz und warten ab“, kritisiert Hausner.

„Im Jahr 2012 standen wir fragend vor uns selbst“, erinnert er sich. Es habe Momente gegeben, „als wir dachten, wir schaffen das nicht“. Drei Jahre später begann die deutschlandweite Unterstützung durch Klima-Allianz, Greenpeace und Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Die gesamte Klima-Bewegung steht heute hinter uns, das ist ein ganz wichtiger Rückhalt“, meint er und Stolz schwingt in seiner Stimme.

Mit Roda Verheyen habe man eine Koryphäe unter den Rechtsanwälten, die die BI vertritt. Im Notfall sei ein Klagebündnis mit den Umweltverbänden sicher. Dieser fachliche Beistand sei notwendig, als Laie könnte man das gar nicht allein schaffen. Geklagt werden könne erst, wenn die Genehmigung zur Devastierung von Pödelwitz vorliegt, was derzeit nicht der Fall sei.

Neu ist das Engagement der Initiative im Bündnis „Alle Dörfer bleiben“, das im Februar 2019 gegründet wurde. Orte aus ganz Deutschland, die überbaggert werden sollen, haben sich dort zusammen geschlossen. Es geht darum, eine Stimme in der Debatte zu bekommen.

An den Wiederaufbau des Ortes wird heute schon gedacht

Auch an den Wiederaufbau dieser Dörfer werde schon heute gedacht. „Es ist möglich. Im nahen Dreiskau-Muckern haben wir es erlebt“, sagt der Pödelwitzer. Der Ort bei Espenhain war nahezu leer gewohnt und sollte devastiert werden, heute gilt er als eins der schönsten Dörfer im Leipziger Süden.

Wenn Klima-Aktivisten aus Leipzig und ganz Deutschland nach Pödelwitz kommen, wird dies durchaus auch kritisch gesehen, zum Beispiel wenn sie Braunkohlebagger besetzen. Hausner spricht von „Aktionsformen des zivilen Ungehorsams“, um auf falsche politische Entscheidungen zu reagieren. Das sei im Notfall erlaubt, genauso wie ein Streik der Gewerkschaft, findet er. Wichtig sei, dass es immer um wesentliche Inhalte geht.

Mibrag hält an Umsiedlung fest

Zehn Jahre Kampf um Pödelwitz. Noch ist nichts entschieden. Die Mibrag hält an der Umsiedlung des Ortes fest, sagte Bastian Zimmer, Planungsdirektor des Unternehmens im März dieses Jahres. Dennoch ist Jens Hausner zuversichtlich für seine Ziele. Die Zeiten seien günstig: Der Kohleausstieg ist ein großes Thema, das Kraftwerk Lippendorf fährt derzeit nur halbe Kraft, die Großstadt Leipzig orientiert sich mit ihrer Energie-Versorgung um.

Gab es vor Jahren häufig noch Skepsis oder auch Kritik von Bürgern der Region, „die Stimmung hat sich komplett gedreht“. So mancher würde heute zu ihm sagen: „Na, ihr habt’s wohl jetzt geschafft!“

Eine der vielen Protestaktionen: Jens Hausner, Sprecher der Bürgerinitiative Pro Pödelwitz, übergab im September 2018 seine Online-Petition mit mehr als 93.000 Unterschriften gegen die Zwangsenteignung für den Kohleabbau an die Kohlekommission der Bundesregierung. Quelle: LVZ-Archiv

Diese zehn Jahre waren für den Pödelwitzer nicht einfach. Aber: „Ich habe ganz wichtige Erfahrungen gemacht, tolle Leute kennen gelernt, die ich sonst nicht getroffen hätte, und über den Tellerrand geschaut. Es war ein persönlicher Gewinn.“ Und er, heute Grünen-Stadtrat in Groitzsch, habe in einer Zeit der Politikverdrossenheit gelernt, dass sich mit Engagement etwas bewegen lässt, dass man mitgestalten kann – auch wenn es anstrengend und nervenaufreibend ist.

Von Claudia Carell

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