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Borna Letzte Flüchtlinge verlassen Lobstädt
Region Borna Letzte Flüchtlinge verlassen Lobstädt
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17:54 21.03.2019
Die letzten Asylbewerber haben am Donnerstag mit Großraumtaxis die Gemeinschaftsunterkunft in Lobstädt verlassen.
Die letzten Asylbewerber haben am Donnerstag mit Großraumtaxis die Gemeinschaftsunterkunft in Lobstädt verlassen. Quelle: André Neumann
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Neukieritzsch/Lobstädt

Fast auf den Tag genau nach drei Jahren haben am Donnerstag die letzten Asylbewerber die Gemeinschaftsunterkunft in Lobstädt verlassen. Mehrere Frauen und Männer verstauten ihren Hausrat in Großraumtaxis, die sie in Wohnungen oder zu anderen Gemeinschaftsunterkünften im Landkreis brachten. Polizisten in zwei Fahrzeugen überwachten den Auszug.

Asylunterkunft sorgt in Neukieritzsch für Unmut

Als der Landkreis Leipzig im November 2015 seine Pläne veröffentlichte, die ehemalige Berufsschule des Braunkohlenwerkes am Ortsrand von Lobstädt in Richtung Großzössen als Flüchtlingsunterkunft zu nutzen, schlug das in ganz Neukieritzsch mächtige Wellen.

Die Gemeinde fürchtete um ihr gerade erst mit viel Aufwand erschlossenes Baugebiet in der Grenzstraße direkt neben der Berufsschule. Anwohner sorgten sich in der damals ohnehin aufgeheizten Stimmung um die Sicherheit von Frauen und Kindern. Das jedenfalls kam auf einer Einwohnerversammlung kurz vor dem ersten Bezug der Unterkunft zur Sprache.

Eigentlich wollte der Landkreis die Unterkunft schon im November 2015 beziehen lassen. Das aber vereitelte ein Brandanschlag, der unmittelbar nach Bekanntwerden der Pläne auf das noch leere Gebäude verübt worden war.

Zusammenleben in Lobstädt hat funktioniert

Ab Ende des Monats wird die ehemalige Berufsschule in Lobstädt wieder leer stehen. Der Kreis muss trotzdem weiter an den Eigentümer zahlen. Quelle: André Neumann

Es dauerte dann bis Anfang März 2016, ehe die ersten Flüchtlinge in die Unterkunft zogen. Rund eine Woche zuvor hatten Unbekannte noch einmal einen Anschlag verübt. Sie warfen Steine gegen das Gebäude, die mehrere Scheiben zerstörten. Außerdem wurde hinterher ein übler Geruch von einer Chemikalie festgestellt.

Drei Jahre später fällt die Bilanz von Ortsvorsteher Claus Meiner und vom Neukieritzscher Bürgermeister Thomas Hellriegel (CDU) ganz anders aus, als damals zu befürchten war. „Das hat alles gut funktioniert und ist unspektakulär abgelaufen“, sagt Hellriegel, der sich an keine Mitteilungen über etwaige Vorkommnisse im Ort erinnern kann. Von Zwischenfällen in der Unterkunft selbst habe kaum jemand etwas mitbekommen.

Asylbewerber in Fußballmannschaft integriert

Gesehen habe man die Asylbewerber nur auf dem Weg zwischen Bahnhof und Unterkunft oder auf dem Fahrrad, sagt Hellriegel. Der Lobstädter Sportverein TSV habe sich zudem mit um die Bewohner gekümmert und einige für seine erste Fußballmanschaft gewonnen.

Die meisten würden dort noch immer spielen, obwohl sie schon in anderen Unterkünften wohnen, sagt TSV-Chef und Ortsvorsteher Claus Meiner. „Mit den Anwohnern hat es keine Probleme gegeben, ich habe davon nichts gehört“, fügt er hinzu. Besonders erfreulich sei, das trotz anfänglicher Befürchtungen das Baugebiet verkauft und schon nahezu komplett bebaut sei.

Gänzlich geräumt wird die Unterkunft am 30. März, teilt Brigitte Laux, Sprecherin des Landratsamtes, auf LVZ-Anfrage mit. Mehr als 110 Asylbewerber seien nie in der Lobstädter Unterkunft gewesen, zumeist weniger.

Bewohner auf andere Unterkünfte verteilt

Die Bewohner seien frühzeitig über den Umzug informiert worden. Bei ihrer Aufteilung auf andere Einrichtungen oder Wohnungen habe man auf persönliche Verhältnisse wie Schulbesuch, Arbeit oder Integrationsmaßnahmen Rücksicht genommen. Deswegen, so Laux, habe beispielsweise der Umzug von Familien mit schulpflichtigen Kindern in den Winterferien stattgefunden.

Den Vertrag mit dem Betreiber der Unterkunft hat der Kreis schon im Oktober gekündigt, „um eine Vertragsverlängerung auf unbefristete Zeit auszuschließen“. Anders sieht das mit Pacht- beziehungsweise Mietvertrag für das in privatem Besitz befindliche Gebäude aus. Zwar hält das Landratsamt sich an dieser Stelle mit Informationen zurück, doch dem Vernehmen nach hat der Landkreis die Berufsschule in Lobstädt wie auch den Campus in der Witznitzer Werkstraße in Borna für zehn Jahre gepachtet.

Landkreis bleibt auf Mietvertrag sitzen

Während in Borna die Unterkunft weiter betrieben wird, zahlt der Kreis in Lobstädt demnächst also viel Geld für eine ungenutzte, leer stehende Immobilie. „Zur Zukunft des Gebäudes ist der Landkreis im Gespräch mit dem Vermieter“, sagt Brigitte Laux.

Aus dem Mund von Bürgermeister Thomas Hellriegel klingt das freilich etwas anders. Der Kreis hat mit der Gemeinde gesprochen, unter anderem darüber, ob das Gebäude in Lobstädt als Kindertagesstätte in Frage käme. Bedarf hätte Neukieritzsch in der Zukunft, spätestens dann, wenn sich das geplante Wohngebiet Kahnsdorf-Nord füllt.

Allerdings sind derartige Gedankenspiele im Moment vom Tisch, weil Neukieritzsch keinen Kindergarten in einem gemieteten Gebäude unterbringen möchte. Und über einen Verkauf oder eine Abkehr vom noch laufenden Vertrag mag der Eigentümer derzeit offenbar überhaupt nicht reden.

Von André Neumann