Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Borna Mindestlohn: Fluch oder Segen? Das sagen Betroffene im Landkreis Leipzig
Region Borna Mindestlohn: Fluch oder Segen? Das sagen Betroffene im Landkreis Leipzig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:05 14.08.2019
Der gesetzliche Mindestlohn für Friseurinnen liegt bei 9,19 Euro. „Wer arbeitet, soll auch davon leben können“, sagt Salon-Inhaberin Ellen Diesman (stehend vorn) in Bad Lausick. Quelle: Jens Paul Taubert
Landkreis Leipzig

Bremst der gesetzliche Mindestlohn die Wirtschaft aus oder führt er zu einem gerechten Lohn? Betroffene Berufsgruppen, Arbeitgeberverband und Gewerkschaft denken darüber unterschiedlich.

Mindestlohn in der Friseurbranche liegt bei 9,19 Euro die Stunde

Das sagt die Friseurin: „Wer arbeitet, soll auch davon leben können“, meint Ellen Diesman aus dem Bad Lausicker Friseursalon in der Rochlitzer Straße. Mindestlohn bedeute in der Friseurbranche derzeit 9,19 pro Stunde. Wer 40 Stunden die Woche arbeitet, bekommt brutto rund 1470 Euro. „Wenn man da diskutiert, ob das bezahlt werden soll, finde ich das nicht in Ordnung. Es ist ja immer noch zu wenig“, sagt die 47-Jährige.

Sie führt ihr Geschäft seit 18 Jahren. „Am Anfang war es schwierig“, berichtet sie. Damals war sie mit ihren Kolleginnen auf Dorf- und Stadtfesten präsent, startete zahlreiche Aktionen, um auf sich aufmerksam zu machen. Inzwischen hat sie viele Erfahrungen, einen gut laufenden Salon mit drei festangestellten Friseurinnen – und zahlt mehr als den Mindestlohn.

Kunden haben meist Verständnis

Der Grundlohn bei ihr liege bei 9,50 Euro pro Stunde, außerdem würden ihre Kolleginnen am Umsatz beteiligt. Sie bemühe sich, dass der Lohn stetig steigt, „denn es wird ja alles teurer“. Sicher müsse dies am Ende auf die Kunden umgelegt werden. Doch in Gesprächen werde immer wieder deutlich, dass es dafür meist Verständnis gibt.

Seit vier Jahren gibt es den gesetzlichen Mindestlohn. Im Jahr 2015 betrug er 8,50 Euro pro Stunde. Zudem gibt es Branchenmindestlöhne, die derzeit zwischen 11,27 und 17,25 Euro liegen. Quelle: dpa-Zentralbild

Für Ellen Diesman ist das der richtige Weg: „Das Geschäft läuft gut und ich habe tolle Mitarbeiterinnen. Wir brauchen keine Angst zu haben, weil wir so viele treue Kunden haben.“ Wichtig sei für sie das gute Klima im Salon. Wesentlich seien zudem regelmäßige Weiterbildungen.

Mindestlohn für Azubis „schwierig“

Ihr Geschäft bildet auch aus. Gestaffelt nach Ausbildungsjahren erhält ein Azubi aktuell zwischen 230 und 350 Euro pro Monat – in anderen Branchen werde mehr als das Doppelte gezahlt. Der Mindestlohn für Lehrlinge wird derzeit diskutiert, meint die Salon-Inhaberin – und sieht dies kritisch.

Denn: Für die überbetriebliche Ausbildung muss sie Geld an die Handwerkskammer zahlen. Ein Lehrling braucht Anleitung durch eine Kollegin, die in dieser Zeit keine Kunden bedienen kann. Als Chefin versuche sie stets, ihre Auszubildende individuell zu unterstützen. Doch wenn der Mindestlohn für Lehrlinge kommen sollte, würde dies ihrer Meinung nach im Friseurhandwerk „schwierig“ werden – und vielleicht dazu führen, dass weniger ausgebildet wird.

Immer noch Unterschied zwischen Ost und West

Das sagt die Altenpflegerin: Für die rund 800.000 Pflegekräfte in Deutschland wurde per 1. Januar 2019 ein Mindestlohn von 11,05 Euro (West) und 10,55 Euro (Ost) vereinbart. „Ich kann nicht nachvollziehen, dass immer noch selbst beim Mindestlohn ein Unterschied zwischen Ost und West gemacht wird“, sagt Katrin Colditz, Leiterin des Azurit-Pflegeheims in Borna. Das sei ein generelles Problem.

Die Pflegegruppe Azurit geht neue Wege – auch beim Lohn. Heimleiterin Katrin Colditz (li.) hier mit Pflegedienstleiterin Heike Mölau und Peter Huber von der Bereichsleitung vor dem Azurit-Pflegeheim in Borna. Quelle: Claudia Carell

Überhaupt werde über das Thema, dass Pflegekräfte besser bezahlt werden müssen, schon zu lange geredet. Auch wenn es derzeit „gute Ansätze in der Politik“ gebe, sei immer noch nichts Bahnbrechendes erreicht.

Bessere Bezahlung, um Fachkräfte zu bekommen

Fakt sei, dass die Leute besser bezahlt werden müssen – auch um den Fachkräftemangel besser in den Griff zu bekommen. Die Pflegegruppe Azurit geht nun eigene Wege. Per 1. März 2019 wird ihren Angestellten ein Lohn gezahlt, der dem öffentlichen Tarif angepasst ist, sagt die Heimleiterin, „und zwar in Ost und West gleich“. Das Gehalt liegt damit deutlich über dem Mindestlohn.

Das sei nur zu finanzieren, wenn die Kosten für die Bewohner steigen. Viele der Senioren würden deshalb nun staatliche Hilfe der Arbeitsagentur benötigen, zum Beispiel in Form von Wohngeld, Aufstockungsbeiträgen oder Taschengeld. In Westdeutschland würde dies einen Großteil der Pflegeheimbewohner treffen, im Osten waren es bisher weit weniger.

Erste Erfolge: Keine Leasingkräfte mehr

Der „neue“ Lohn orientiert sich neben dem Tarif auch an Betriebszugehörigkeit, Berufserfahrung und Zusatzqualifizierung und fällt deshalb von Fachkraft zu Fachkraft unterschiedlich hoch aus, so Colditz. Doch selbst bei den Pflegehelfern werde mehr als Mindestlohn gezahlt. Die Auszubildenden sollen ab September mehr Geld bei Azurit bekommen. Auch hier geht die Pflegegruppe neue Wege, indem Lehrlinge in Vietnam angeworben werden.

Obwohl erst seit einem knappen halben Jahr öffentlicher Tarif in diesem Bornaer Pflegeheim gilt, zeigt dies schon Wirkung. „Wir haben keine Leasingkräfte mehr“, so die Heimleiterin. Über Jahre beschäftigte das Haus immer rund vier Angestellte aus Zeitarbeitsfirmen, weil es nicht genügend Festangestellte gab. Derzeit seien alle Stellen besetzt. Was Katrin Colditz besonders freut: „Unsere Mitarbeiter sind dadurch auch motivierter.“ Im Bornaer Azurit-Heim werden 128 Senioren betreut, 64 Angestellte arbeiten dort.

Betriebe im Handwerk ausgebremst

Das sagt der Dachdecker: Mindestlohn ist für uns ein ganz schwieriges Thema“, meint ein Dachdeckermeister aus dem Landkreis Leipzig, „Das hat viele Betriebe ausgebremst. Sie haben entweder weniger Mitarbeiter oder sind ganz verschwunden.“ Er möchte eigentlich öffentlich nicht darüber reden – und daher namentlich nicht genannt werden. Mehrere Firmen im Landkreis Leipzig winkten bei der LVZ-Anfrage zum Mindestlohn gleich ab und wollten sich nicht äußern.

Der Handwerksmeister kenne eine Reihe von Firmen, bei deren Aus der Mindestlohn eine entscheidende Rolle spielte. Nach seinen Schätzungen schrumpfte bei Dachdecker-Unternehmen, die im ländlichen Raum in der Regel drei bis acht Angestellte haben, die Belegschaft um rund zwanzig Prozent. „Und es wurde deshalb auch weniger ausgebildet – was uns jetzt auf die Füße fällt.“

„Harte Zeiten“ bei Konjunkturschwäche

In der derzeitigen Phase des Baubooms sei es nicht schwierig, Mindestlohn zu zahlen, „aber wir hatten auch andere Zeiten“. Damals stagnierten die Preise, doch die Löhne mussten gezahlt werden: „Wir haben alles angenommen, was es irgendwie an Arbeit gab. Das waren ganz harte Zeiten.“

Er persönlich sehe das Thema kritisch. Wenn der Mitarbeiter einen Euro brutto pro Stunde mehr bekommt, müssten alles in allem mit Steuern und sämtlichen Nebenkosten drei Euro mehr berechnet werden „und am Ende bekommt er netto zur 60 Cent mehr raus“. Der Branchenmindestlohn für Dachdecker liegt aktuell bei 13,20 Euro.

Weniger Jobs durch Mindestlohn

Der gesetzliche Mindestlohn startete mit Übergangsphasen und Ausnahmen Anfang 2015 mit 8,50 Euro. Seit Anfang 2019 liegt er bei 9,19 Euro. Darüber hinaus gibt es Branchenmindestlöhne zwischen 11,27 und 17,25 Euro.

Viele Ökonomen hatten vor einem gesetzlichen Mindestlohn gewarnt und gingen davon aus, dass bis zu 900.000 Jobs in Deutschland gefährdet sein könnten. So schlimm ist es nicht gekommen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnete 2018 aus, dass 40.000 bis 60.000 Jobs durch den Mindestlohn verschwanden oder gar nicht erst entstanden. Andere Studien sprechen von 80.000 Arbeitsplätzen.

Ohne die gute Konjunktur der vergangenen Jahre wäre die Zahl der verschwundenen Jobs womöglich höher ausgefallen, meinen einige Ökonomen. Dem IAB zufolge gingen vor allem Minijobs verloren. Der Mindestlohn soll außerdem die Automatisierung beschleunigt haben – einfache Arbeiten machen eher Maschinen als Menschen.

In Ostdeutschland sollen mehr Jobs verloren gegangen sein, weil dort die Löhne niedriger sind und der Mindestlohn deshalb eher ein Anreiz war, eine Stelle zu streichen oder nicht neu zu besetzen, hieß es weiter.

Auch außerhalb der EU sind Mindestlöhne verbreitet – allerdings oft auf weit niedrigerem Niveau. In der Ukraine sind es umgerechnet 78 Cent pro Stunde, in Russland 88 Cent, in Brasilien 1,05 Euro, in der Türkei 2,30 Euro, in den USA 6,14 Euro, in Japan 6,70 Euro, in Neuseeland 9,67 Euro und in Australien 11,98 Euro. Innerhalb der EU gibt es ebenfalls große Unterschiede. So werden in Litauen 3,39 Euro pro Stunde bezahlt, in Tschechien 3,11 Euro, in Polen 3,05 Euro und in Rumänien 2,68 Euro. Den niedrigsten EU-Mindestlohn gibt es in Bulgarien mit 1,72 Euro.

Das sagt der Arbeitgeberverband: Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber sieht die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns als „Eingriff in die Tarifautonomie“. Er habe bestehende Tarifverträge verdrängt und führe zu einer dauerhaften staatlichen Einflussnahme auf das gesamte Lohngefüge aller Betriebe in Deutschland. Er schaffe zudem unnötige Einstellungshindernisse für die Schwächsten am Arbeitsmarkt und bürde den Unternehmen bürokratische Pflichten auf.

Trotz der guten Arbeitsmarktentwicklung bleibe der Mindestlohn eine Belastung für den Arbeitsmarkt. Angesichts der derzeit günstigen Konjunktur sei es zu früh, um seit der Einführung des flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohnes am 1. Januar 2015 darauf zu schließen, dass seine Wirkung unschädlich sei, so der Verband.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber kritisiert den Mindestlohn seit seiner Einführung. Quelle: LVZ

DGB zieht positive Bilanz

Das sagt die Gewerkschaft: Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) zieht in punkto gesetzlicher Mindestlohn eine positive Bilanz. Viele Beschäftigte hätten heute mehr Geld in der Lohntüte, die „Unkenrufe von Arbeitgebern und Wirtschaftsforschern, es werde zu Arbeitsplatzverlusten führen, haben sich nicht bestätigt“, so der DGB.

Dennoch gebe es Verbesserungsbedarf. Als größtem Auftraggeber obliege es dem Staat, dafür zu sorgen, dass er seine Aufträge nur an tarifgebundene Unternehmen vergebe. Und: Der gesetzliche Mindestlohn von 9,19 Euro sei als „unterste Haltelinie“ nicht existenzsichernd, müsse mittelfristig steigen und künftig „armutsfest“ sein, heißt es weiter von der Gewerkschaft. Per 1. Januar 2020 soll der gesetzliche Mindestlohn auf 9,35 Euro steigen.

Von Claudia Carell

Am Dienstagnachmittag ist ein Lastwagen nach einem Unfall auf dem Gelände am Breiten Teich in Borna zum Stehen gekommen. Um zu verhindern, dass Kraftstoff ausläuft, wurde die Feuerwehr alarmiert.

14.08.2019

Die Alpen und das Neuseenland haben wenig gemeinsam. Bis Jetzt: Am Sonntag werden auf der Deponie Cröbern hoch über dem Störmthaler See drei Alphörner erklingen.

13.08.2019

In 33 sächsischen Gemeinden funktioniert das Internet besonders langsam. Das CSU-geführte Verkehrsministerium zählt auch Elstertrebnitz und Kohren-Sahlis aus dem Landkreis Leipzig zu den absoluten Sorgenkindern, was schnelle Datenverbindungen anbelangt.

13.08.2019