Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Borna Mölbis: Das dreckigste Dorf Europas blüht nach 30 Jahren wieder
Region Borna Mölbis: Das dreckigste Dorf Europas blüht nach 30 Jahren wieder
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:00 29.04.2019
Neu- und Alt-Mölbiser genießen den Frühling auf der Parkwiese vor der Orangerie: Anna, Rudi, Susann Neuschrank, Franz, Helene, Ferdinand, Franziska Rothe und Clara. Quelle: Jens Paul Taubert
Mölbis

Die Mütter Franziska Rothe (36) und Susann Neuschrank (38) sitzen mit ihren Kindern Anna, Rudi, Franz, Helene, Ferdinand und Clara im Park auf der Wiese. Sie plaudern, lachen und genießen die Sonne. Hinter ihnen steht zwischen Frühlingsbäumen die restaurierte Orangerie. Ein Motiv wie aus dem Bilderbuch. Dabei galt dieses Fleckchen Erde vor 30 Jahren als dreckigstes Dorf Europas.

„Wir haben natürlich davon gehört. Aber als wir hier ein Haus suchten, konnten wir uns das gar nicht vorstellen“, sagt die Neu-Mölbiserin Franziska Rothe, die mit ihrer Familie vor neun Jahren ins Dorf zog. „Es ist jetzt so schön hier! Wir genießen die Ruhe, die Natur und sind hier wirklich gut angekommen.“

Mölbiser Kinder wurden ans Meer geschickt

Gifte aus dem Espenhainer Werk, Proteste der Umweltbewegung, Wiederaufbau eines Dorfes, wohin heute gern Fremde ziehen und ihr neues Zuhause finden: Mölbiser Fotos aus Vergangenheit und Gegenwart.

Susann Neuschrank ist im Ort aufgewachsen, sie war zur Wende acht Jahre alt. „Ich habe die Umweltverschmutzung als Kind nicht so wahrgenommen, es war eben einfach so“, sagt sie. Doch an den Medienrummel kann sie sich noch gut erinnern. Jede Menge Journalisten wollten für Zeitung, Radio und Fernsehen über ihr Dorf berichten. Dies mobilisierte eine Hilfswelle. Für „uns arme Kinder“ wurden Reisen an Orte mit guter Luft organisiert, erzählt die Mölbiserin, sie war zum Beispiel auf Sylt.

Stück für Stück wurde ihr Heimatdorf wieder aufgebaut. Es stieg nicht wie Phönix aus der Asche. „Im Ort wurde über Jahre gebaut, das gehörte irgendwie dazu und wir haben immer gesagt: Guck mal, da ist wieder ein Dach fertig und da eine Fassade und hier eine Straße und dort ein neues Eigenheim“, sagt sie. Ja, es sei fast unvorstellbar, wie das alles gekommen ist. Doch sie hat es selbst mit erlebt.

Tag für Tag tonnenweise Abgase aus Espenhain

Mölbis, 15 Kilometer südlich von Leipzig, lag in der Hauptwindrichtung, was die Schadstoffbelastung aus Brikettfabrik, Kraftwerk und Schwelerei Espenhain betraf. In den 1930er-Jahren entstand dieser Industriekomplex. Nach dem Zweiten Weltkrieg – in Mölbis wurden bei Bombenangriffen 75 Prozent der Gebäude zerstört oder beschädigt – nahm das Werk Espenhain den Betrieb wieder verstärkt auf, da hier für die DDR-Wirtschaft wichtige Produkte wie Teer, Paraffin und andere Grundstoffe hergestellt wurden. Doch man sparte an notwendiger Filtertechnik.

Wäsche im Pfarrgarten und hinten die Werksessen, ein Mölbiser Foto aus DDR-Zeiten. Quelle: Jens Paul Taubert

Die Luftbelastung wurde unzumutbar. Das sollen die maroden Espenhainer Industrieanlagen damals täglich in die Luft gepustet haben: vier Tonnen Teeraerosole, 4,4 Tonnen Schwefelwasserstoff, 20 Tonnen Schwefeldioxid, 1,6 Tonnen Ammoniak und 1,6 Tonnen Merkaptane. Die Menschen bekamen Asthma und Pseudokrupp, viele erkrankten an Krebs.

Proteste gegen Gift in der Luft: 1983 erster Umweltgottesdienst

Immer mehr Einwohner verließen ihre Heimat. Lebten Ende der 1940er Jahre noch 1100 Menschen in Mölbis, waren es 1990 noch 353. Doch unter den Dagebliebenen wuchs der Protest. 1983 fand der erste vom Christlichen Umweltseminar Rötha organisierte Umweltgottesdienst „Unsere Zukunft hat schon begonnen“ in Mölbis statt. Bewohner schrieben zum Beispiel auf Plakate: „75 % aller Krebserkrankungen sind umweltbedingt! Schweigen ist Selbstmord“.

Dieser Kurz-Film von Peter Wensierski aus dem Jahr 1987 berichtet von der Umweltbelastung in der DDR:

1988 fasste die DDR-Regierung den Beschluss, den Ort abzureißen, er sollte der Braunkohle weichen. Mitten in der Wende, im Dezember 1989, stimmten die Mölbiser bei einer Einwohnerversammlung darüber ab, ob ihr Dorf umgesiedelt oder wieder aufgebaut wird. „77 Prozent wollten weg und 23 Prozent dableiben. Ich war einer von den 23 Prozent“, erinnert sich Ditmar Haym, von 1983 bis zur Eingemeindung 1999 Bürgermeister in seinem Heimatort. „Ich hatte damals das Gefühl, dass wir wieder eine Zukunft haben.“

Im Sommer 1990 wurde die Schwelerei Espenhain stillgelegt. Die Umweltbelastungen verringerten sich. Die Stimmung kippte. Bei einer weiteren Einwohnerversammlung im September 1990 sagte der überwiegende Teil der Mölbiser: Wir bleiben! Einen Tag vor der Wiedervereinigung, am 2. Oktober 1990, wurde eine Hoffnungslinde in Mölbis gepflanzt und die Dorfsanierungs- und Entwicklungsgesellschaft gegründet.

Marode Infrastruktur in Mölbis wurde von Grund auf saniert

„Wir sind von Pontius zu Pilatus gefahren, um Geld zu kriegen“, erinnert sich der ehemalige Bürgermeister. Dank einer politischen Sonderentscheidung durfte das Dorf in die Städtebauförderung. Die marode Infrastruktur wurde von Grund auf saniert: Es gab neue Leitungen für Gas, Strom, Telefon, Trink- und Abwasser fürs ganze Dorf. Neue Häuser mit 40 Mietwohnungen entstanden, darunter 33 im sozialen Wohnungsbau, Teiche und Flächen wurden der Natur zurück gegeben.

„Bei uns wurden 70 neue Eigenheime gebaut“, sagt der Mölbiser stolz. Große Projekte waren die Sanierung der Trageser Hochhalde – mit 80 Millionen Kubikmeter Abraum die größte Überflurkippe des mitteldeutschen Raums. Oder die Restaurierung der Orangerie, die zuletzt als Turnhalle gedient hatte. Heute beherbergt das schöne Haus eine kleine Ausstellung zur Umwelt- und Industriegeschichte der Region. Neben den Fördermillionen spielte auch Gewerbe für die Entwicklung des Ortes eine wesentliche Rolle. Gemeinsam mit Espenhain entwickelte Mölbis ein an der B 95 gelegenes Gewerbegebiet.

Ditmar Haym vor der Orangerie mit einem Foto von früher, als das Gebäude als Turnhalle genutzt wurde. Quelle: Jens Paul Taubert

Nach der traurigen Berühmtheit zu Wendezeiten interessierte man sich später immer noch für Mölbis. Politische Prominenz besuchte regelmäßig den Ort, auch Prinz Charles schüttelte dem Bürgermeister die Hand. Der Mölbiser Ortschef erhielt den Managerpreis Aufbau Ost und den Tatort-Preis für Gemeinden im ökologischen Wettbewerb.

Läden blieben nicht im Dorf

570 Menschen, darunter viele junge Familien, leben heute im Dorf. „Wir haben mehr Neu- als Alt-Mölbiser, ich kenne gar nicht mehr alle“, sagt Haym. Nicht alle Träume hätten sich erfüllt. So bedauert er zum Beispiel, dass es nicht glückte, die Bäckerei und einen weiteren Laden im Dorf zu halten.

Aber es sei doch eine Menge gelungen. Der 69-Jährige steht an seinem Wohnhaus, in dem er geboren wurde, und beobachtet die Schwalben, die aus der Garage daneben fliegen. „Die waren schon immer bei uns, auch früher, als mein Vater hier ein Fuhrgeschäft hatte“, sagt der Mölbiser. Es sei doch gut, „dass das alles hier noch da ist“.

Von Claudia Carell

Ursprünglich war der Spatenstich für den Wohnpark der Lebenshilfe in Borna für den Frühling geplant. Doch das Projekt wird verschoben – weil es keine Fachkräfte gibt, um drei Häuser mit Qualität zu betreiben, sagte Geschäftsführer Uwe Drechsler. Er warte auf ein politisches Signal.

29.04.2019

Das Bauaufsichtsamt des Landkreises Leipzig hat einen neuen Leiter. Patrick Puhl, gebürtiger Bornaer, wird die Aufgabe in der Kreisbehörde zum 1. Mai übernehmen. Die Stelle war mehrere Monate vakant, was Bauherren teilweise zu spüren bekamen.

29.04.2019
Borna Feuerwehr-Einsatz - Wohnwagen brennt in Borna aus

Ein Wohnwagen, der in Borna-Nord abgestellt war, brannte am frühen Montagmorgen aus. Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts der Brandstiftung.

29.04.2019