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Borna Neues Leben im Geisterdorf Pödelwitz: Was wird aus dem Ort am Tagebau?
Region Borna Neues Leben im Geisterdorf Pödelwitz: Was wird aus dem Ort am Tagebau?
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15:27 22.11.2019
Pödelwitz am Rande des Tagebaus: 30 Einwohner zählt das Dorf noch. Quelle: Frank Schmidt
Pödelwitz

Im herbstlichen Nachmittagslicht wirkt Pödelwitz fast schon gespenstisch. Wimpel, die im Ortskern hängen, wehen leicht im Wind. Das ist die einzige Bewegung in dem stillen Ort. Schnell kommt man auf den Gedanken durch ein Geisterdorf zu laufen. Doch der Schein trügt, denn es gibt noch einige Bewohner in Pödelwitz. Wie lebt es sich in einem Dorf, das kaum mehr belebt ist?

130 Menschen wohnten einmal dort. 110 von ihnen folgten dem Angebot der Mibrag und zogen weg, die meisten nach Groitzsch. Nur noch ein harter Kern ist geblieben – zumindest bis vor kurzem. Zehn junge Frauen und Männer sind nun dort hingezogen, wo andere Platz für Bagger gemacht haben. Sie sind eine kleine Gemeinschaft von Aktivisten und wollen den übrigen Pödelwitzern helfen.

Ein Stück Land von der Kirche

Zwischen unbewohnten Häusern, steht der Hof von „Pro Pödelwitz“-Aktivist Jens Hausner. Draußen hängen Plakate: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht! – Zukunft statt Braunkohle“. An seinem Küchentisch sitzen Nia und Michael. Sie gehören zu der Gruppe „Der Projektgarten AAA“ und leben auf einem Stück Land der Kirche mit wechselnder Belegschaft in Pödelwitz zusammen. Dort pflegen sie ihren Gemeinschaftsgarten, um das Gemüse zu verkaufen. Dabei bezahlt jeder so viel er kann und möchte.

Projektgarten AAA – das Logo erinnert an das durchgestrichene Mibrag-Logo. Quelle: Nicole Grziwa

„Wir kennen uns vom Hambacher Forst“, erzählt die 24-jährige Nia. Dort waren Michael und sie schon bei den Protesten dabei. Nun haben die Aktivisten ein neues Projekt, für das sie sich einsetzen möchten. Auf den Namen „Der Projektgarten AAA“ kamen sie, da das dreifache A durchgestrichen, an das Logo der Mibrag erinnert. „Mal sehen, wie sich Pödelwitz entwickelt. Vorstellen könnte ich es mir schon, hier dauerhaft zu leben“, sagt Michael. Seit Anfang dieses Jahres sind sie ein Teil des Dorfes. Sie sind willkommen in dem Ort, wo gefühlt jedes zweite Haus leersteht.

Enge Nachbarschaft

„Mit den wenigen Leuten, die noch hier leben, ist es besser“, sagt Jens Hausner. Er ist während des Kampfes für ein Leben in Pödelwitz und gegen die Abbaggerung des Ortes mit der Initiative „Pro Pödelwitz“ bekannt geworden. „Es gibt nur noch eine Interessenlage. Das ist das Gute“, so Hausner. Mit den ehemaligen Nachbarn, die wegzogen, habe das Dorf nichts mehr zu tun. Hausner erklärt sich die Entscheidung der Mehrheit mit dem Wunsch nach dem Leben in einer materialistischen Gesellschaft. Wer sich materiell verbessern könne, der denke nicht lange nach. „Nur eine junge Familie, die hier mal gewohnt hat, hilft uns“, erzählt er. Seitdem sei das Leben in Pödelwitz, wie in jedem anderen Dorf auch, bloß familiärer. „Das nachbarschaftliche Zusammenleben ist viel enger geworden“, erzählt er.

Die übrigen Pödelwitzer leben zwischen leerstehenden Häusern. Doch die Dorfbewohner kämpfen weiterhin für ein Leben in dem Ort.

Alternative Wohnprojekte in Pödelwitz

Der „Projektgarten AAA“ gehört zu dieser Gemeinschaft dazu. „Wir sind hier, um ein Zeichen zu setzen, in einen Ort zu gehen, wo alle anderen wegziehen“, sagt Michael. Nia kommt ursprünglich aus Berlin. Sie erlebt zum ersten Mal eine dörfliche Gemeinschaft. „Es ist sehr spannend. Wir werden gut integriert und die Dorfbewohner helfen uns“, sagt die Aktivistin. Nachbarn seien auf Nachbarn angewiesen, beobachtet sie, jeder arbeite Hand in Hand. Auch den neuen Bewohnern wird geholfen. Wenn sie etwas brauchen, können sie an die Pödelwitzer herantreten.

„Das Dorf hat ein großes Potenzial für alternative Wohnprojekte“, so Hausner. Nia, Michael und die anderen Aktivisten seien ein Gewinn für Pödelwitz. „Jeder hier ist offen dafür. Wir sind froh darüber, Leute hier zu haben, die das Dorf mitgestalten wollen“, sagt der Pödelwitzer.

Viele wollen nach Pödelwitz ziehen

Nach dem Klimacamp im Sommer seien viele Menschen auf Hausner zugegangen. Sie wollten nach Pödelwitz ziehen. Genug Häuser stehen frei, allerdings sind diese im Besitz der Mibrag. „Privatgelände! Unbefugten ist das Betreten und Befahren verboten. Jede Zuwiderhandlung wird straf- und zivilrechtlich geahndet. Den Anweisungen des Werkschutzes ist Folge zu leisten“, steht auf den Schildern an den Häusern und Grundstücken. Die ehemaligen Besitzer haben ihr Hab und Gut zwar mitgenommen, doch Gardinen hängen noch immer in den Fenstern, so dass man damit rechnet, dass gleich jemand den Stoff zur Seite schiebt und hinaussieht. Manche dieser Häuser sind schon verfallen. Dächer sind halb eingestürzt und durch die Löcher im Gemäuer, wo früher einmal Fensterscheiben saßen, können Vorbeilaufende ein Chaos aus Holz und Schutt erkennen.

Nia, Michael und Hausner sehen die leerstehenden Häuser als eine Möglichkeit an. Alle drei haben eine klare Vorstellung davon, wie sich Pödelwitz in Zukunft entwickeln könnte.

Begegnungsorte schaffen

„Wir möchten ein buntes, neues Dorf – ein Vorzeigedorf“, sagt Hausner. Er stellt sich eine Rückwärtsstruktur als Zukunft für Pödelwitz vor. Es gäbe nur noch Wohndörfer, doch die bäuerlichen Gehöfte in Pödelwitz könnten einmal Orte der Begegnung werden. Handwerkliche Betriebe, Bäcker, kleine Einkaufsläden. So würde es mehr zum Austausch der Dorfbewohner kommen. Bis es soweit ist, treffen sich die übrig gebliebenen Pödelwitzer zu Grillfesten. Außerdem gibt es da noch die Kirche.

Über ihren Dächern des 700 Jahre alten Dorfes ragt die Turmspitze empor. Ein Ort der Begegnung ist sie jetzt schon für die Dorfbewohner. Und ein Ort des Glaubens – an eine Zukunft ohne Abbaggerung. Ein klares Zeichen haben die Groitzscher Pfarrerin Friederike Kaltofen und ihre Mitarbeiter mit der Erneuerung der Elektrik in dem Gotteshaus gesetzt. Orgel- und Innensanierung seien außerdem noch in Planung.

Warum Pödelwitzer derzeit bleiben dürfen

Seit Jahren kämpft die Bürgerinitiative „Pro Pödelwitz“ dafür, dass das Dorf bleibt. Es soll abgebaggert werden, damit die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbh (Mibrag) auf die Braunkohle unter Pödelwitz zurückgreifen kann. Dafür sind mehr als die Hälfte der Einwohner freiwillig umgesiedelt worden. Wenn die Koalitionsverhandlungen erfolgreich sind, wird auch das Sondierungs-Thema der Grünen berücksichtigt. Damit dürfte Pödelwitz bleiben. Gerade heißt es aber abwarten, denn die Verhandlungen laufen bis voraussichtlich Ende November.

2012 unterzeichneten Mibrag und die Stadt Groitzsch einen Grundlagen- und Nachbarschaftsvertrag. So konnten die Umsiedlungen in die Wege geleitet werden. Damit das Braunkohleunternehmen allerdings das ganze Dorf in Anspruch nehmen kann, muss ein Planfeststellungsbescheid zum Änderungsvorhaben des bestehenden Rahmenbetriebsplans für den Tagebau Vereinigtes Schleenhain vorliegen. Zurzeit bereitet sich Mibrag noch darauf vor. Das Unternehmen hat dafür eine Umweltverträglichkeitsuntersuchung in die Wege geleitet. Nach dessen Abschluss beginnt ein bergrechtliches Planfeststellungsverfahren, dann könnte es sich eine Genehmigung einholen, um an die Braunkohle unter Pödelwitz heranzukommen. Bis dahin haben die übrigen Pödelwitzer das Recht freiwillig umzusiedeln oder im Ort zu wohnen.

Laut Hausner wird die Braunkohle unter dem kleinen Dorf allerdings nicht gebraucht. Der Tagebau Vereinigtes Schleenhain sei bis 2040 genehmigt. Der bundesweite Kohleausstieg ist auf 2038 datiert. „Ein Verzicht auf die Inanspruchnahme von Pödelwitz würde einen Einschnitt in unsere Unternehmensplanung bedeuten und stellt die langfristige Belieferung des Kraftwerkes Lippendorf infrage“, sagte Armin Eichholz, Chef der Mibrag-Geschäftsführung zuletzt zu dem Thema. Das Unternehmen hatte bislang argumentiert, dass die Kohle unter Pödelwitz auch bei einem Kohleausstieg bis 2038 benötigt wird, um die Verstromung bis dahin zu sichern.

„Wir sind auch offen für andere Lebensmodelle“, sagt Hausner. Ein Lebensmodell, wie der Projektgarten. „Wir leben mit dem Gemeinschaftsgarten in Verbindung mit der Natur. Wir sorgen für die Welt und für uns“, erzählt Nia. Neben der Unterstützung für die Dorfbewohner haben die zugezogenen Aktivisten auch das Klima im Sinn. „Wir wollen mit der Lupe rangehen und aufzeigen, was für Auswirkungen Ungerechtigkeit hat“, erklärt sie.

Auch für die Pödelwitzer ist neben der Erhaltung ihres Dorfes der Klimawandel ein Anliegen. „Bald wollen wir Solaranlagen an unsere Dächer bauen“, erzählt Hausner, „Damit setzen wir ein Zeichen, dass es auch anders geht“. Auf einem anderen Plakat vor seinem Haus steht etwa: „Kohle: Klimakiller Nr. 1!“. Es scheint, als sei Pödelwitz ein Ort der Kontraste. Zwar ist es ruhig, dennoch gibt es einen lauten Aufschrei. Bushaltestelle, Spielplatz und viele Häuser sind leer, doch es lebt eine enge Gemeinschaft in dem Dorf.

Auch nach Rettung von Pödelwitz gibt es viel zu tun

„Wenn hier mal Bagger stehen sollten, um die Häuser wegzureißen, werden hier auch 50 000 Menschen wie beim Hambacher Forst stehen“, ist sich Hausner sicher. Wenn das nichts helfen sollte, würde „Pro Pödelwitz“ juristisch dagegen Vorgehen. Ein Klagebündnis sei schon gesichert. „Wir würden durch alle Instanzen gehen“, sagt Hausner.

Wenn Pödelwitz bleibt, hat das Dorf und die Initiative noch immer viel zu tun. Sie möchten anderen Dörfern helfen, denen es ähnlich geht. Daher ist „Pro Pödelwitz“ auch ein Teil vom Bündnis „Alle Dörfer bleiben“. Das kleine Dorf am Rande des Tagebaus mag unbelebt sein, allerdings ist es dennoch lebendig.

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Von Nicole Grziwa

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