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Borna Lammert und Lazar diskutieren auf dem Sachsensofa in Kitzscher
Region Borna Lammert und Lazar diskutieren auf dem Sachsensofa in Kitzscher
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18:44 26.02.2019
Prominent besetzte Gesprächsrunde in Kitzscher: Moderator Daniel Heinze (v. l.) im Gespräch mit Norbert Lammert, Monika Lazar und Gregor Giele. Quelle: Jens Paul Taubert
Kitzscher

Die Kleinstadt Kitzscher ist nicht der Nabel der Welt. Möglich, dass man sie nicht mal überall im Landkreis Leipzig kennt. Für gut zwei Stunden am Dienstagabend war der Festsaal im Rathaus der Stadt, in dem die Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen ihr Sachsensofa aufgestellt hatte, aber so etwas wie das Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Debatte im Landkreis.

Besucher aus vielen Städten des Landkreises

Die Akademie hatten keinen geringeren als den ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (70) für die fünfte Station ihrer öffentlichen Gesprächsreihe nach Kitzscher geholt. Einen der letzten Charakterköpfe der Politik, wie es ein Besucher aus Leipzig formulierte. Allein um diesen gleichermaßen begnadeten wie überzeugenden politischen Redner zu erleben, waren – neben einigen Einheimischen – Zuhörer aus allen Ecken des Kreises, aus Groitzsch, Borna, Bad Lausick, Grimma, Brandis und Beucha nach Kitzscher gekommen. Ganz voll wurde der Saal dennoch nicht.

Polit-Urgestein und Geistlicher zeigen sich redegewandt

Der Leipziger Pfarrer Gregor Giele (52), als Propst von St. Trinitatis zugleich so etwas wie der Chef-Manager der Katholiken in Leipzig, zeigte sich als Gesprächspartner des Polit-Urgesteins nicht minder redegewandt. Dritte im Bunde war die bündnisgrüne Leipziger Bundestagsabgeordnete Monika Lazar (51), mithin die einzige aktive Politikerin an diesem Abend.

Der mit der Frage überschrieben war: „Ist Politik ein schmutziges Geschäft?“ Klare Antworten gab es darauf nur von den beiden Herren. Lammert differenzierte: „Pauschalbehauptungen sind fast immer falsch, aber selten frei erfunden.“ Was ihn befürchten lasse, dass es in der Politik auch schmutzige Geschäfte gebe. So wie in der Autoproduktion, bei Organtransplantationen und bei der Sterbehilfe.

Viele Argumente, unterschiedliche Antworten

Der Gregor Giele nahm im Eingangsstatement die Position des beobachtenden Wahlvolkes ein und antwortete mit einem klaren „Ja“. Im Wahlkampf, so sein Argument, würden Politiker viel versprechen, in den Kompromissen nach der Wahl bleibe davon häufig nicht viel übrig. „Das macht es zu einem schmutzigen Geschäft“, meinte der Geistliche.

Monika Lazar ist in der DDR aufgewachsen, war im Herbst 1989 an der Umweltbewegung beteiligt und kam mit der Wende zur Politik. Seit fast 15 Jahren ist sie Berufspolitikerin im Bundestag. Und ein bisschen klangen ihre Beiträge an diesem Abend immer mal wieder so, als müsse sie sich verteidigen, ob es nun um Vertrauen ging, um den Umgang mit der AFD im Bundestag oder um die Einkommen der Berufspolitiker. Wer über Politiker schimpfe, dem sage sie gern, jeder könne Politik aktiv mitgestalten: „Probiert es doch selber aus!“

Demokratie und Lobbyismus im Fokus

Die Frage nach dem schmutzigen Geschäft in der Politik lässt den Lobbyismus, Interessenpolitik, für eine Weile zum beherrschenden Thema des Abends werden. Ein Zuhörer aus Grimma will wissen, warum nicht gegen das „Lobbyismus-Unwesen“ vorgegangen werde. Lammert, der Bonn und Berlin als Zentren der deutschen Politik gleichermaßen erlebt hat, hält Interessen – und zwar alle – grundsätzlich für erlaubt. Das sei eine Logik der Demokratie, und folglich müsse auch Interessenvertretung erlaubt sein.

Allerdings auch bei wichtigen Zielen nicht mit beliebigen Mitteln, schränkte er ein. Und für Lazar, die betonte, dass sie ihren eigenen Kompass habe und sich nicht beeinflussen lasse, bringen Lobbyisten auch Fachverstand in die Meinungsbildung. Giele lockerte die Diskussion mit dem Hinweis auf, er selbst sei Lobbyist, dazu habe sein Bischof ihn nach Leipzig geschickt. Sei es um den Bau „einer kleinen Kapelle im Herzen von Leipzig“ gegangen oder um den Katholikentag, für beides musste unter Stadtpolitikern Akzeptanz geschaffen werden.

Kommentar: Runde hätte mehr Publikum verdient

Erst der große Küchentisch von Sachsens SPD-Chef Martin Dulig, dann die Dialog-Tour ohne spezielles Möbelstück von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), nun das Sachsensofa von der Katholischen Akademie: Gesprächsangebote scheinen in Zeiten rauer Sitten in der gesellschaftlichen Kommunikation eine gewisse Konjunktur zu haben.

Das Sachsensofa hatte zunächst keinen guten Start. Zu viele Regierungsvertreter, zu wenig Opposition hießen anfangs die Vorwürfe. Bei der mittlerweile fünften Auflage in Kitzscher konnte zumindest das den Veranstaltern nicht vorgeworfen werden. Ein angesehener Polit-Grande der CDU, eine grüne Bundestagsabgeordnete und ein streitbarer und einflussreicher katholischer Pfarrer bildeten ein breites Spektrum ab.

Wirklich Spannung war da zwar nicht zu erwarten, dafür aber ein tief gehender Gedankenaustausch rund um das Thema Politik und wie sie von verschiedenen Seiten aus beobachtet und bewertet wird. Das stieß auf viel Interesse. Nicht so sehr in Kitzscher selbst, dafür aber bei Menschen aus dem ganzen Landkreis bis hin nach Leipzig. Man muss kein Freund der CDU sein, um es reizvoll zu finden, Norbert Lammert einmal live reden zu hören. Schon dafür dürfte sich für einige der Weg nach Kitzscher gelohnt haben, selbst wenn der Ex-Bundestagspräsident an dem Abend offenkundig nicht seine rhetorische Höchstform erreichte.

Wenn man den Veranstaltern von der Katholischen Akademie etwas vorwerfen kann, dann höchstens, nicht ausreichend geworben zu haben. Die drei Diskutanten hätten mehr Publikum verdient als in dem bestenfalls zu zwei Dritteln gefüllten Saal saß. Noch mehr von allen, die im breit gemischten Publikum vertreten waren: Erwachsene und Jugendliche, politisch Interessierte und Zweifler am politischen System. Erfreulich: Es zeigte sich an dem Abend, dass Debatten auch bei unterschiedlichen Auffassungen nach den „Regeln einer zivilen Unterhaltung“ geführt werden können, wie es sich der Moderator gewünscht hatte. Schon dafür lohnen sich solche Gesprächsrunden.

a.neumann@lvz.de

Vorwürfe aus dem Publikum

Geschimpft wurde an diesem Abend in Kitzscher dann auch noch, wenn auch im Rahmen der von Moderator Daniel Heinze eingeforderten „Regeln einer zivilen Unterhaltung“. Eine Frau aus Bad Lausick meinte, nur aus Sicht der Politiker selbst sei Politik nicht schmutzig. „Sie leben alle auf Kosten des sogenannten Souveräns“, warf sie den Politikern vor. Dass sie am Eingang zum Saal von Sicherheitsleuten kontrolliert wurde, wertet sie so: „Also haben Sie Angst vor mir.“ Obwohl aus ihrer Sicht die Politiker Arbeitnehmer des Volkes seien.

Geistlicher sensibilisiert für mehr Engagement

Eine Sichtweise, die Propst Giele nicht teilte. Für ihn sind die Volksvertreter Delegierte. Und jeder Wähler müsse sich fragen: „Wie oft nehme ich mir meinen Delegierten zur Brust?“ Er, Giele, vernachlässige das, er gehe nicht zu den angebotenen Bürgersprechstunden. Und sei damit wohl nicht allein. Das Verantwortungsverhältnis zwischen Wähler und Gewählten sei ein wechselseitiges, appellierte er.

Giele ging sogar noch einen Schritt weiter, als es um Vertrauen zur Politik und zu Politikern ging. Er spüre eine „Grundskepsis“, wo aus seiner Sicht ein Vertrauensvorschuss angebracht sein. Das sei eine persönliche Entscheidung jedes Einzelnen. Er als Pfarrer sei quasi dienstlich verpflichtet, mit Vertrauensvorschuss an seine Arbeit zu gehen. „Ich empfehle Ihnen dasselbe“, sagte er zum Publikum.

Von André Neumann

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