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Borna Notärzte machen Front gegen zentrale Leitstelle
Region Borna Notärzte machen Front gegen zentrale Leitstelle
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17:54 19.03.2019
Bei zahlreichen Rettungseinsätzen  im Landkreis wird die gesetzlich geforderte Hilfsfrist nicht eingehalten.
Bei zahlreichen Rettungseinsätzen im Landkreis wird die gesetzlich geforderte Hilfsfrist nicht eingehalten. Quelle: dpa
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Landkreis Leipzig

Der Grimmaer Oberbürgermeister Matthias Berger hat die Neuordnung des Rettungswesen schon immer kritisch gesehen. Von einer Initiative aus Nordsachsen fühlt sich der parteilose Stadtchef jetzt bestärkt. „In unserem Nachbarlandkreis machen jetzt Notärzte auf die unhaltbaren Zustände aufmerksam.“ Das zeige, wie ernst die Lage ist. „Wollen wir erst Menschenleben riskieren, bis sich etwas ändert“, fragt Berger erneut.

45 Minuten, bis Hilfe für eine gestürzte Frau in Höfgen eintrifft

In Nordsachsen sowie im Landkreis Leipzig wuchs zuletzt der Unmut darüber, dass Retter immer länger brauchen, um ihren Einsatzort zu erreichen. Berger hatte Ende vorigen Jahres selbst miterleben müssen, wie lange es dauern kann, bis Hilfe eintrifft. Nach seinen Schilderungen hatten die von der Leipziger Leitstelle alarmierten Kräfte annähernd 45 Minuten gebraucht, um bei einer gestürzten Frau in Höfgen einzutreffen. Diesen Vorfall hatte Berger zum Anlass genommen, erneut eine Abkehr von der Zentralisierung der Leistellen einzufordern. Seinen Angaben zufolge würden sich Mitarbeiter des Rettungswesens immer wieder an ihn wenden. „In der Hoffnung, dass wir die Zustände öffentlich machen.“

Vier Notärzte setzen Hilferuf im Landtag ab

Auch Rettungskräften in Nordsachsen reicht es jetzt. Mit einer Petition haben sich vier Notärzte an den Landtag in Dresden gewandt. Darin geht es um die Einhaltung von Hilfsfristen und um Zweifel an der Effizienz der Integrierten Rettungsleitstelle (IRLS) in Leipzig. Die Mediziner plädieren wie Berger für eine Prüfung der Wiedereinführung des dezentralen Leitstellensystem und mahnen: „Es geht um Menschenleben.“ Der nordsächsische SPD-Fraktionschef Heiko Wittig hatte die Initiative ergriffen: „Ich habe mich wie angekündigt mit den Notärzten in unseren Krankenhäusern Delitzsch und Eilenburg verständigt und mich sehr gefreut, dass sie trotz ihrer enormen Arbeitsbelastung bereit waren, sich gegenüber den Verantwortlichen auf der Landesebene gegen die unsäglichen Zustände starkzumachen.“

Massive Beschwerden aus der Bevölkerung

Da der Kreistag keine alleinige Entscheidungsbefugnis in dieser Sache habe, so Wittig weiter, hätten die Notärzte Dr. Lutz Badura, Volker Pufe, Kai-Uwe Mothes und Thomas Winkler eine Petition an den Landtag als geeignetes Mittel angesehen. In ihrem Hilferuf heißt es: „Aufgrund massiver Beschwerden und Kritiken aus der Bevölkerung, von den Notärzten und dem Personal des Rettungsdienstes bestehen erhebliche Zweifel an der Effizienz des Zentralen Leitstellensystems in Sachsen, insbesondere der IRLS Leipzig.“ Diese Einschätzung sei nicht auf den Landkreis Nordsachsen beschränkt, sondern werde in einer Vielzahl von anderen Landkreisen geteilt. Auch Erfahrungen aus anderen Bundesländern würden die Problematik mit zentralen Leitsystemen bestätigen. „Entsprechende Rückabwicklungsverfahren sind bekannt.“

Ärzte sehen in dezentralen Leiststellen effektivere Lösung

Die Notärzte bitten den Landtag daher dringend zu prüfen, „ob die Zentralisierung der Leitstellen in Sachsen eindeutig belegbare Vorteile für die Versorgung der Bevölkerung gebracht hat“. Folgende Fragen werfen sie auf: Wie häufig wurden die Hilfsfristen nicht eingehalten und aus welchen Gründen? Wie haben sich die Kosten für den Betrieb der Leitstelle im Vergleich zu den dezentralen Leitstellen in den Jahren 2014 bis 2018 entwickelt? „Im Ergebnis dessen bitten wir zu prüfen, ob und wenn ja in welchem Zeitraum eine Abwicklung des zentralen Leitsystems in Sachsen und die Wiedereinführung der Dezentralisierung der Leitstellen erfolgen kann.“ Dabei drängen die Mediziner zur Eile: „Leider gibt es konkrete Beispiele, wo es aufgrund der Verschlechterungen im Leitstellensystem zur akuten Gefährdung von Menschenleben gekommen ist.“

Landkreis Leipzig wertet Daten der Leitstelle aus

Im Bornaer Landratsamt wird die Verschlechterung der Hilfsfristen ebenfalls kritisch gesehen. „Die Ursachen für die negativen Entwicklungen sind sehr vielschichtig und werden auf Grundlage der von der Integrierten Rettungsleitstelle übergebenen Gesamtdaten analysiert“, teilt Landrat Henry Graichen (CDU) in einem aktuellen Schreiben an Matthias Berger mit. Derzeit werde der Bereichsplan vom zuständigen kommunalen Eigenbetrieb des Landkreises überarbeitet. Die hierzu erforderlichen Einsatzzahlen für den Zeitraum September 2017 bis Dezember 2018 seien dem Kreis von der IRLS vollständig übergeben worden. „Die Auswertungsergebnisse sollen in einen Bereichsplan für die Jahre 2021 bis 2027 münden“, so Graichen weiter. Dieser wiederum sei Grundlage für die Neuvergabe der Rettungsdienstleistungen, die im ersten Quartal 2020 anstehe. Der Kreistag, kündigt Graichen abschließend an, werde sich damit voraussichtlich noch dieses Jahr befassen.

Von Simone Prenzel

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