Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Borna Antidrogen-Zug Revolution Train fährt in Borna ein
Region Borna Antidrogen-Zug Revolution Train fährt in Borna ein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:45 19.06.2018
Der Antidrogen-Zug „Revolution Train“ macht zwei Tage auf Gleis 1 des Bornaer Bahnhofs Station. Am Montag erlebten dort auch Achtklässler der Oberschule Geithain eine beeindruckende Führung. Quelle: Andreas Döring
Borna

Sie ist das klügste Mädchen der Schule, attraktiv, lebenslustig. Er ein gut aussehender Draufgänger, ein Typ zum Verlieben, jemand mit Connections und reichen Eltern. Die beiden – Petra und Marcel – lernen sich in der Disko kennen. Nach einem ersten harmlosen Joint, Partytrips und bunten Ecstasy-Pillen rutscht das Paar immer weiter in den Drogensumpf ab. Am Anfang ist noch viel Spaß, Übermut und gute Laune im Spiel. Am Ende folgt der Absturz.

Es sind erschütternde Drogenkarrieren wie diese, vor denen der Antidrogenzug Revolution Train warnt. Für zwei Tage stoppt der silbernglänzende Riese am Bahnhof Borna. Schulklassen aus dem ganzen Landkreis erleben im Schnelldurchlauf, wovon man besser die Finger lassen sollte.

Auf dem Bornaer Bahnhof parkt für zwei Tage ein Antidrogen-Zug – Geithainer Oberschüler waren schon drin

„Sagt Nein, wenn euch jemand einen Joint anbietet, seid stark“, ruft Mitarbeiterin Jessica Dutz den Geithainer Oberschülern zu, die sich auf den Weg durch die sechs Waggons begeben. Die 21-Jährige studiert an der Universität Regensburg Deutsch-Tschechische Studien und begleitet den Zug seit 2016. „Ich bin von der Kampagne überzeugt, hier kommt niemand mit erhobenem Zeigefinger und erklärt den Jugendlichen ,Drogen sind doof’. Der Zug appelliert vielmehr an die Gefühle, die Emotionen der Jugendlichen. Die geschilderten Schicksale sollen zum Nachdenken anregen.“

900 Besucher gehen an zwei Tagen durch den Zug

Der gepanzerte Koloss misst 165 Meter und parkt auf Gleis 1 des Bornaer Bahnhofs. Rund 900 Besucher sollen an zwei Tagen durch die Abteile gelotst werden. Gleich hinter der Lok erfolgt der Einstieg. Für jede Gruppe sind 90 Minuten geplant. Drogenprävention im Schnelldurchlauf. In die Abteile fällt kein Tageslicht. Auch die Geithainer tasten sich im schummrigen Licht vorwärts, nehmen Platz, bekommen Fragebögen ausgehändigt. „Wie viele Zigaretten rauchst du pro Tag? Wie oft konsumierst du Bier oder Alcopops? Wie leicht wäre es für dich, Marihuana zu besorgen? Hast du schon Erfahrungen mit Legal Highs, Kokain oder Speed?“ Auf diese und andere Fragen sollen die 14-Jährigen antworten. Selbstverständlich anonym und freiwillig. Dann folgt der erste Kinosaal. Auf einem installierten Monitor erscheint ein Mann mit Kapuze, sein Gesicht ist nicht zu erkennen, dafür die Stimme um so eindrücklicher: „Mit Drogen könnt ihr euren Körper vernichten. Die Geschichte, die ich euch jetzt erzähle, sollte nicht zu eurer werden. Warum? Weil ich schon tot bin.“

Petra und Marcel, nur ein paar Jahre älter als die meisten Schüler, die den Zug durchlaufen, lassen keine Fete mehr aus. Feiern ist angesagt. Marcel hat das nötige Kleingeld, seine Eltern lassen es an nichts fehlen – außer an Zeit und Interesse, was ihr Sohn so treibt. Der Protagonist der Geschichte ist längst nicht mehr nur Konsument, sondern vertickt das Teufelszeug auch an andere. „Hast du was dabei?“, fragt ihn Petra eines Abends. Laute Musik dröhnt aus den Boxen, es fließt viel Whisky. Später muss die Clique von der Disko nach Hause. Sie steigen zu einem Freund ins Auto. Im Film rasen die Jugendlichen mit den Protagonisten der Geschichte an etlichen Autos vorbei. „Ich kenne die Strecke, dort vorn kann ich den Spasti abziehen“, ruft der Junge hinterm Lenkrad. Für die Zuschauer fühlt es sich an, als würden sie mit im Wagen sitzen. Die räumliche Enge im Revolution Train tut ein Übriges. Dann der große Crash: Der Fahrer, der auf Droge und noch dazu betrunken ist, baut einen Unfall. Ein Motorradfahrer stirbt. Dann hebt sich die Leinwand. Die Jugendlichen stehen plötzlich vor dem total demolierten Wagen.

Schüler sollen eigene Entscheidungen treffen

„Wie hättet ihr gehandelt“, ruft Jessica plötzlich in die beklemmende Stille, „wärt ihr zu dem Freund ins Auto gestiegen, obwohl er zugedröhnt war? Oder hättet ihr Bekannte oder Eltern angerufen?“ Im Nu ist es vorbei mit der Position des unbeteiligten Beobachters. Die Schüler müssen auf einmal selbst entscheiden: Wie weit gehe ich? Halte ich dem Druck der Gruppe stand, die im Auto weiter Party feiern will? Mache ich das, was alle machen? Oder gönne ich mir einen Moment des Nachdenkens, der vielleicht Leben rettet. Und der über mein weiteres Schicksal bestimmt.

Erfinder des Zuges verlor seinen Freund an die Sucht

Dass der Zug mit den schockierenden Bildern aus Tschechien kommt, ist dabei kein Zufall. Der Prager Erfinder Pawel Tuma verlor seinen Freund an die Sucht und brachte die rollende Antidrogen-Kampagne aufs Gleis. „Seit 2016 sind wir dem Revolution Train unterwegs. Bislang vor allem in den Grenzregionen zu Sachsen und Bayern“, erklärt der Initiator. Sein Credo: Aus Tschechien sollen nicht nur Drogen über die Grenze kommen, sondern auch Hilfe. Sachsen, das belegen aktuelle Statistiken, hat vor allem ein Problem mit Crystal, das in tschechischen Drogenküchen tonnenweise hergestellt wird. Auch in den Beratungsstellen des Landkreises Leipzig suchen jährlich rund 300 Abhängige Hilfe. Es gibt keine Region im Freistaat, die nicht betroffen ist. Für Landrat Henry Graichen war es deshalb höchste Zeit, den Revolution Train auch nach Borna zu holen. „Die Prävention kann nicht früh genug beginnen“, zeigt sich der Politiker beim Besuch an der Bahnsteigkante überzeugt. „Zielgruppe sind vor allem Schulklassen, denn Drogenmissbrauch von Jugendlichen wird auch bei uns immer mehr zum Problem.“ Kreis und Sponsoren greifen für den Antidrogen-Zug tief in die Tasche. 18 500 Euro kostet der zweitägige Aufenthalt. Inclusive Schulung der örtlichen Moderatoren, Nachbereitung und Gleismiete.

Es kommen Babys mit Entzugserscheinungen auf die Welt

Das Geld ist nach Meinung der Verantwortlichen gut angelegt. Denn in den Beratungsstellen würde insbesondere der Crystal-Konsum eine immer stärkere Rolle spielen. Zuletzt schlugen auch die Geburtskliniken Alarm. „Im Landkreis steigt die Zahl der Babys, die von Süchtigen geboren werden“, so Graichen. Seit Jahresbeginn wurden bereits acht Drogen-Babys registriert. Je nachdem, wie intensiv die Mutter Crystal Meth oder andere Substanzen konsumiert hat, leidet die Gesundheit des Babys. Einige Winzlinge kommen bereits mit Entzugserscheinungen auf die Welt.

Kampagne veranschaulicht ein Leben mit Drogen

Zurück in den Zug: Auch Petra ist schwanger, sie haust inzwischen mit Marcel in einer heruntergekommenen Junkie-Hölle. Was zählt, ist nur der nächste Schuss. Alle Gedanken kreisen darum, woher man Stoff kriegt, wie man den Dealer bezahlen kann. Petra geht auf den Strich, um Geld ranzuschaffen. Marcel überfällt Tankstellen.

18.6.2018 - Heute in Borna (Landkreis Leipzig) : 535 Besucher. Wieder ein Rekord.

Gepostet von Revolution Train - Antidrogenzug am Montag, 18. Juni 2018

„Hier wird auf extrem realistische Weise gezeigt, wie ein Leben durch Drogen entgleisen kann“, findet Sozialarbeiterin Franziska Maschek, die die Gruppe begleitet und rund um Geithain in der offenen Kinder- und Jugendarbeit tätig ist. „Im Alter von 13, 14 Jahren kommen die Schüler in Berührung mit Bier und Zigaretten. Der Zug ist ein gutes Mittel, Jugendliche auf die Gefahren von Tabak, Alkohol und illegalen Drogen, wie Heroin oder Crystal aufmerksam zu machen.“ Dass der Revolution Train auch Gefahren durch Zucker oder unkontrollierten Medienkonsum nicht ausspart, findet Franziska Maschek gut. „Die Zunahme dieser Süchte nimmt die Gesellschaft noch sehr unreflektiert wahr“, lobt die Sozialarbeiterin auch diesen Ansatz.

Schüler werden in Szenen eingebunden

Im Wechsel von Kurzfilmen und Szenen, in denen die Jugendlichen selbst Teil der Handlung werden, gelingen aufrüttelnde Momente. So finden sich die Oberschüler plötzlich in einem Verhörraum wieder, schlüpfen selbst in die Rolle von Polizist und Dealer, stellen eine Befragung nach. Oder sie stehen in einer kahlen Gefängniszelle. Am Ende folgt für Marcel der totale Absturz. Er setzt sich den letzten Schuss. Die Umrisse seines Körpers sind mit weißer Kreide auf den Boden gemalt. Petra kommt nach vielen Rückfällen los von der Droge. Beginnt ein neues Leben mit ihrem Kind.

90-minütige Achterbahnfahrt: „Das war alles sehr schockierend“

Nach 90 Minuten emotionaler Achterbahn-Fahrt ist für die Geithainer Jugendlichen klar, dass sie Nein sagen wollen, wenn es darauf ankommt. „Das war alles sehr schockierend. Vor allem der Tod von Marcel“, meint der 14-Jährige Luca noch sichtlich mitgenommen. Emily aus der 8 b will ebenfalls der Versuchung widerstehen: „So etwas möchte man im wirklichen Leben nicht durchmachen. Vor allem so einen tragischen Unfall.“ Und Lilly ergänzt: „Schon von Zigaretten und Alkohol sollte man die Finger lassen. Damit“, so die 14-jährige, „fängt es doch meistens an.“

Von Simone Prenzel

Der Anschluss von Thierbach an das öffentliche Abwassernetz kommt erneut ins Stocken. Die kommunalen Straßen sind fertig, der Landkreis kann seine Straßen aber in diesem Jahr nicht mehr bauen.

18.06.2018

Die Stadt Borna sollte sich für etwas Eigenes entscheiden. Davon ist Markus Krabbes als Vorstandsvorsitzender der Zukunftsstiftung Südraum überzeugt. Gegenüber anderen Kommunen habe die Stadt durchaus Vorteile.

18.06.2018

Mit der neuen Drehleiter hat die Groitzscher Feuerwehr modernste Technik im Gerätehaus stehen. Mehr als zeigen kann sie sie aber derzeit nicht. Das Fahrzeug ist noch nicht einsatzbereit.

18.06.2018