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Borna Rötha feiert 500 Jahre St. Marien
Region Borna Rötha feiert 500 Jahre St. Marien
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05:11 01.09.2018
Die Kirche der Herzen entstand der Legende nach auf Grund eines Wunder: In Rötha wird der 500. Geburtstag von St. Marien gefeiert. Quelle: Jens Paul Taubert
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Rötha

Sie war immer die jüngere, kleinere und unscheinbarere Schwester der Georgenkirche. Sie hat keinen Turm, ein auffällig kleines Portal und ihr Altar ist nicht einmal farbig. In der DDR hatte sie nur noch den Rang einer Friedhofskapelle. Jetzt wird die Kirche St. Marien, die viele Röthaer in ihr Herz geschlossen haben, 500 Jahre alt.

Luther erwähnt Wallfahrtsort in einer Tischrede

Legenden ranken sich um die Entstehung des Bauwerks an der Marienstraße. Eine geht so: Ein Schäfer trifft mit seiner Herde auf einen Birnbaum. Dessen Rinde heilte kranke Schafe und ihm erschien daran ein Marienbild. Das Wunder sprach sich herum und lockte etwa ab 1502 Pilger nach Rötha. Selbst Martin Luther kannte diesen Wallfahrtsort und erwähnte ihn in einer seiner Tischreden. Das sagt die Historikerin Dr. Antje J. Gornig, die sich in ihrer Doktorarbeit auch mit der Entstehung von St. Marien in Rötha befasst hat. Weil die Pilger, wie Gornig herausgefunden hat, reichlich Geld in Rötha ließen, ging man daran, eine Wallfahrtskapelle zu bauen. „In dem Sinne also keine Pfarrkirche, sondern eine Kapelle!“, sagt die Historikerin. Spätestens 1518 war der steinerne Nachfolgebau einer hölzernen Kapelle fertig. Antje J. Gornig stieß bei ihren Forschungen auf eine bischöfliche Urkundenabschrift, die belegt, „dass die Kapelle im September 1518 schon fertig errichtet war“. Das war vor 500 Jahren.

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Historikerin Dr. Antje Gornig Quelle: privat

Vom zweiten Teil der Legende, wie er in Rötha gern erzählt wird, hält die Historikerin wenig. Demnach soll die heutige Marienkirche nur ein kleines Seitenschiff einer riesigen Basilika sein, die Leipziger Nonnen vom Kloster St. Georg an der Stelle des Birnbaumwunders errichten lassen wollten. Als Beleg wird herangeführt, dass das Portal deswegen so klein sei, weil es eben nur ein Seiteneingang werden sollte. Auch der fehlende Turm dient als Hinweis auf den nie vollendeten Monumentalbau. Den hätte, so heißt es, erst das Hauptschiff der angeblich geplanten Riesenkirche bekommen. Dr. Gornig setzt dem eine andere Theorie entgegen. Als Wallfahrtskirche, sagt sie, brauchte St. Marien keinen Turm. Pfarrkirchen hatten Türme, und die hätten oft auch der Zeitanzeige, der Wetter- und Kriegswacht gedient. Weil St. Georgen schon einen Turm hatte, „wäre ein Turm an der Wallfahrtskapelle nutzlos gewesen“, ist die Historikerin überzeugt, die seit 2004 den Förderverein der Marienkirche bei deren Sanierung wissenschaftlich begleitete. Innerhalb der Jubiläumsfestwoche wird sie am 11. September ausführlich über die Entstehung von St. Marien sprechen.

Das Festprogramm zum Kirchenjubiläum

Sonntag, 9. September

10 Uhr: Festgottesdienst mit Oberlandeskirchenrat Peter Meis, 15 Uhr: Silberklänge, Wandelkonzert mit Moritz Schott an der Orgel, Beginn in der Marienkirche, 17 Uhr: „Pocket Grooves“, Konzert mit Stefan Balciunas (Fagott) und Felix Anton Lehnert (Schlagwerk):

Montag, 10. September

18 Uhr: Wandelkonzert Marienkirche/St. Georgen, Lukas Storch (Orgel) spielt „Eine Komposition für Rötha“ von Knut Müller

Dienstag, 11. September

19 Uhr: Festvortrag zur Entstehungsgeschichte der Kirche St. Marien, Dr. Antje J. Gornig, Historikerin

Mittwoch, 12. September

18 Uhr: Musik für Orgel und Violine, Stefan Altner und Christian Funke

Donnerstag, 13. September

19 Uhr: Festvortrag zum Altar der Marienkirche, Dr. Arndt Kiesewetter

Sonntag, 16. September

14 Uhr: Familiengottesdienst „Wir bauen eine Kirche“

Einer der letzten spätgotischen Kirchenbauten in Sachsen

Diese Kirche mit ihrem nahezu ursprünglichen Bau repräsentiert für die Wissenschaftlerin „sowohl die spätmittelalterliche Mentalität wie auch den reformatorischen Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit“. Martin Luther sei übrigens kein Freund dieser zu den letzten spätgotischen Kirchenbauten in Sachsen gehörenden Wallfahrtsstätte gewesen. Er habe sie, zusammen mit der Wallfahrt bei Eicha nahe Naunhof, „als negatives Beispiel der Auswüchse des altgläubigen Kirchenwesens“ genannt und kritisiert.

Ehre sei dem großen Reformator, doch St. Marien hat die Zeiten überdauert und ist heute bei vielen Röthaern noch beliebter als ihre große Schwester St. Georgen. Und schaut man auf die von bürgerlichem Engagement getragene behutsame Sanierung in den letzten anderthalb Jahrzehnten, auf die Restaurierung des besonders wertvollen hölzernen Schnitzaltars und die vom Zufall getragene Wiederkehr der über Jahrzehnte verschollenen Predella des Altars in einer Kirche, die noch den Geist der Vergangenheit atmet, mag man auch heute noch an wundersame Kräfte an diesem Ort glauben.

Von André Neumann