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Borna Rolf Jähnichen – Minister nach fünf Minuten Bedenkzeit
Region Borna Rolf Jähnichen – Minister nach fünf Minuten Bedenkzeit
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06:16 11.05.2019
Der frühere sächsische Landwirtschaftsminister Rolf Jähnichen (CDU) im Garten hinter seinem Haus in Zedtlitz. Quelle: Nikos Natsidis
Borna

Margarethe Jähnichen war sauer. Soeben hatte sie gehört, dass ihr Mann Landwirtschaftsminister werden sollte. Es war der November des Jahres 1990, und im wiedererstehenden Freistaat Sachsen wollte der designierte Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) sein erstes Kabinett präsentieren – mit Rolf Jähnichen als Ressortchef für Landwirtschaft. „Das musst du dementieren“, verlangte dessen Ehefrau, die die Nachricht im Rundfunk gehört hatte. Doch der Gatte konnte nicht. Schließlich hatte er Biedenkopf gerade seine Zusage gegeben.

Erster Landrat in Borna

Dabei hatte der studierte und promovierte Diplomlandwirt erst wenige Monate zuvor den Schreibtisch gewechselt. Er war im Zuge der ersten freien Kommunalwahlen 1990 Landrat in Borna geworden. Und damit auf eine Umlaufbahn geschossen worden, mit der der Mann, der am 11. Mai 1939 in Helmsdorf in der Sächsischen Schweiz geboren wurde, ein Jahr zuvor hatte niemals rechnen können und rechnen müssen. Denn zur DDR-Zeit war Jähnichen, der später immerhin neun Jahre das Agrarministerium in Dresden führen sollte, ein nicht ganz untypischer DDR-Bürger gewesen.

Zu Hause im heutigen Bornaer Ortsteil Zedtlitz

Als stellvertretender Leiter der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) Neukirchen, heute ein Ortsteil von Borna, war Jähnichen 1981 in die CDU eingetreten. Für den Vater von drei Kindern, der seit Anfang der 70er-Jahre in der Zedtlitzer Waldstraße zu Hause ist, eine logische Entscheidung. Die DBD, die Demokratische Bauernpartei Deutschlands, wie die Ost-CDU eine der so genannten Blockparteien, kam für den gläubigen Katholiken schon aus weltanschaulichen Gründen nicht in Frage. Der Eintritt in die CDU machte immerhin klar, „dass ich kein Staatsfeind war“. Wohl aber schuf er eine ausreichende Distanz, die für viele DDR-Bürger normal war – sich nicht völlig gegen das System zu stellen, aber durchaus in gewissem Maße mitzuarbeiten. Andererseits gehörte in den 80er-Jahren zu den Aktivisten bei Christlichen Umweltseminar Rötha (CUR).

In eine Mönchskutte gekleidet zapft der damalige sächsische Landwirtschaftsminister Rolf Jähnichen (CDU) auf der Grünen Woche in Berlin Schwarzbier. | Quelle: dpa

An der Spitze der Kreisbehörde in Borna

Als die CDU dann im Einheitsjahr 1990 zur führenden Kraft speziell in Sachsen wurde, stand Jähnichen an der Spitze der Kreisbehörde. „Da hatte ich riesiges Muffensausen.“ Er hatte schließlich keinerlei Voraussetzungen für den Job. Und das war nicht anders, als er von Kurt Biedenkopf nach seiner Bereitschaft zur Übernahme des Ministerpostens gefragt wurde. Biko kam am Telefon gleich auf den Punkt. „Sie sind mir empfohlen worden.“ Und weiter: „Sie haben fünf Minuten Bedenkzeit.“ Immerhin versuchte der frühere CDU-Generalsekretär, seinen Wunschminister damit zu beruhigen, dass er an seinem künftigen Arbeitsplatz auf den Sachverstand westdeutscher Fachleute zählen könne. Der neue Minister Jähnichen merkte allerdings recht schnell, dass die auch nur mit Wasser kochen konnten und von der Umwandlung einer ehedem sozialistischen Landwirtschaft in das heutige System so viel Ahnung hatten wie alle anderen auch. So gut wie keine.

Der spätere sächsische Landwirtschaftsminister Rolf Jähnichen (CDU, Zweiter von rechts) in den 80er-Jahren bei einem Umweltgottesdienst des Christlichen Umweltseminars Rötha in Mölbis. Quelle: Steinbach

Bornaer Abgeordneter im Dresdner Landtag

Die 90er Jahre – das war für einen Minister in den damals wirklich noch neuen Bundesländern die Zeit, in der „freihändig“ gearbeitet werden musste. Gesetze und Verordnungen mussten vielfach erst noch geschrieben werden. 1994 zog der bis heute erste und einzige Minister mit Wohnsitz in Borna dann als direkt gewählter Abgeordneter in den Dresdner Landtag ein, wo er bis vor zehn Jahren saß. Im „Nebenjob“ war er Vorsitzender des Kuratoriums Völkerschlachtdenkmal, Landesvorsitzender der Seniorenunion und, bis zum letzten Jahr, Vorsitzender des Fördervereins Kloster Wechselburg.

Der frühere sächsische Landwirtschaftsminister Rolf Jähnichen (CDU, rechts) mit dem langjährigen Geschäftsführer der Ökologischen Station Borna-Birkenhain, Harald Krug. Quelle: Frank Prenzel

Zu Fuß von Zedtlitz nach Borna

Die große Politik liegt hinter ihm, wenngleich jemand wie Rolf Jähnichen natürlich interessiert ist an allem, was in dieser Hinsicht passiert. Kontakt zu den einstigen Ministerkollegen hat er nur noch zu Christine Claus (CDU), der ehemaligen Sozialministerin. Was ihn nach wie vor beschäftigt, ist der große Garten hinter dem Haus, das er einst Stein für Stein selbst gebaut hat. Den Rasen mäht er nach wie vor selbst. Und wenn er in Borna zu tun hat, legt er den Weg von Zedtlitz, immerhin an die drei Kilometer, zu Fuß zurück.

Von Nikos Natsidis

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