Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Borna Bornaerin schreibt mit 96 ihr Leben auf
Region Borna Bornaerin schreibt mit 96 ihr Leben auf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
05:00 08.08.2018
Gerda Enge in ihrem Haus in Borna, hinter ihr alte Fotos.
Gerda Enge in ihrem Haus in Borna, hinter ihr alte Fotos. Quelle: Sophie Aschenbrenner
Anzeige
Borna

„Krieg“, sagt Gerda Enge, „Krieg ist das grässlichste, das es gibt.“ Enge muss es wissen. Die Bornaerin wird heute 96 Jahre alt, sie hat einiges erlebt. In Chemnitz, wo sie 1922 geboren wurde, machte sie eine Ausbildung zur Kauffrau, wechselte später häufiger die Betriebe. Sie erlebte die Bombenangriffe auf Chemnitz im Jahr 1945. Heute wohnt Enge gemeinsam mit ihrem Schwiegersohn in Borna, beide haben ein eigenes Haus, essen jeden Tag zusammen - „Frühstück, Mittagessen, Abendessen“, erzählt Schwiegersohn Wolfgang John. Enges Mann verstarb nach langer Krankheit im Dezember 2009, ihre Tochter bereits mehr als zehn Jahre früher.

Kriegserlebnisse sitzen tief

„Meinen Mann habe ich 1942 als Soldat in meiner Heimat Chemnitz kennengelernt“, erinnert sich Enge. Zwei bereits erlittene Schlaganfälle machen ihr das Sprechen manchmal etwas mühsam, deswegen hat sie ihre Erinnerungen auch zu Papier gebracht. „Mein Mann musste dann zur Front. Seine Eltern bekamen von der Wehrmacht 1943 die Meldung, er sei vermisst.“ Am 14. September 1945 dann endlich die frohe Nachricht: „Mein Liebster kehrte heim“, sagt Enge. Im Januar des Folgejahres heiratete sie den Schneidermeister Johannes Enge. Im Haus in Borna sitzt sie noch immer ab und zu in seinem alten Arbeitszimmer mit der Nähmaschine, an den Wänden alte Fotos, in der Vitrine schönes Geschirr.

Zu Fuß von Chemnitz nach Kesselshain

Viel hat Enge schon erlebt, doch an ein Ereignis erinnert sie sich besonders gut: „Meine Schwiegereltern wohnten in Kesselshain, also in der damaligen Zeit der Besatzung in der amerikanischen Zone. Ich lebte in Chemnitz in der russischen Zone. Daher war eine persönliche Verbindung unmöglich. Sie wussten nicht einmal, ob ich noch am Leben war“, erzählt sie. Busse fuhren im Jahr 1945 nicht. Die einzige Möglichkeit, die beiden zu erreichen, war zu Fuß. Eines Tages machte Enge sich auf den Weg. „Es war sehr schwierig, auf der Autobahnbrücke standen russische Soldaten. Aber ich habe einen günstigen Moment abgewartet und konnte weiterlaufen.“ In Penig, an der Grenze zwischen russischer und amerikanischer Zone, musste Enge durch die Papierfabrik, um die Grenze zu passieren, es klappte. Sie übernachtete auf einem Bauernhof, kam irgendwann am späten Abend nach zwei Tagen Fußmarsch bei ihren Schwiegereltern an.

Tipp für nachfolgende Generationen: Frieden bewahren

Den jüngeren Generationen gibt Enge einige Tipps auf den Weg: „Ehrlich zu sein, das ist sehr wichtig. Den Frieden zu bewahren, auch“, sagt sie. Außerdem wünscht sie sich, dass die Jüngeren die Älteren achten: „Denn die Älteren haben alles geschaffen, was wir heute haben.“

Von Sophie Aschenbrenner

Borna Landesmeisterschaft der Spielmannszüge - Groitzsch erwartet über 800 Spielleute
11.08.2018