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Borna Siebzig Stalking-Opfer suchten 2017 Hilfe in der Grimmaer Beratungsstelle
Region Borna Siebzig Stalking-Opfer suchten 2017 Hilfe in der Grimmaer Beratungsstelle
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05:00 18.01.2018
Kerstin Kupfer
Kerstin Kupfer Quelle: Haig Latchinian
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Grimma

Fast 70 Stalking-Opfer kamen im vergangenen Jahr in die Grimmaer Beratungsstelle. Deren Leiterin Kerstin Kupfer spricht im Interview über die Schwierigkeit der Betroffenen, Stalking zu erkennen, konsequent den Ex-Partner zu meiden und offen mit dem Thema umzugehen.

Frage: Wie finden Stalking-Opfer den Kontakt zu Ihnen?

Kerstin Kupfer: Häufig wird dies von der Polizei vermittelt. Die Beamten machen die Betroffenen darauf aufmerksam, dass sie sich bei uns Hilfe holen können. Aber der Schritt fällt vielen schwer.

Warum?

Weil sie lange Zeit denken, das muss sich doch vernünftig klären lassen. Meistens haben sie ja mit dem Stalker vorher in einer Beziehung gelebt. Aber oft lässt es sich eben nicht klären.

Häufig sind Männer die Täter und Frauen die Opfer.

Es gibt auch Stalkerinnen, aber ja, die große Mehrheit sind Männer.

Wie viele Opfer haben Sie im vergangenen Jahr beraten?

Wir hatten 69 Fälle. Dabei sind wir für die Landkreise Leipzig und Nordsachsen zuständig.

Was ist bei der Beratung wichtig?

Zunächst ist es wesentlich, den Kontakt zum Stalker konsequent abzubrechen. Viele Opfer haben das Gefühl, dass es gut ist, ab und zu noch zu schreiben oder zu telefonieren. Sie denken, so haben sie noch ein bisschen Kontrolle und sehen, wie es dem Täter geht. Aber das ist die falsche Strategie. Für Stalker wird die Nachstellung oft zum Lebensinhalt. Da muss klar ein Stopp kommen: „Ich möchte nicht mehr, dass du anrufst oder mir schreibst.“ Wichtig für Betroffene ist auch ein offener Umgang mit dem Thema, was vielen jedoch schwer fällt.

Weil es ihnen peinlich ist?

Ja, aber auch weil die Opfer häufig isoliert sind. Typisch ist in solchen Beziehungen, dass der Mann die Familie und Freunde der Frau schlecht macht und Dinge sagt wie: „Du hast doch mich, du brauchst sonst niemanden.“ Und irgendwann beginnen die Betroffenen das zu glauben. Ihr Selbstwertgefühl leidet, die sozialen Kontakte fehlen. Der Partner hat die Regie über das Leben übernommen, er löst mitunter Ängste aus. Dann ist es besonders schwer, offen damit umzugehen.

Es ist also für Menschen mit einem guten Netzwerk einfacher?

Ja, sie schaffen es schneller, dort rauszukommen. In anderen Fällen dauert es oft mehrere Jahre, das ist ein langer Prozess. Wenn es gemeinsame Kinder gibt, wird es noch mal komplizierter. Dabei ist es wichtig, auch Nachbarn und Arbeitgeber über Stalking in Kenntnis zu setzen. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht. Arbeitskollegen bringen die Betroffene zum Beispiel nach Hause, wenn der Ex-Mann immer auf dem Parkplatz vor der Firma wartet. Es wurden auch schon Hausverbote in Firmen ausgesprochen.

Häufig waren die Opfer mit dem Täter vorher in einer Beziehung. Ist es in diesem Fall nicht schwierig zu erkennen, ab wann es sich um echtes Stalking handelt?

Das ist sogar sehr schwierig, weil das meist ein schleichender Prozess ist. Wir weisen die Betroffenen in der Beratungsstelle immer darauf hin, dass die Dinge dokumentiert werden müssen: Wann ist was passiert? In welcher Mail stand das? Häufig lässt sich das nicht mehr nachprüfen. Das ist ungünstig, wenn die Staatsanwaltschaft ermittelt, Beweise werden gebraucht.

Was ist in der Regel der Anlass, dass Betroffene sich an die Polizei oder an Sie wenden?

Wenn es zu körperlicher Gewalt kommt, wenn jemand versucht in die Wohnung einzudringen oder der Ex-Partner mit dem Auto verfolgt oder gar von der Straße gedrängt wird. Manche missbrauchen den Namen der Opfer im Netz. Manche zerstechen die Reifen oder beschädigen die Bremsleitung am Auto der Ex-Freundin.

Was treibt Stalker an?

Es gibt die falsche Vorstellung, dass die Täter fast immer psychisch krank sind. Das stimmt nicht. Studien ergeben, dass die wenigsten von ihnen tatsächlich eine solche Diagnose haben. Häufig versteckt sich dahinter Machtmissbrauch. Sie sehen den anderen als ihren Besitz, sie wollen, dass er so funktioniert, wie sie sich das vorstellen.

Stalking kann straf- und zivilrechtlich belangt werden. Welche Erfahrungen haben Sie in den Fällen, die Sie seit 2009 in der Beratungsstelle betreuen?

Das Problem ist oft, dem Täter Stalking wirklich nachzuweisen. Meist kommt es zu Bußgeldern oder Bewährungsstrafen. Nur wenn Stalking mit anderen Straftaten in Zusammenhang steht, habe ich auch schon Gefängnisstrafen erlebt.

Interview: Claudia Carell

Kontakt: Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking des Wegweiser e.V., Lange Str. 50 in Grimma, Tel. 03437/708478, Web: www.wegweiser-boehlen.de. Ein Motto der Beratungsstelle heißt: „Die Gewalt lebt davon, dass sie von Anständigen nicht für möglich gehalten wird.“ (Jean-Paul Sartre)

Von Claudia Carell