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Borna So lebte es sich in Borna vor 100 Jahren
Region Borna So lebte es sich in Borna vor 100 Jahren
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13:00 27.02.2019
So sah eine Bergarbeiter Siedlung in Borna um 1920 aus.
So sah eine Bergarbeiter Siedlung in Borna um 1920 aus. Quelle: Repro Claus Bräutigam
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Borna

Es war das Ende der guten alten Zeit. Vor 100 Jahren, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Auch in Borna, „das in eine andere Zeit katapultiert wurde“, wie Hans Ketzer sagt. Der promovierte Wissenschaftler, Leiter des Volkskundemuseums Wyhra, spricht am 15. Mai im Museum am Bornaer Reichstor über das „Bornaer Land im Kontext der Ereignisse vor 100 Jahren“. Eine Zeit des Zusammenbruchs und der Weichenstellung.

Arbeiter- und Soldatenrat in Borna

Nach dem Sturz der Monarchie in Deutschland wie in Sachsen übernahm wie im fernen Kiel nach dem Matrosenaufstand auch in Borna ein Arbeiter- und Soldatenrat die Macht. „Er beanspruchte die Zuständigkeit für die gesamte Amtshauptmannschaft“, so Ketzer.

Hans Ketzer, Leiter des Volkskundemuseums Wyhra, spricht am 15. Mai über Borna vor 100 Jahren. Quelle: Andreas Döring

Also für den späteren Kreis Borna. Nicht unbedingt ein Wunder, schließlich galt Sachsen im Deutschen Reich als rot und Borna als Hochburg der USPD, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei, die sich von der SPD abspaltete, weil sie deren Haltung zum Krieg nicht teilte. Allerdings, so Ketzer weiter, lehnte die USPD eine Räterepublik nach russischem Vorbild ab. Auf dem Bornaer Rathaus wehte in den Wochen und Monaten nach Kriegsende die rote Fahne.

Zuwanderer nach Borna

Wobei die neue Machthaber mit alten Problemen zu kämpfen hatten. War die Lebensmittelversorgung schon in den letzten Kriegsjahren auch in Borna immer schwieriger geworden, sah es nach Kriegsende noch schlimmer aus. Speziell, weil Borna und die umliegenden Tagebau-Betriebe Ziel von Zuwanderern waren. Mit gutem Grund. Weil die Kriegsgefangenen, die während des Waffengangs in den Tagebauen schuften mussten, nach Kriegsende dazu nicht mehr bereit waren, wurden neue Arbeitskräfte gesucht.

Bornaer Braunkohlenrevier Stube Dora und Helene um 1923:.In den Tagebauen arbeiteten während des Ersten Weltkriegs viele Gefangene. Quelle: Leibniz Institut für Länderkunde,Kurt Pietzsch

Kommandeur jagt sich in Borna Kugel in den Kopf

Anfang 1919 trafen auch die Soldaten des Karabinierregiments wieder an ihrem Standort in Borna ein. Sie waren noch bis zum Januar an ihrem Einsatzort in Finnland. Nicht alle Militärs verkrafteten die Rückkehr. Der Kommandeur jagte sich eine Kugel in den Kopf, weil er die Niederlage nicht ertrug. Schließlich war das Regiment, das im Laufe des Jahres 1919 als Folge des Versailler Friedensvertrages aufgelöst wurde, nicht geschlagen worden.

So sah die Altstadt von Borna 1921 aus, Quelle: Repro E. Gruhl

USPD liegt in Borna vorn

Wie es um die politischen Präferenzen im Wahlkreis Borna bestellt war, zeigt ein Blick auf das Ergebnis der Reichstagswahlen im Jahr 1920. Die Hälfte der Wähler machte ihr Kreuz bei linken Parteien, wobei die USPD mit 41 Prozent den Löwenanteil erhielt und die stärkste politische Partei überhaupt war.

Notgeld in Borna

Und es gab ganz praktische Probleme im Jahr 1919. Die Amtshauptmannschaft gab ein Notgeld heraus, „das waren Pfennige“, so Ketzer – auf Papier. Der Grund: Es fehlte schlichtweg an Metall für Münzen. In den Amtsstuben saßen die Beamten aus dem Kaiserreich, und denen fehlte es bisweilen auch am – bürokratisch – Nötigsten. Wohl deshalb kam noch im Mai 1920 ein Siegel des sächsischen Königshauses zum amtlichen Einsatz, ein neues, republikanisches gab es nicht.

Kämpfe beim Kapp-Putsch in Borna

Im Jahr 1920 war dann auch Borna Schauplatz von Kämpfen während des Kapp-Putsches, einer Erhebung von Militärs gegen die Weimarer Republik. „In Borna gab es vier Tote“, erläutert Hans Ketzer. An die erinnert heute noch eine Tafel in der Bahnhofstraße.

Eine Gedenktafel erinnert in der Bahnhofstraße in Borna an den Kappputsch 1920. Quelle: Jens Paul Taubert

Weichenstellung für die Entwicklung von Borna

Vor reichlich 100 Jahren gab es zudem eine wesentliche Weichenstellung für die Entwicklung von Borna und seinem Umland zum Bergbaugebiet. „Das war die Verabschiedung des Berggesetzes im Sommer 1918.“ Damit endete die Zeit, in der die Kohle unter den Feldern den Grundstückseigentümern gehörte. „Das war hinderlich für die Kohleindustrie.“ Die Flächen wurden nunmehr verstaatlich und ermöglichten die Entstehung von Riesen-Tagebauen, die heute noch als gefüllte Tagebaurestlöcher erkennbar sind.

Von Nikos Natsidis