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Borna Suizid wegen Demenz: „Ich habe geplant, uns beide zu erlösen“
Region Borna Suizid wegen Demenz: „Ich habe geplant, uns beide zu erlösen“
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13:19 15.08.2019
Ein Abschiedsbrief besiegelt die Ausweglosigkeit, die die Ehefrau bei der Pflege ihres dementen Mannes verspürte. Quelle: Foto: dpa / Montage: Thomas Lieb
Borna/Leipzig

Erika S. besucht ihren Mann Herbert heute regelmäßig in dem Bornaer Pflegeheim, in dem er nach der Tragödie des vorigen Sommers inzwischen betreut wird. Der Mann wollte dort nie hin. Sein Gesundheitszustand lässt nichts anderes mehr zu. Und auch für Erika S. ist es heute so das Beste. Heute.

Vor einem Jahr noch will sie ihren dementen Mann genau vor dieser Situation schützen. Sie respektiert seinen Willen, nicht in einem Pflegeheim betreut zu werden. Ihre Kraft reicht dafür nicht aus. Der letzte Ausweg für die 81-Jährige ist Selbstmord. Der Versuch scheitert.

Dosis war nicht tödlich

Die Dosis Schlaftabletten, die das Ehepaar einnimmt, ist nicht tödlich. Erika S. ist davon fest ausgegangen. Der Rechtsmediziner widerlegt im Gerichtssaal die tödliche Wirkung, bestätig aber nach der Blutuntersuchung, dass bei beiden „eine exorbitant hohe toxische Konzentration nachgewiesen“ wurde. Die Dosis macht schläfrig – bisweilen sogar komatös. Weswegen auch der Brötchenbeutel an der Tür zur Rentnerwohnung in Borna am Morgen nach dem Suizidversuch länger als üblich hängen bleibt.

In dem Wohnblock in der Semmelweisstraße kennt und hilft man sich. Eine Nachbarin ruft sofort die Tochter und Enkelin von Erika S. an, als an jenem Juni-Samstag in der Wohnung keine Reaktion zu vernehmen ist. Der Beutel mit den Frühstücksbrötchen hing nie so spät noch an der Klinke.

Die Oma sitzt schlafend in einem Stuhl. Der Opa liegt kreidebleich im Bett. Mit schwachem Puls und kaum erkennbarer Atmung. Der Notarzt kommt. In der Klinik werden beide versorgt. Auch die Polizei ist da und vernimmt Erika S..

Beschuldigtenvernehmung durch Polizei wird Beweisstück

Aus dem Tonbandgerät schallt Erikas Stimme im Gespräch mit einer Polizistin vom Richtertisch. Sie macht klare, nachdrückliche Aussagen, die sie mehrfach wiederholt als wolle sie sicher gehen, dass sie nicht falsch verstanden wird. Es sind andere Aussagen als die, die sie am ersten Verhandlungstag machte: „Ich habe allein und spontan entschieden, uns beide zu erlösen. Ich wollte meinen Mann nicht allein umbringen, ich wollte mit ihm aus dem Leben gehen. Ich habe ihm die Tabletten in die Hand gelegt, er wusste nicht, was ich ihm da gebe.“ Erika S. sagt die Sätze immer wieder. Von der ausgestreckten Hand ihres Mannes, der nach den Tabletten verlangt, als ihm seine Frau erklärt, dass sie sich umbringen wolle, wird in der Vernehmung nichts erwähnt.

Ein gutes Jahr später wird sie sich an einige ihrer Aussagen bei der Polizei nicht mehr erinnern können. Die Strafkammer lässt den Mitschnitt als Beweis zu. Auch nachdem der Verteidiger versucht, das – mit Verweis auf Fehler vor und während der polizeilichen Vernehmung – zu verhindern.

Urteil wird am Mittwoch erwartet

Sie hört noch einmal die Worte aus ihrem Abschiedsbrief: „Liebe Kinder, es tut mir leid. Aber ich kann nicht mehr. Ich habe euch lieb, eure Mutti“. Sie lässt alles über sich ergehen. „Ich kann es ja nicht rückgängig machen. Aber ich bin froh, dass es so ausgegangen ist. Für meinen Mann und für mich auch.“ Erika S. geht es nicht besser als vor einem Jahr. Zu schwer wiegen die Selbstvorwürfe. Zu stark sind die Depressionen.

Aber sie geht regelmäßig zu Herbert ins Heim. Er erkennt sie. Hegt keinen Groll gegen sie. Er kann sich keine Vorstellung davon machen, was seine Ehefrau gerade durchsteht. Eine Anklage wegen versuchten Mordes. Das Urteil, das am Mittwoch im Landgericht Leipzig gesprochen werden soll. Zwei Tage vor Herberts 80. Geburtstag. Dass sie ihn gemeinsam erleben können, ist die gute Nachricht, die am Ende einer höllischen Odyssee steht, durch die Erika S. gegangen ist. Als allein gelassene, pflegende Ehefrau und Demenzangehörige, die schlicht überfordert war.

Von Thomas Lieb

Am Donnerstag gab es im Prozess wegen versuchten Mordes gegen eine 80-jährige Bornaerin eine Wende. Aussagen der Frau in der polizeilichen Vernehmung am Tag nach dem Selbstmordversuch an sich und ihrem demenzerkrankten Mann unterstreichen die Ausweglosigkeit in der dramatischen Lebenssituation des Rentner-Ehepaares.

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