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Borna Wiederauer Schmied Erwin Littmann ist tot
Region Borna Wiederauer Schmied Erwin Littmann ist tot
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18:03 03.05.2019
So kennen ihn die Menschen: Erwin Littmann war mit seiner historischen Feldschmiede ein Anziehungspunkt auf Dorf- und Stadtfesten. Quelle: Ulrike Wolf
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Pegau/Wiederau

Ein Dorf trägt Trauer: Der beliebte Schmiedemeister Erwin Littmann, Mitglied des Kulturvereins und der Freiwilligen Feuerwehr sowie jahrelanger Ortschaftsrat in Wiederau, ist am 27. April im Alter von 82 Jahren plötzlich verstorben. Er hinterlässt seine Frau Renate, fünf Kinder, 13 Enkel und elf Urenkel.

Fehlt an allen Ecken und Enden

„Er war ohne Zweifel ein wichtiger Bestandteil unserer Gemeinschaft und wird an allen Ecken und Enden fehlen“, sagt Wiederaus Ortsvorsteher Michael Buth und spricht „von einem großen persönlichen Verlust“. Zehn Jahre war Buth bei ihm angestellt, er bezeichnet die Zeit als „sehr prägend und interessant. Die Gespräche mit ihm werden mir fehlen“.

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Für die Menschen in dem Pegauer Ortsteil war der 82-Jährige ein lebendes Geschichtsbuch, ein sympathischer Geschichtenerzähler, ein Freund, Helfer und Ansprechpartner in der Not und ein Mann mit goldenen Händen. Von Auligk bis Zwenkau kannte Erwin Littmann jeden, und jeder kannte Erwin Littmann.

Geschicklichkeitsspiele und Hufeisenpolka

Auch Pegaus Bürgermeister Frank Rösel (parteilos) schätzte den einstigen Dorfschmied sehr. „Er war ein Original, hatte immer einen flotten Spruch auf den Lippen und liebte es, die Menschen mit seiner Feldschmiede zu unterhalten.“ Dazu habe er sich oft Geschicklichkeitsspiele ausgedacht, die berühmte Hufeisenpolka gespielt und manchem Kind den Schmiedehammer in die Hand gedrückt.

Herzen, Messer, Hufeisen made in Wiederau

Die Militärfeldschmiede aus dem Jahr 1850 war überhaupt sein Markenzeichen. Mit diesem preußischen Modell, das 1910 aus dem Dienst entlassen worden war und das er eines Tages in einem alten Schuppen gefunden und dann mühsam wieder aufgebaut hatte, zog der Rentner viele Jahren von Dorf- zu Stadtfest, von Mittelaltermarkt zu Schmiedetagen sowie Messen in ganz Deutschland.

Schmied Erwin Littmann schenkt dem beliebten Schlagerdua Monika Hauff und Klaus Dieter Henkler beim Kahnsdorfer Dorfest Herzen. Quelle: Frank Prenzel

Seine selbstgeschmiedeten Mitbringsel „made in Wiederau“ waren Brieföffner und Kerzenständer, eiserne Herzen, Scheren, Messer, Löffel, Ringe, Ketten und Hufeisen, natürlich auch Keuschheitsgürtel.

Kalender im Sommer meist ausgebucht

Darüber hinaus steckte Littmann mehrmals in der Woche seine Nase in die alte Werkstatt in der Hauptstraße, die er von Oktober 1959 bis Ende 1997 geführt hatte. Dort erledigte der Altmeister kleine Arbeiten, mal einen Metallreifen für ein Holzwagenrad anfertigen, mal eine Sense dengeln, mal ein Hoftor bauen. „Wenn man ihn treffen wollte, musste man nur dorthin gehen“, weiß Frank Rösel.

Überhaupt sei es schwierig gewesen, einen Termin mit dem Wiederauer zu vereinbaren. „Er hatte einen großen Kalender, und der war in den Frühjahrs- und Sommermonaten meist ausgebucht.“

Ihr seid Wiederauer, ich bin Wiederauer

Frank Scheibe vom Kulturverein Wiederau ist tief berührt vom Tod des einstigen Dorfschmieds. „Als wir 1995 von Zwenkau nach Wiederau gezogen waren, war er einer der Ersten, der offensiv auf uns zuging. Er hatte immer ein offenes Ohr für alle.“

Als Scheibe einmal seinen Hausschlüssel verlor und nicht zur Tür hereinkam, schwang sich Erwin Littmann „auf sein berühmtes Minifahrrad, kam zu uns geradelt und öffnete die Tür mit wenigen Handgriffen.“ Bezahlt haben wollte er seine Dienste nicht. „Ihr seid Wiederauer, ich bin Wiederauer, da nehmen wir doch kein Geld“, sagte er damals.

65 Jahre Mitglied in der Feuerwehr

Zudem war Erwin Littmann bis zuletzt in der Alters- und Ehrenabteilung der Ortsfeuerwehr aktiv. Wehrleiter Steve Treppnau mochte die sympathische, unkomplizierte Art des Kameraden, der 65 Jahre lang Mitglied in der Wehr war. „Er war immer präsent, hat allen geholfen und ist mit seiner Schmiede viel herumgereist. Sein Tod ist ein schwerer Verlust für die Familie, aber auch für ganz Wiederau.“

Ohne Arbeit in der Werkstatt ging es nicht

Erwin Littmann wurde am 6. Februar 1937 in Pohlschildau bei Liegnitz (Niederschlesien; polnisch Legnica) geboren. Gern erzählte er, wie es seine Familie nach dem Krieg mit einem Ochsenkarren zunächst nach Tharandt (nahe Freital) verschlug. Später, 1954, kam er über Bayern nach Wiederau.

Da hatte er die drei Lehrjahre bei Walter Bartsch in Zitzschen bereits hinter sich und den Gesellenbrief in der Tasche. Bei seinem Vorgänger Karl Rahmsfeld begann dann die Schmiedekarriere, die ihn bis zuletzt nicht losließ. „Eigentlich habe ich seit der Rente immer frei, aber ohne Arbeit geht es nicht", sagte der Altmeister mal in einem LVZ-Interview.

Nun ist sein Schmiedefeuer für immer verloschen.

Erwin Littmann schmiedet nicht mehr, er ist 82-jährig gestorben. Quelle: André Kempner

Von Kathrin Haase