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Borna William Pester – der Hippie aus Borna
Region Borna William Pester – der Hippie aus Borna
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07:38 09.03.2019
Das Geburtshaus von William Pester in Borna. Quelle: Museum
Borna

Nicht erst die 68er haben alternative Lebensstile entwickelt. Was die Hippies in den 60er- und 70er- Jahren ausmachte, gab es bereits Jahrzehnte zuvor in der kalifornischen Wüste, wo ein Deutscher oftmals nahezu nackt als Vegetarier und in jedem Fall als Aussteiger aus der Zivilisation in den Städten in einer Palmenhütte lebte. Sein Geburtsname: Friedrich Wilhelm Pester. Er kam – aus Borna.

1885 in Borna geboren

Dort wurde er im Jahr 1885 geboren, in der heutigen Leipziger Straße 32. In Borna wissen allerdings nur wenige davon, dass der Ur-Hippie ein echter Bornaer war. Dabei hat Pester die ersten zwei Jahrzehnte hier verbracht. Es ist die Zeit, in der sich Borna langsam, aber kontinuierlich zur späteren Bergbaustadt entwickelt. Geboren wird er als drittes Kind von Herrmann Friedrich Pester. Seine Mutter stirbt, als Friedrich Wilhelm acht Jahre ist; später heiratet der Vater erneut und zieht in die Grimmaer Straße 20. Der spätere Naturmensch beginnt eine Lehre als Steinmetz und lebt bei der Familie seines Bruders Theodor Herrmann Pester in der Reichsstraße 25 und anschließend An der Mauer 7.

Von Paunsdorf zurück nach Borna

Im Alter von 19 zieht er zunächst in den heutigen Leipziger Stadtteil Paunsdorf und kehrt nach Borna zurück. Thomas Bergner, Mitarbeiter im Bornaer Museum, der die Geschichte zahlreicher bedeutender Bornaer Persönlichkeiten aufgearbeitet hat, gibt zu Protokoll, dass Pester in Borna zuletzt als Anstreicher gearbeitet hat, bevor er in die USA auswanderte. Über Bremerhaven, wie so viele Deutsche am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Der Mann aus Borna geht nach Los Angeles

Der Wechsel in die Neue Welt bringt einen Namenswechsel mit sich – aus Friedrich Wilhelm wird William. Zunächst geht der Mann aus Sachsen nach Los Angeles, segelt von dort nach Hawaii und lässt sich 1919 in Palm Springs in der Wüste nieder. Von nun an erprobt er alternative Lebensformen, in denen sich Einflüsse der deutschen Lebensreformbewegung, eine sozialreformerische Bewegung mit dem Streben nach einem Naturzustand, aber auch das Karl-May-geprägte Amerika-Bild miteinander vermischen. Pester baut sich eine Palmenhütte neben einem Bach und einem Palmenhain.

Vegetarier mit Vollbart

Es heißt, William Pester habe sich mit Indianern vom Stamme der Cahuilla, von denen es zu Pesters Zeiten noch etwa 800 gab, angefreundet. Er isst kein Fleisch; weil er aber Geld zum Leben braucht, nutzt er die Neugierde der Städter, die bisweilen in Scharen aufs Land zu seiner Hütte pilgern. Dort sehen sie einen Mann mit langem Vollbart – in einer Zeit, in der das kaum en vogue ist. Er trägt weite Gewänder, auch das fernab jeglicher Moden in der benachbarten Zivilisation. Er verkauft nach Angaben des Schriftstellers Gordon Kennedy Postkarten mit Gesundheitstipps, lässt Besucher für zehn Cent durch sein Teleskop blicken und hält Vorträge über Astronomie. Seine Sandalen stellt er selbst her, und er hält Predigten über die Vorzüge des einfachen Lebens. Zudem spielt William Pester Gitarre und singt dazu. Ein Aussteiger, der in jedem Fall viel weiter geht als die meisten Hippies Jahrzehnte später.

Sechs Jahre im Knast

Als William Pester 55 Jahre ist, gibt es eine tragische Wende in seinem Leben. Ein Gericht verurteilt ihn nach Paragraf 288a des kalifornischen Strafgesetzbuches zu zehn Jahren Haft – wegen „mündlicher Kopulation mit einem Minderjährigen“. Bis heute steht dabei aber im Raum, Pester, dem Deutschen, könne eine Falle gestellt worden sein. Er steht im Jahr 1940 vor Gericht, als der Krieg bereits ein Jahr lang in Europa tobt und die Feindseligkeit gegen Deutschland allgemein zunimmt. 1946 wird William Pester auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen.

Tod in Arizona

Später lässt er sich wieder in Los Angeles nieder und hat die Idee, mit einem Boot zu einer wenig besiedelten Insel zu fahren. Er heiratet und stirbt 1963 in Arizona.

Musikalisches Denkmal für den Mann aus Borna

Da ist er bereits eine Legende. Jedenfalls in eingeweihten Kreisen. Und er war Gegenstand eines Hits von Nat King Cole (1919 bis 1965). Der Jazz-Pianist setzte dem Mann aus Borna mit seinem Titel „Nature Boy“ ein Denkmal und landet damit im Jahr 1946 erstmals auf Platz eins der US-Charts.

Kenntnis in Borna hält sich in Grenzen

In seiner Heimatstadt hält sich die Kenntnis über den Bornaer Hippie allerdings in überschaubaren Grenzen. Oberbürgermeisterin Simone Luedtke (Linke) hat immerhin einmal von William Pester gehört; ob er allerdings irgendwann vielleicht in den Kanon der Bornaer Berühmtheiten wie Clemens Thieme oder Wilhelm Külz aufgenommen wird, ist derzeit nicht absehbar. Pester ist ein Kapitel im Buch „Vom fröhlichen Wandern“ gewidmet, das Katja Margarethe Mieth, Justus H. Ulbricht und Elvira Werner im Verlag der Kunst Dresden herausgegeben haben. Und dann ist da noch Thomas Bergner, der die Geschichte des Hippies von der Wyhra ans Licht geholt und damit zumindest interessierten Lokalpatrioten gesichert hat.

Von Nikos Natsidis

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