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Borna Ziel erreicht: Klima-Aktivisten legen im Tagebau Schleenhain Bagger lahm
Region Borna Ziel erreicht: Klima-Aktivisten legen im Tagebau Schleenhain Bagger lahm
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18:34 30.11.2019
Stillstand: Anstatt den Bagger zu besetzen, setzten sich die Aktivisten davor und bewirkten damit einen Arbeitsstopp. Quelle: Dirk Knofe
Neukieritzsch

Der dünne Zaun am Tagebau Vereinigtes Schleenhain wird heruntergedrückt. Über tausend Menschen in weißen Schutzanzügen steigen darüber. Die Klima-Aktivisten von „Ende Gelände“ haben ihr Ziel erreicht, sie sind in der Grube des Tagebaus angekommen.

Stunden vorher, gegen 6 Uhr morgens am Samstag, steigen 20 von ihnen in Leipzig in die Tram 7, Richtung Hauptbahnhof. Sie tragen große Rucksäcke auf ihren Rücken, sodass es wirkt als würden sie tagelang wandern gehen. Sie üben leise ihre Sprechgesänge. „Wehrt euch leistet Widerstand. Gegen die Braunkohle hier im Land. Runter in die Grube, runter in die Grube“. Mit der Melodie von „He-Jo, spann den Wagen an“ erfüllen die jungen Frauen und Männer die Straßenbahn mit ihren Widerstandgesängen. Später wird das Lied laut in Neukieritzsch zu hören sein, obwohl sie nicht runter in die Grube dürfen. Das Verwaltungsgericht Leipzig entschied am Freitag, dass keine Versammlung im Tagebau stattfinden darf.

Mehr als tausend Aktivisten fordern im Leipziger Revier das Ende der Kohleförderung.

In der großen Halle des Hauptbahnhofs verschluckt die Masse die Gruppe aus der Tram. Während der Fahrt nach Neukieritzsch ist es laut. Die Kontrolleurin soll nur gelächelt und sich durch den Zug gequetscht haben. Fahrkarten wurden nicht kontrolliert, dafür aber die eigenen Finger. „Das ist dazu da, um die Fingerabdrücke zu verschleiern“, erzählt ein Mädchen. Leicht reißt sie mit einer Nähnadel die Haut ihrer Fingerkuppen auf. Darüber kommt Sekundenkleber und Glitzer.

Keine Angst, aber Respekt

Auch Frieda Bergmann streut sich goldenen Glitzer über ihre Finger. Auf den Namen hört sie kaum, denn den hat sie sich für die Aktion ausgedacht. „Ich würde nicht von Angst sprechen, eher von Respekt vor der Aktion“, sagt sie. Es ist nicht das erste Mal, dass die 25-Jährige bei einer Demo mitmacht. „Angst haben die meisten nur vor der Polizeigewalt, denke ich. Wir setzen schließlich unseren Körper ein“, sagt ein anderes Mädchen dazu. „Zwar bereiten wir uns gut vor, aber man kann nie absehen, was passieren wird“, erzählt Frieda weiter.

Obwohl die Demonstration größtenteils friedlich ablief, wurde Frieda leicht verletzt. Ihre Stimmung blieb aber gut. Quelle: Dirk Knofe

Die 25-Jährige läuft in der zweiten Reihe des Demonstrationszuges mit. In der ersten stehen andere, die ein langes Banner hochhalten. Hinter ihnen stellen sich in der Neukieritzscher Bahnhofsstraße weitere auf. Zu dem Zeitpunkt sind es knapp 300 Aktivisten, die bereits am Ausgang des Bahnhofes von Polizisten in Empfang genommen werden. „So lange ihr nicht mit uns kommuniziert, lassen wir euch nicht durch“, ruft der Einsatzleiter.

Polizisten werden vorwärts geschoben

Das brauchen sie auch gar nicht, denn die Aktivisten laufen nicht geradeaus auf die Beamten zu, sondern nach links über Schleichwege. Zügig treiben sie voran. Es wird zu einem Katz- und Mausspiel zwischen Polizei und Demonstranten. Die Beamten versuchen den Menschenzug über einen anderen Weg einzuholen. Sie stellen sich vor sie, doch die Aktivisten schieben die Polizisten weiter vorwärts, überrollen sie fast schon, so dass sie aufgeben und es ein paar Meter aufs Neue versuchen. Die Masse der Demonstranten ist zu stark für die wenigen Beamten vor Ort.

„We are unstopable“

„Das, was wir hier tun geht nicht gegen die Polizisten. Normalerweise bleiben sie entspannt, wenn wir sie nicht provozieren“, erzählt Henning, der mit den anderen demonstriert. Es sei die Entscheidung der Polizei sich dem Zug in den Weg zu stellen. Auch die Arbeitnehmer des Tagebaus sollen damit nicht angegriffen werden, es sei eine Kritik gegen das System. Circa zwanzig Polizisten und mittlerweile tausend Aktivisten stapfen durch enge Wege eines Waldes und über matschigen Boden der Felder. „We are unstopable, another world is possible“, „Wir sind unaufhaltbar, eine andere Welt ist möglich“, schreien die Demonstranten entschlossen.

In der Nähe des Tagebaus rennen sie plötzlich los. Tausend Menschen in Schutzanzügen steigen über den Zaun, drücken ihn für andere hinunter. Dabei kommt es zu einem Gerangel mit der Polizei. „Mir wurde ins Gesicht geschlagen, an den Haaren gezogen und einmal hat mich ein Polizist geschubst“, schildert Frieda. Auch die Beamten bekommen etwas ab, sie werden mit den Füßen von den Demonstranten getreten, wie die Pressestelle der Polizei erklärt. „Unser Konsens ist es friedlich zu demonstrieren“, sagt die 25-Jährige.

Polizei „besetzt“ Bagger

Im Herzen des Tagebaus, hinter aufgehäuften Halden, stehen zwei riesige Bagger inmitten von Matsch, Sand und Staub. Auf dem Weg dorthin achten die Aktivisten aufeinander, ermahnen sich zur Vorsicht, gerade wenn es auf den Halden ein paar Meter in die Tiefe geht. „Danke, dass ihr für uns die Bagger besetzt“, rufen einige von ihnen, denn weitere Polizisten stehen schon auf den Kolossen – bereit die Demonstranten abzuwehren. Die Aktivisten setzen sich stattdessen auf Wärmedecken und Isomatten vor den großen Arbeitsgeräten des Tagebaus.

Symbolisches Zeichen

„Wir haben unser Ziel erreicht. Wegen uns läuft der Bagger nicht“, sagt Frieda freudesstrahlend. Der Kohleausstieg sei schon längst überfällig. „Damit haben wir auf zwei Ebenen etwas erreicht. Einmal, dass heute kein Betrieb stattfinden kann und als symbolisches Zeichen, dass es so nicht weitergehen kann“, erklärt Henning. Die Protestaktion am Tagebau steht dafür, den sofortigen Kohleausstieg zu bewirken. Das, was im Tagebau am Samstag geschieht, sei Demokratie, erklärt Sina Reisch von „Ende Gelände“. Ein aktives Mitgestalten und die Auseinandersetzung mit großen Gruppen, so sehe die Zukunft für sie aus.

Henning und Jan glauben daran, dass sie etwas bewegen. Quelle: Nicole Grziwa

Nachdem auch einige Nachzügler den Bagger erreichen, sind es knapp 1600 Demonstranten in der Grube bei Neukieritzsch. Sie essen, ruhen sich aus und füttern die Pferde der Polizei. „Es ist als Tagesveranstaltung geplant worden. Ich denke, jetzt werden wir es erstmal genießen“, sagt Frieda.

Mobilität müsse auch umgedacht werden

Die Polizei will zunächst noch die Personalien aufnehmen, macht es am Ende des Tages doch nicht. Unter den Demonstranten sitzen auch viele aus Tschechien, Belgien und weiteren Ländern. „So etwas, wie hier gibt es bei uns nicht. Darum unterstützen wir „Ende Gelände“, weil der Klimawandel uns alle angeht“, sagt Dries aus Belgien. Nach Anbruch der Dunkelheit sollen sie den Tagebau wieder geschlossen verlassen haben. Doch der Kampf gegen den Klimawandel gehe für sie weiter. Einige spekulieren darauf, als nächstes Flughäfen zu besetzen. Auch die Mobilität müsse umgedacht werden.

Von Nicole Grziwa

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