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Borna Zu viele Immobilien: Pfarrei Borna will Kirche in Deutzen los werden
Region Borna Zu viele Immobilien: Pfarrei Borna will Kirche in Deutzen los werden
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00:21 27.01.2018
Die Kirche St. Konrad in Deutzen steht vor einer ungewissen Zukunft. Die katholische Pfarrei Borna will sie loswerden.
Die Kirche St. Konrad in Deutzen steht vor einer ungewissen Zukunft. Die katholische Pfarrei Borna will sie loswerden. Quelle: Jens Paul Taubert
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Neukieritzsch/Deutzen/Borna

Die Zukunft der katholischen Kirche St. Konrad in Deutzen steht auf dem Spiel. Die Pfarrei St. Joseph in Borna möchte sich von dem Gebäude trennen. Zugleich versichern Pfarrer Dietrich Oettler und Franz Waberzeck vom Pfarrgemeinderat, dass auch künftig Gottesdienste in Deutzen stattfinden sollen. Wie das konkret funktionieren soll, dafür gibt es im Moment nur vage Ideen.

Bei den wenigen verbliebenen Katholiken in Deutzen sorgen die Ankündigungen für Besorgnis. Immerhin waren sie und ihre Vorfahren aus Bayern und Schlesien es, die die Kirche vor über sechs Jahrzehnten unter den Bedingungen der nicht gerade kirchenfreundlichen DDR selbst gebaut hatten. „Und heute, in unserem reichen Westdeutschland, können wir sie nicht mehr halten“, wundert sich Helga Benkel, eine der aktivsten Katholiken in Deutzen.

1957 war die Kirche gerade ein Jahr alt. Damals gab es in Deutzen und allen zugehörigen Orten 1170 Katholiken. Heute, rechnet Pfarrer Oettler vor, seien es in der gesamten Pfarrei mit Borna, Frohburg, Kitzscher, Neukieritzsch und allen zugehörigen Ortsteilen nur noch 1049. Rund 20 davon kommen alle zwei Wochen sonnabends zum Gottesdienst in die Deutzener Kirche, davon ein Dutzend Deutzener.

Quelle: Philipp Ramm

Der Abwärtstrend bei den Gemeindemitgliedern ist es, der die Pfarrei überhaupt darüber nachdenken lässt sich von Gebäuden zu trennen. Denn das Bistum verpflichtet die Pfarreien, einen großen Teil ihrer Gelder in eine Erhaltungsrücklage für die Immobilien zu legen. Bei immer weniger Gläubigen und somit Einnahmen bedeute das, sagt Dietrich Oettler, dass dem Pfarrer irgendwann zu wenig Geld für die seelsorgerische Arbeit zur Verfügung stehen könnte. „Unsere Pfarrei“, folgert der Pfarrer, „hat derzeit mehr Immobilienbestand, als sie auf absehbare Zeit erhalten können wird.“

Die Bornaer Pfarrei hat drei Gebetsorte. Die Pfarrkirche in Borna – ein umgebautes Offizierskasino – besuchen zu den wöchentlichen Gottesdiensten rund 120 Gläubige. In Frohburg, wo ein Reihenhaus als Kapelle dient, seien es ähnlich wenige wie in Deutzen. Dass Deutzen und nicht Frohburg in Frage gestellt wird, liege laut Pfarrer daran, dass Frohburg weiter von Borna entfernt ist. „Wenn wir diese Kapelle aufgäben, würden wir uns ungleich mehr aus der Fläche zurückziehen“, sagt Oettler.

Für den promovierten Geistlichen spielt dabei auch keine Rolle, dass in Deutzen das einzige sakrale Bauwerk der Pfarrei steht. „Die lebendigen Steine sind wichtiger als die toten“, entgegnet er jenen, die darauf hinweisen, wie es etwa Helga Benkel tut. Die Sorge für die Menschen stehe in der katholischen Kirche über der für die Gebäude.

St. Konrad soll nicht für immer zugeschlossen werden, betonen der Pfarrer und Pfarrgemeinderatsmitglied Waberzeck. Aber die Pfarrei möchte das Eigentum an der Kirche aufgeben. Unter einem anderen Träger soll sie ein Ort bleiben, „der Menschen im Leben und im Glauben eine Heimat“ ist, formuliert Dietrich Oettler. Vieles wurde schon erwogen und wieder verworfen. Jetzt stehe man mit der Idee eines Umwelt- und Dokumentationszentrums zu Bergbau und Kohle am Anfang neuer Überlegungen. Mit Platz für Gottesdienste.

Die Katholiken in Deutzen seien für die Überlegungen offen, aber auch sehr kritisch, hat der Pfarrer erfahren. Besonders wegen der engen persönlichen Bindungen an die Kirche. Die unter anderem dazu führen, dass Deutzener ehrenamtlich das Umfeld der Kirche in Ordnung halten und das Holz zum Heizen zusammentragen.

Das letzte Wort wird der Bischof des Bistums Dresden-Meißen haben. Dem muss die Pfarrei, wenn es so weit ist, die Aufgabe einer Kirche vorschlagen.

Entwicklung der Mitgliederzahlen

Die beiden großen Kirchen in Deutschland verlieren weiter Mitglieder, die Zahl der Austritte hat sich 2016 aber deutlich verringert – Zahlen für 2017 liegen noch nicht vor. Etwas mehr als 162 000 Katholiken kehrten im vorvergangenen Jahr ihrer Kirche den Rücken. Die Evangelische Kirche meldete 190 000 Austritte.

Zur katholischen Kirche und ihren 27 Diözesen bekannten sich zu diesem Zeitpunkt noch knapp 23,6 Millionen Menschen, das sind 28,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die evangelischen Kirchen kommen auf gut 21,9 Millionen, was einem Bevölkerungsanteil von 26,5 Prozent entspricht. Somit gehörten nur noch gut 55 Prozent der Deutschen einer der beiden großen Kirchen an. Zählt man kleinere Gemeinschaften hinzu, betrug der Christenanteil in der Bevölkerung 58,3 Prozent.

In Sachsen ist die Zugehörigkeit zu den beiden großen Kirchen prozentual deutlich geringer als im Bundesdurchschnitt. Der evangelischen Kirche gehörten im Freistaat 2015 18,9 Prozent der Bevölkerung an, zehn Jahre zuvor waren es noch 21,9 Prozent. Bei der katholischen Kirche liegt die Zahl in Sachsen seit gut zehn Jahren bei rund 3,7 Prozent Bevölkerungsanteil.

Der Mitgliederschwund der evangelischen Kirche wird vor allem auf den demografischen Wandel zurück geführt, die Lücke der verstorbenen Kirchenmitglieder kann nicht wieder aufgefüllt werden. Die Zahl der Austritte dagegen konnte 2016 in der EKD erstmals seit drei Jahren wieder durch Neueintritte übertroffen werden.

Die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ kritisiert „die dramatischen Pfarreizusammenlegungen und Gemeindeauflösungen“.

Vor Ort stellt sich das so dar: Pfarrer Dietrich Oettler ist mittlerweile nicht nur für die Pfarrei St. Joseph Borna mit den Kirchen beziehungsweise Kapellen in Borna, Frohburg und Deutzen zuständig, sondern zugleich für die Pfarrei St. Benno Geithain mit Geithain, Bad Lausick und Tautenhain. Um künftig noch größere Strukturen auszuloten, haben sich im Bistum Dresden-Meißen 34 so genannte Verantwortungsgemeinschaften gebildet. Eine besteht aus den fünf Pfarrgemeinden Borna, Geithain, Wechselburg, Limbach-Oberfrohna und Mittweida.

Von André Neumann