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Delitzsch Ex-Landrat Czupalla über zehn Jahre Nordsachsen
Region Delitzsch Ex-Landrat Czupalla über zehn Jahre Nordsachsen
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00:18 31.07.2018
Landrat a.D. Michael Czupalla Quelle: Wolfgang Sens
Delitzsch

Wir sprachen mit dem heute 67-jährigen Czupalla über Wehen, Geburtsvorbereitung, Geburt und das Aufwachsen des Landkreises, der am 1. August 2008 geboren wurde.

Herr Czupalla, was haben Sie am 1. August 2008 gemacht?

Früh ging es nach Torgau zur Belegschaftsversammlung, dann war ein Pressegespräch angesagt und danach sind wir ganz schnell zum Tagesgeschäft übergegangen. Der Tag war hervorragend vorbereitet, von sehr vielen Beteiligten.

Wie war die Stimmung damals auf den Gängen und in den Büros des Schlosses Hartenfels?

Es stand niemand da mit offenen Armen, das habe ich gewusst. Was mir unwahrscheinlich gut getan hat, war, das kollegiale Miteinander in der kommunalen Familie.

Wer gehörte zur Familie?

Frank Kupfer, der CDU-Kreisvorsitzende von Torgau-Oschatz, die Bürgermeister Andrea Staude aus Torgau, Matthias Müller aus Wermsdorf, Andreas Kretschmar aus Oschatz. Natürlich auch meine engsten Mitstreiter Horst Winkler, Angelika Stoye, Ulrich Fiedler, Kai Emanuel und Uta Schladitz.

Und Sie waren der aus Delitzsch mit dem Einstecktuch?

Ja, und es herrschte Angst, dass die Region Torgau-Oschatz benachteiligt wird. Dennoch hatte ich immer ein positives Willkommens-Gefühl.

Wie haben Sie die Befürchtungen entkräftet?

Viele Kontakte, viele Gespräche und das in kurzer Zeit. Kirchen, Krankenhäuser, Bildungseinrichtungen, Rettungsdienste, Feuerwehren, Vereine, Verbände, Wirtschaft, Polizei, Parteien und Behörden – das komplette gesellschaftliche Leben musste eingebunden werden.

Wie viel Vorbereitung steckt in so einer Fusion?

Wir hatten anderthalb Jahre Zeit. Seit wir wussten, das es so kommt, haben wir auf den Tag zugearbeitet. Es gab vom Namensschild bis zu einheitlichen Strukturen im Spielbetrieb in den Sportligen gewaltig viel zu organisieren.

Was war der dickste Brocken, der aus dem Weg geräumt werden musste?

Das Problem mit der Sparkasse Leipzig, Oschatz war hoch verschuldet. Wir standen aber auch vor großen Herausforderungen in den Bereichen Feuerwehren, Katastrophenschutz, Vereinsarbeit, Sicherheit, Polizei, Schulen.

Torgau ist Kreissitz. Viele müssen täglich aus Delitzsch und weiter bis in die Kreishauptstadt pendeln. Wäre nicht das zentrale Eilenburg sinnvoller gewesen, auch, um diese intensive Reisetätigkeit einzuschränken? Sie haben sich bekanntlich damals für Delitzsch stark gemacht.

Stimmt, ich bin mir sicher, dass wir das heute nicht nochmal so machen würden. Es geht um die Erreichbarkeit, um Bürgernähe. Kleinere Einheiten sind heute, mit dem Abstand von zehn Jahren betrachtet, besser als diese großen Strukturen und Einheiten, mit denen wir die Menschen nicht erreichen. Ich bin auch ein Verfechter von starken Gemeinden.

Das heißt?

Wir brauchen in dieser schnelllebigen Zeit Kommunikation vor Ort, damit die ländliche Region nicht abgehängt wird, damit der Konsum, Bäcker und Fleischer im Ort bleiben. Die Menschen zieht es in die Städte, sie werden aber auch älter und brauchen Angebote vor der Haustür.

Wo ist das beispielsweise so?

Krostitz ist da ein gutes Beispiel.

Der Kreis sollte ja eigentlich Torgau-Delitzsch heißen?

Ich war anfangs auch nicht für Nordsachsen, das war mir zu weit weg. Aber das wurde schnell akzeptiert.

Anders als das TDO an den Autokennzeichen?

Ein großer Aufschrei, den ich so nicht erwartet hätte. Aber inzwischen kann sich jeder wieder sein DZ oder TO ans Auto schrauben.

Wo sehen Sie Nordsachsen heute?

Nordsachsen ist ein sehr lebenswerter Landkreis. Die Arbeitslosenquote unter sieben Prozent spricht für eine starke Wirtschaft und Landwirtschaft. Wir haben starke Krankenhäuser, Bildungs- und Kindereinrichtungen. Vereinsleben und Ehrenamt sind stark. Auf unsere Rettungskräfte, Kameraden und Polizisten können wir uns verlassen.

Sie haben Wort gehalten und mischen sich nicht ein? Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern in der Politik?

Ich habe sehr gute Kontakte ins Landratsamt. Einmischen gehört sich nicht. Jetzt ist eine neue Generation da und gefordert. Da wird manches anders gemacht, das ist normal und in Ordnung so. Kai Emanuel macht eine kontinuierlich hervorragend gute Arbeit. Er war mein Wunschkandidat. Ich würde diese Entscheidung wieder so treffen.

Klingt alles gut, wie erklären Sie sich die mitunter große Unzufriedenheit unter den Nordsachsen und in Deutschland?

Was auch mir Sorgen bereitet, ist das Asyl-Thema. Wir haben nicht nur eine Flüchtlingskrise, wir haben auch eine innenpolitische. Was mich erschüttert, ist, dass es in der Flüchtlingsfrage keine europäische Solidarität gibt.

Das Flüchtlings-Thema ist eines der größten Reizthemen. Warum?

Flüchtlinge, Migration und Wanderungen hat es immer gegeben. Was es noch nie gegeben hat ist, dass ein Land wie Deutschland, das so hilft und so viele Flüchtlinge aufnimmt, mit gefälschten Passen und solchen Sachen betrogen wird, das geht nicht. Dass wir Deutsche als Gastgeber teilweise so verachtet werden von Menschen, die zu uns kommen, das ist nicht zu akzeptieren. Dass Flüchtlinge hier bleiben dürfen, die keine Chance auf Bleiberecht haben und eine bürokratische Welle auslösen, das ist unverständlich. Das akzeptiert ein Großteil der Bevölkerung nicht.

Sind Sie mit dieser Meinung näher an der CDU oder AfD dran?

Das ist der nächste traurige Punkt, dass auf dem Rücken der Migranten andere Kräfte eine neue Gesellschaftsordnung aufbauen wollen. Das bereitet mir die größten Sorgen.

Es ist doch aber deutlich, dass die Menschen hier das so nicht wollen. Wird das ignoriert?

Zumindest fühlen sich viele Menschen nicht verstanden und nicht mitgenommen. Es ist doch selbstverständlich, dass wir helfen. Dass heißt aber nicht, dass hier jeder herkommen kann. Es kommen zu viele. Stimmt: Die Leute wollen das nicht.

Ein Argument der Politik waren fehlende Arbeitskräfte. Was ist damit?

Für fehlende Arbeitskräfte ist die Wirtschaft verantwortlich.

Was hat sich für Sie in den vergangenen drei Jahren im Ruhestand geändert?

Der Tagesablauf ist etwas entspannter geworden. Ich stehe nach wie vor zeitig auf, brauche wenig Schlaf. Bin fürs Frühstück verantwortlich, wenn meine Partnerin das Haus verlassen hat, frühstücke ich nochmal in Ruhe, lese Zeitungen, erledige meine Post. Und dann habe ich auch noch ein paar Termine. Inzwischen sind zwei Enkel da, steht die Familie mehr im Mittelpunkt. Ich bin sehr zufrieden, mir geht es gut.

Wo sehen Sie Nordsachsen in zehn Jahren?

Ich war noch nie Hellseher. Die Menschen im Landkreis werden weiter ihren Weg gehen. Wenn unsere Kommunalpolitiker im Landratsamt und in den Gemeinden diese Politik fortsetzen, bleibe ich optimistisch. Grundsätzlich sehe ich eine gute Entwicklung. Sicherheit, Ausstattung und die Bezahlung der Menschen werden an Bedeutung gewinnen.

Von Frank Pfütze

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