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Delitzsch Familie eines früheren Zwangsarbeiters besucht Rackwitz
Region Delitzsch Familie eines früheren Zwangsarbeiters besucht Rackwitz
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08:00 15.04.2019
Auf den Spuren der Vergangenheit: Thomas Stürzebecher, Jim und Teresa Matthews, Anne Friebel, Dietmar Brade (von links). Die Aufnahme im Hintergrund zeigt das Verwaltungsgebäude des ehemaligen Leichtmetallwerks Rackwitz im Jahr 1941. Quelle: Wolfgang Sens
Rackwitz

„We have to see this part of the world“, zu deutsch: Wir müssen diesen Teil der Welt sehen. Das habe Jim Matthews zu seiner Frau Teresa vor einigen Jahren gesagt, erzählt der Amerikaner während seines Besuch in Rackwitz. Vor mehr als 78 Jahren wurde Teresia Matthews aus Polen stammender Vater unter den Nationalsozialisten im damaligen Leipziger Leichtmetallwerk als Zwangsarbeiter eingesetzt. Nun besuchte sie den Ort auf dem heutigen Firmengelände des norwegischen Konzerns Norsk Hydro.

Der Ortsname Rackwitz fiel oft in den Erzählungen

„Sein Weg lässt sich relativ gut nachvollziehen“, sagt Anne Friebel. Die Historikerin arbeitet für die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig. Teresa und Jim Matthews hatten sich vor gut einem Jahr bei ihr gemeldet. Sie wussten zu dieser Zeit kam etwas über den Werdegang des 2016 verstorbenen Vaters, Vincent Wojciechowski, erklärt Friebel. „Wenn wir im Hinterhof gesessen haben, erzählte er vom Zweiten Weltkrieg und, dass er zu dieser Zeit irgendwo bei Leipzig war“, erzählt Jim Matthews. Oft sei dabei auch der Ortsname Rackwitz gefallen. Jim Matthews spricht das Wort scharf aus, mit der Betonung auf der zweiten Silbe.

Heute befindet sich an der August-Horch-Straße, wo einst das Leipziger Leichtmetallwerk war, die Hydro Aluminium Gießerei. Das Unternehmen gehört zum Aluminiumhersteller Norsk Hydro aus Norwegen. Quelle: Mathias Schönknecht

Mit diesen wenigen Informationen habe die Historikerin ihre Suche gestartet. Im International Tracing Service (ITS), einem digitalen Archiv, das Auskunft über die Schicksale von NS-Verfolgten gibt, habe sie dann ein Dokument gefunden, dass sie auf die Spur nach Rackwitz führte. Aufschluss habe letztlich der Versicherungsschein gegeben, erklärt die Historikerin. Denn sie habe Aufzeichnungen der Allgemeinen Ortskrankenkasse im Landkreis Delitzsch vom 10. April 1943 ausfindig machen können, auf denen vermerkt war, dass ein Wincenty Wojciechowski (zu Vincent wurde der Name erst später), geboren am 1. Juli 1921 in Sieratz, ab dem 5. Februar 1941 über den Arbeitgeber „Leipziger Leichtmetall-Werk Rackwitz“, versichert gewesen sei.

„Nur Suppe, niemals Fleisch“

Nach der Befreiung durch die US-Armee habe er für die Amerikaner in verschiedenen Städten Europas gearbeitet und sei 1949 in die Nähe von New York emigriert – so wurde der polnische Name Wincenty zum englischen Vincent. Auf Long Island ist Tochter Teresa Matthews geboren und aufgewachsen. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Fort Mill im Bundesstaat South Carolina.

Sie wollten unbedingt mehr wissen, erzählt Anne Friebel. Sie habe dann einfach einmal bei der Hydro Aluminium Gießerei, dem heutigen Eigentümer des Geländes, nachgefragt. „Es gehört zu unser offenen Unternehmenskultur“, erklärt Thomas Stürzebecher, Geschäftsführer in Rackwitz, der das Gespräch mit den Amerikanern ermöglichte. Während des Besuchs in Rackwitz zeigte der geschichtsinteressierte Hydro-Mitarbeiter Dietmar Brade verschiedene Fotoaufnahmen des Werks aus der Zeit von 1941 bis nach dem Krieg. Darunter Bilder des Gefangenenlagers, das sich etwa einen Kilometer nördlich des heutigen Werks befindet. Dort müsse auch Vincent Wojciechowski untergebracht worden sein, erklärt Brade.

Ich erinnere mich, dass er immer davon erzählte, dass es nicht viel zu essen gab – „only soup, never meat“ – nur Suppe, niemals Fleisch, sagt Teresa Matthews, bevor sie zu dem Ort aufbricht, an dem ihr Vater vor gut 80 Jahren die Nächte verbrachte.

Von Mathias Schönknecht

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