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Delitzsch Nordsachsens Landwirtschaft nimmt Automaten-Abkürzung
Region Delitzsch Nordsachsens Landwirtschaft nimmt Automaten-Abkürzung
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20:27 19.03.2019
Erich Beitinger, Caroline und Oliver Kahlo (von links) sind Kollegen und ihre Automaten sind Nachbarn. Viele Kunden schätzen den direkten Weg. Quelle: Fotos: Wolfgang Sens
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Delitzsch/Brodau

Der Weg vom Euter ins Kühlregal und dann in den heimischen Kühlschrank kann ein langer sein. Oder kürzer, weiß Erich Beitinger vom Landgut Brodau. Der Betrieb in einem kleinen Delitzscher Ortsteil stand dort schon zu DDR-Zeiten, Erich Beitinger machte daraus einen modernen Betrieb. Die Milch ist gentechnikfrei und naturbelassen. Rund 300 Tiere werden gehalten und geben ihre Milch.

Der Weg der Milch

Die Kühe entscheiden selbst, wann sie in den Melkroboter gehen Quelle: Wolfgang Sens

Das Futter, hauptsächlich Silage, wird von den Kühen verdaut und daraus werden jene Nährstoffe gewonnen, die zur Milchproduktion im Euter dienen. Die Milch wird gemolken. Das passiert heutzutage nicht mehr per Hand und auf dem Melkschemel, sondern per moderner und automatisierter Technik. Auf dem Landgut in Brodau setzt man dabei nicht auf ein Melk-Karussell wie viele andere Betriebe, bei dem die Kühe zu festgelegten Zeiten zweimal täglich zum maschinellen Melken geführt und auf einer Art Hebebühne nach starrem Plan abgemolken werden. In Brodau können die Kühe weitgehend frei entscheiden, wann sie ihre Milchlast loswerden möchten. Hier gibt es Melkroboter in einem Einzelboxensystem. Fünf Boxen sind dazu im Stall verteilt, in dem sich die Milchkühe frei bewegen können. Sie bekommen im Roboter bei erfolgreicher Milchabgabe eine Art Leckerli in Form einer Kraftfutter-Praline. „Allerdings wird erst ab zehn Liter im Euter gemolken“, erklärt Erich Beitinger. Ab diesem Melkanrecht legt der Roboter los, ansonsten zieht die Kuh ohne gemolken worden zu sein und ohne Leckerli von dannen. Und weil auch Kühe ein Faible für Belohnungen haben, schauen sie, dass sie die auch bekommen. „Die Kühe haben eine innere Uhr, wann sie dran sind“, weiß der Landwirt.

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Die Milch wird in die große Kanne für den Automaten abgefüllt Quelle: Wolfgang Sens

Nach dem Melken kommt die Milch zur Zwischenlagerung in einen großen Tank. Von dort wird die Rohmilch – etwa 9500 Liter insgesamt sind es täglich in Brodau - von einem Tanksammelwagen abgeholt und im Falle des Brodauer Betriebs zu einer großen Molkerei in Sachsen-Anhalt gebracht.

In der Molkerei wird die Milch pasteurisiert und dabei auf etwa 70 bis 75 Grad erhitzt, um Bakterien abzutöten. Danach wird die Milch homogenisiert. Das heißt, dass das Fett in feine Kügelchen zerkleinert wird. Nach diesen Schritten wird die Milch abgefüllt. Verpackt und etikettiert wird sie in die Supermärkte geliefert. In den Flaschen und Tetrapacks findet sich also nicht nur ein Milchmix von hunderten, sondern gar tausenden Kühen aus verschiedensten Betrieben. Es gibt Theorien, wonach gerade dieser tausendfache Mix die Menschen heute verschärfter auf Laktose reagieren lässt.

Die Abkürzung

Seit fast drei Jahren wird in Brodau auch ein Milchautomat betrieben. Dort landen täglich etwa 100 Liter frische Milch, maximal 12 Stunden alt ist die Milch im Automaten, da mindestens zweimal täglich nach gründlicher Reinigung des Tanks neu befüllt wird. „Frischer geht’s nicht“, sagt Erich Beitinger. Es sei denn, man würde sich selbst eine Kuh halten und aus dem Euter trinken … Täglich von 6 bis 22 Uhr ist geöffnet. Die Rohmilch, die lediglich auf 3,5 °C heruntergekühlt wird, kann nach Einwurf von Geld (1 Euro pro Liter) frisch aus dem Automaten gezapft werden. Eine Bedienungsanleitung ist am Edelstahlgehäuse angebracht, erklärt alles einwandfrei und kinderleicht. Die Milch ist weder homogenisiert noch pasteurisiert. Sie hat noch ihren natürlichen Fettgehalt, der bei 3,7 Prozent liegt, und ihren natürlichen Geschmack. Es wird empfohlen, die Milch abzukochen. Hört man sich unter den Stammkunden des Automaten um, verzichten viele aber darauf und können auch nach Jahren des Konsums von Rohmilch keine Beeinträchtigungen feststellen. Im Gegenteil biete die Milch den Vorteil, dass sie noch „lebt“ – so hat sich mancher mit ihr schon an der Quarkherstellung und an anderem probiert, was bei Supermarktmilch aufgrund ihrer Verarbeitung nicht gelingen kann.

Hier gibt es weitere Automaten

Die Milchautomaten befinden sich in unmittelbarer Nähe zu den Betriebsgeländen der jeweiligen Firmen beziehungsweise Agrargenossenschaften. Nicht nur im Delitzscher Ortsteil Brodau kann man die Milch direkt wie an einer Tankstelle zapfen, auch andere Unternehmen in Nordsachsen bieten diesen Service. Die meisten der Automaten wurden bereits vor drei Jahren errichtet, die Bauern setzten damit unter anderem auch auf Marketing kontra der geringen Erzeugerpreise, die sie von den Molkereien bekommen. Die Automaten sollen auch die Chance bieten, direkt mit den Endverbrauchern ins Gespräch zu kommen.

Landgut Brodau, Werbeliner Weg 1, OT Brodau/Delitzsch

Rackwitzer Landei GbR, Werbeliner Weg 1, OT Brodau/Delitzsch

Agrargenossenschaft Hohenroda, Luckowehnaer Straße 7, OT Hohenroda/Schönwölkau,

Agrargenossenschaft Laas, Klingenhainer Straße 1, OT Laas/Liebschützberg

Bauernhof Zur Mühle Doberschütz, Standort Truckstop Doberschütz, an der B 87 in Doberschütz

Der Weg des Eies

Hunderte Hühner leben in einem Stall und legen. Bevor das Ei verkauft werden darf, durchläuft es verschiedene Qualitätskontrollen. Es gibt verschiedene Haltungsarten von der Käfig- bis zur Freilandhaltung. So oder so: Direkt nachdem die Henne im abgedunkelten Bereich das Ei gelegt hat, gelangt es durch automatische Sammelbänder in den Sortierraum. Dort werden die Eier einer äußeren Prüfung unterzogen und mithilfe einer Durchleuchtungsmaschine auch innerhalb der Schale kontrolliert. Nur Eier, die diese Hauptkontrolle bestehen, werden als Güteklasse A eingestuft und kommen in den Handel. Anschließend werden die Eier gemäß ihren Gewichtsklassen von S bis XL sortiert und verpackt. Von der Packstelle gelangt das „frische, deutsche Ei“ zum Verbraucher in den Supermarkt. Es sind etliche Tage vergangen.

Die Abkürzung

Oliver Kahlo mit seinen Hühnern Quelle: Wolfgang Sens

Bei Oliver Kahlo und seiner Frau Caroline läuft das ein bisschen anders. Aktuell leben 325 Hühner bei ihnen. Vor zwei Jahren erfüllte sich das Paar mit seiner Rackwitzer Landei GbR einen Traum – den Traum von der eigenen Biolandwirtschaft. Die Tiere leben in Hühnermobilen, die beweglich sind und vom Traktor gezogen die Damen zu ihren Weidegründen bringen. Zehn Hektar Land insgesamt haben die Kahlos gepachtet. Die Hühner können jederzeit frei entscheiden, ob sie sich drinnen oder draußen aufhalten möchten. Sie scharren, sie picken über Wiesen, spazieren umher. Fast 3000 Euro Stromkosten verursachte der Dürresommer für das junge Unternehmen, damit die Wiesen beregnet und saftig grün gehalten werden konnten. „Das Huhn hat bei uns ein Anrecht darauf“, betont Oliver Kahlo, „unsere Hühner sind keine Legemaschinen, sondern Tiere und eigentlich unsere Kollegen. Geht es unseren Kollegen nicht gut, leidet das Geschäft.“ Also werden die „Damen“ immer gut gehegt und gepflegt. Das Paar verkauft die Eier vorrangig über den Automaten, gelegentlich wird ein Bio-Laden in Leipzig beliefert. Auch dieser Automat funktioniert simpel: Geld einwerfen, Eierpappe wählen, aus dem Automaten nehmen. Geöffnet ist wie beim Milchautomaten von 6 bis 22 Uhr. Es gibt klassische 6er- und 10er-Kartons zum Preis von 40 Cent pro Ei.

Von Christine Jacob