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Delitzsch Pröttitzer will Raps im Sudan anbauen
Region Delitzsch Pröttitzer will Raps im Sudan anbauen
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09:24 28.04.2019
Raps blüht derzeit auch auf dem Feld hinter Carsten Holzweißigs Gehöft in Pröttitz. Quelle: Heike Liesaus
Pröttitz

Pröttitz? Das liegt einen Kilometer vom Brauereidorf Krostitz entfernt. Es hat gerade mal 52 Einwohner. Und hier bewirtschaftet Carsten Holzweißig gemeinsam mit einem Angestellten seinen Agrarbetrieb mit 430 Hektar Ackerfläche. „1866“ steht am Giebel des Hofes, der heute schön saniert ist. Urgroßvater Friedrich hatte ihn aufgebaut. Rund 6000 Kilometer vom Gehöft südlich liegt der Jemen, etwas weniger weit Saudi-Arabien. Diese Länder waren für den Agrar-Diplomingenieur jahrelang in den Wintermonaten Arbeitsort. Er hat dort in der Wüste geholfen, Raps anzubauen.

Die Inschrift am Scheunengiebel zeigt: Urahn Friedrich Holzweißig baute den Hof 1866 im Krostitzer Ortsteil auf. Quelle: Heike Liesaus

Diese Ölpflanze wächst in diesem Jahr auch gerade auf dem Feld hinter dem Gehöft. Dieser Tage öffnen sich die ersten gelben Blüten. Eigentlich viel zu früh. Doch wenn genug Niederschlag kommt, dürfte das kein Problem sein, schätzt Holzweißig. Allerdings sind aus dem Vorjahr die Bilder der staubigen Felder hierzulande noch in guter Erinnerung. Und nun brachten der März und April auch schon viel zu wenig Wasser.

Aktuelle Lage macht das Reisen schwierig

Im vorigen Winter war der 54-Jährige nicht in den arabischen Ländern. Angesichts der derzeitigen Situation wird er auf lange Sicht wohl weder in den Jemen, noch nach Saudi-Arabien oder nach Lybien, wohin er ebenfalls Kontakte knüpfte, kommen.

In Saudi-Arabien ist das fossile Wasser, mit dem die Anbauflächen bewässert wurden, verbraucht. Mit dem Nass, das sich vor Jahrmillionen in 600 bis 700 Metern Tiefe gesammelt hatte, konnten die Felder in der Wüste nur einige Jahre fruchtbar gemacht werden. Weizen anzubauen, der noch mehr Wasser braucht, war in Saudi-Arabien ohnehin verboten. Allerdings wurde auch Gras für Rennkamele bewässert. „Inzwischen wächst auf dieser Farm nichts mehr“, stellt Holzweißig fest.

Ein neues Wüstenfeld wird für den Rapsversuch in Saudi-Arabien vermessen. Die Anbaufläche im Hintergrund ist bewässert. Quelle: privat

Im Jemen, wo heute Bürgerkrieg herrscht, war er vor drei oder vier Jahren zuletzt. Zum Rapsanbau war es nicht gekommen. Er hatte erste Bodenproben genommen. Der Islamische Staat hätte sogar bereits auf diesen Reisen zuschlagen können, stellt der Pröttitzer heute fest. Er hatte wohl einige Zeit nicht wahrgenommen, wie sich die Situation verschärfte. Das Sicherheitsgefühl, das eine Limousine mit bewaffnetem Fahrer vermittelte, war trügerisch. Es wurden damals bereits einige Dienstreisende, Geschäftsleute und Touristen entführt, schließlich sogar ermordet. „Da liegt man jetzt schon manches Mal nachts wach und überlegt, was hätte passieren können“, stellt Carsten Holzweißig fest. Er befürchtet sogar, dass einige der einheimischen Mitarbeiter, mit denen er auf Fotos zu sehen ist, nicht mehr am Leben sind.

Der Pröttitzer Carsten Holzweißig (Zweiter von rechts) gemeinsam mit Auftraggebern und Geschäftspartner El Hadi (rechts) aus dem Sudan. Quelle: privat

Bereut hat er seine Reisen trotz allem nicht. „Diese Zeit hat mir schon einiges gegeben. Ich sehe seitdem einiges mit anderen Augen“, stellt er fest. „Ich kann es heute kaum ertragen, wenn Lebensmittel weggeworfen werden. Und ich spende am liebsten direkt.“ Er zeigt ein Bild von einem Erdloch. Mit Planen ist eine zeltartige Hütte darüber gebaut. Die Behausung bietet gerade mal Platz für einen Menschen. „Das war gleich neben meinem Hotel“, erzählt er. „Aber das ist jetzt wahrscheinlich zerbombt.“ Er erinnert sich auch an den Jeep-Konvoi, der in einem trockenen Bergdorf halt macht und bei dem sofort die zehn Fahrzeuge gewaschen werden, während es scheinbar kaum Wasser für die Zubereitung des Essens gibt. Er hat gesehen, dass die Güter von Hilfslieferungen verschachert wurden, und registriert, wie ungleich Frauen, Männer, die Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten behandelt werden, wie weit die Schere zwischen Arm und Reich klafft. Er sieht den Jemen als reiches armes Land mit riesigen Ölvorkommen, das es jedoch nicht schafft, die Bevölkerung zu ernähren: „Ich habe wirklich gesehen, dass dort Kinder verhungerten.“ Auch Libyen gehörte bereits zu seinen Reisezielen als Berater. „Als ich das erste Mal dort war, war ich überrascht von der Schönheit des Landes und davon, dass die Frauen dort unverschleiert sein konnten. Das hat sich geändert. Dort herrscht jetzt auch Krieg.“

Carsten Holzweißig ist auf dem Sprung

Trotz all der Auseinandersetzungen oder gerade deshalb ist er auf dem Sprung. Schon vor zehn Jahren verfolgte er gemeinsam mit dem in Leipzig lebenden Sudanesen El Hadi Elamin Eltayeb den Traum vom Agrar-Anbau oder dem Agrar-Technik-Vertrieb im Sudan. Dorthin orientiert sich jetzt gerade die arabische Welt, um Nahrungsmittel auf dem Land zwischen dem Blauen und dem Weißen Nil anzubauen. Das Land sei fruchtbar, doch es werde bisher kaum für den Anbau von Feldfrüchten genutzt. Allerdings ist die Lage auch nach dem aktuellen Rücktritt des Präsidenten Omar al-Bashir längst nicht stabil. Derzeit hat das Militär die Macht übernommen. In den vergangenen Jahren sind die Versuche des Landwirtes aus Pröttitz, Beziehungen dorthin aufzubauen, fehl geschlagen. „Ich hatte Rapssaatgut dorthin geschickt. Der Zoll hat es beschlagnahmt. Er konnte nichts damit anfangen.“

Auch Abenteuerlust ist dabei

Es sei schon Abenteuerlust dabei, den Pflanzenbau in solch ungewöhnlichen Regionen zu versuchen, stellt er fest. Den Anlass gab einer seiner Brüder, der damals als Architekt im arabischen Raum tätig war. Carsten Holzweißig war zu Besuch und mit der Idee, Raps in der Wüste gedeihen zu lassen, schnell ein gefragter Fachmann. „Das war schon immer so ein Traum. Zu DDR-Zeiten waren solche Länder unerreichbar. Jetzt will ich nicht nur reden, sondern auch etwas probieren. Es ist einfach spannend, unter ganz anderen klimatischen Voraussetzungen Landwirtschaft zu betreiben.“

Besprechung am Feldrand: Dort, wo die Wüste bewässert werden kann, zeigt sich das Grün. Quelle: privat

Bisher haben diese Auslandsaktivitäten kein Geld eingebracht. Doch ein zweites Standbein könnten sie schon sein. Nicht allein wegen der Abenteuerlust. Der Betrieb in Pröttitz soll an die Tochter übergeben werden. Eine Erweiterung sei hierzulande nicht möglich. Die Flächen in Deutschland und in der Region sind aufgeteilt. Und es werden immer weniger. Täglich gehen Ackerflächen verloren. In Deutschland werden täglich je nach Schätzung 60 bis 70 Hektar Ackerfläche versiegelt, mit Straßen, Plätzen, Häusern. Pro Woche verschwindet also in etwa die Wirtschaftsfläche eines Hofes, wie ihn Carsten Holzweißig bewirtschaftet.

Faszination fürs Fremde: Carsten Holzweißig hat sich Krummdolch und Gürtel aus Saudi-Arabien in Souvenir-Ausführung mitgebracht. Quelle: Heike Liesaus

Die Probleme, mit denen hierzulande zu kämpfen ist, sieht er zwar mit anderen Augen, aber zu schaffen machen sie ihm trotzdem: „Als Landwirt sitze ich zu 60 Prozent im Büro und bin nur noch zu 40 Prozent auf dem Acker. Dafür werde ich viermal mit dem Mess-Flugzeug überflogen, damit sicher ist, dass meine Flächen für die EU-Agrarbeihilfen richtig angegeben sind. Der Großvater hat noch 30 Doppelzentner (je 100 Kilogramm, A. d. Red.), auf einem Hektar geerntet und damit die ganze Familie ernährt. Die haben abends auf dem Hof beisammengesessen, die Kühe liefen dazwischen umher.“ Das einfache, beschwerliche Bauernleben wünscht auch er nicht zurück. Doch heute ist Carsten Holzweißig froh, dass er einen Betrieb hat, an dem nicht noch ein „Kuhschwanz hängt“. Denn Viehbestand macht das Wirtschaften noch schwieriger, gerade wenn wie im vorigen Dürre-Jahr die Futtergrundlage wegfällt.

Preise für die Ernte sind zu niedrig

Doch auch so ist er auf EU-Fördermittel angewiesen, wie alle anderen Landwirte in der Region, obwohl er 80 bis 90 Doppelzentner pro Hektar erntet. Die Preise seien zu niedrig. Fünf Euro mehr für den Doppelzentner Weizen würden da schon nutzen und eine Tüte Mehl letztlich nur um fünf Cent teurer machen. Die Landwirte seien nun mal nicht die Hauptverdiener in der Kette bis zum Verbraucher, erklärt er. „Die weltweite Ernte wird circa 30-mal an der Börse umgeschlagen.“

Ausrüstung der ersten Stunde: Mit Solartaschenrechner und Notizblock ging es aufs Wüsten-Feld. Quelle: privat

Doch hat er nach all seinen Wüsten-Erfahrungen eine Idee, wie sich Raps oder Weizen, der sogar noch mehr Wasser braucht, bei ausbleibenden Niederschlägen auf nordsächsischen Felder wohl fühlen? Eher nicht. Denn hierzulande Ackerpflanzen wie Raps und Weizen zu bewässern, sei anders als bei Kartoffeln wirtschaftlich nicht sinnvoll, erklärt der Pröttitzer. „Und am Wetter können wir nichts ändern. Letztlich sind die Saatgut-Züchter gefragt, trockenheitsresistente Pflanzen zu züchten. Doch das wurde verpasst.“

Jetzt spricht auch Carsten Holzweißig von „Wüstenklima

Er habe sich lange gewehrt, das Wort „Wüstenklima“ auf hiesige Verhältnisse anzuwenden, aber nach dem vorigen Jahr spricht er auch davon. Jetzt sieht zwar erst einmal alles grün aus. Die Pflanzen finden noch an der Oberfläche Wasser, das aber bald verbraucht ist. Die Wurzeln strecken sich bis zwei Meter in die Tiefe. Aber der vorige Sommer hat den Boden dort austrocknen lassen. „Bekommen wir jetzt eine Vorsommertrockenheit, wäre die Katastrophe noch größer als im vorigen Jahr“, warnt Carsten Holzweißig. „Am besten wäre es natürlich, wenn der Mai einfach ,kühl und nass’ wird.“ Denn das füllt dem Bauern bekanntlich „Scheun’ und Fass“.

Von Heike Liesaus

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