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Delitzsch Siegfried Tietze (82) und Günter Kleeberg (88) widmen Hohenwussen eine Dorfchronik
Region Delitzsch Siegfried Tietze (82) und Günter Kleeberg (88) widmen Hohenwussen eine Dorfchronik
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22:19 15.06.2019
Siegfried Tietze (82, links) und Günter Kleeberg (88) haben ein Buch über Hohenwussen geschrieben. Quelle: Manuel Niemann
Hohenwussen

Kennen Sie Hohenwussen? Während einige Nordsachsen jetzt wissend mit dem Kopf nicken, werden andere noch nie von dem Ort gehört haben. Was nicht wundert, denn Hohenwussen ist alles andere als eine Metropole, sondern ein Dorf, das heute zur Gemeinde Naundorf ganz im Südosten des Landkreises Nordsachsen gehört.

„Der Ort Hohenwussen ist ein kleiner Ort, früher war er eine selbstständige Gemeinde im Altkreis Oschatz“, beschreibt Siegfried Tietze (82). Zusammen mit dem 88-jährigen Günter Kleeberg, der einst als Bürgermeister die Geschicke des Ortes leitete, hat der Mügelner nun Hohenwussen ein Buch gewidmet.

Die erste Auflage ihrer Dorfchronik – 60 Bücher – ist bereits vergriffen. „Nun hat meine Tochter 20 oder 30 bei der Druckerei Dober in Mügeln nachbestellt“, sagt Kleeberg.

Zeitreise in eine andere Welt: In unserer Bildergalerie seht ihr historische Aufnahmen aus Hohenwussen, die uns Siegfried Tietze zur Verfügung gestellt hat.

Gemeinsames Buch nach 74 Jahren Bekanntschaft

Durch sie kam es auch zur Zusammenarbeit. „Günter Kleeberg und ich kennen uns mittlerweile seit 74 Jahren“, erzählt Tietze. „Ich schreibe oft auf der Heimatseite zur Mügelner Geschichte. Und da hat seine Tochter gesagt, wenn ich immer so viel schreibe, könnte ich doch auch einmal zu Hohenwussen etwas machen.“

Hohenwussen sei so etwas wie seine zweite Heimat, sagt der Mügelner. „Hier bin ich sechs Jahre zur Schule gegangen.“ „Er ist ’45 als Umsiedler aus Schlesien gekommen“, ergänzt Kleeberg.

Werk für spätere Generationen

Doch warum über einen Ort schreiben, in dem laut Zensus 2011 gerade einmal 80 Personen lebten, verteilt auf lediglich 31 Haushalte? Eine „Drehscheibe“, wie der Volksmund die kleine Dorfkirche von Hohenwussen hoch auf dem Berg nennt, weil sie schon von weitem sichtbar ist, ist der Ort gewiss nicht. Aber er ist ein Beispiel, symptomatisch wie sich die Zeiten und Orte auf dem Land ändern.

„Wir haben versucht, das einmal aufzuschreiben für die Jugend als zusammengefasstes Werk“, beschreibt Kleeberg. „Es gab gravierende Veränderungen im vergangenen Jahrhundert, die auch ihre Spuren hinterlassen haben“, heißt es im Buch. Deshalb sei es wichtig, dass das, was einmal war oder was sich verändert hat, späteren Generationen hinterlassen werde.

Rand der Lommatzscher Pflege prägt die Landwirtschaft

Tietze und Kleeberg haben beide in der Landwirtschaft gearbeitet. Kleeberg wurde in Hohenwussen geboren, auf dem Hof der Familie. In seinem Geburtshaus lebt er noch heute.

Tietze musste mit seiner Familie, da war er acht Jahre alt, 1945 aus Schlesien flüchten. Am 6. März 1945 kamen sie nach Hohenwussen und fanden Unterkunft bei einer Bauernfamilie. Auch er arbeitete später erst in der Landwirtschaft, dann im Schlachthof in Oschatz und im Landwirtschaftsamt in Döbeln.

Dieses Interesse einerseits durch den Beruf, anderseits durch die landwirtschaftlich geprägte Region findet sich auch in ihrem Buch wieder: „Der Ort an sich oder die ganze Region ist durch den Zuckerrübenanbau wohlhabender geworden.

Das hat die Landwirte, die die Rüben angebaut haben, auch viel Kraft gekostet“, beschreibt Tietze. „Hohenwussen, ein Dorf am Rande der Lommatzscher Pflege“, so der volle Titel ihres Buches, erzählt etwas über diese Region, die Landwirtschaft, in die mehr und mehr Technik einzog, aber auch über den Wandel, der jetzt im nachindustriellen Zeitalter die Region erfasst.

Die Chronik von Siegfried Tietze und Günter Kleeberg lebt auch von historischen Aufnahmen. Quelle: Manuel Niemann

Einstiges Wissen geht verloren

Kirche, Schule, Gaststätte, Handwerk, all das gab es einst neben den Bauernwirtschaften, die das Dorfbild prägen. Schmied, Stellmacher, Tischler, Schuhmacher, Bäcker, Sattler, heute zum Teil aussterbende Berufe, hatten einst ihren Platz.

Auch den damals üblichen Arbeitsgängen auf den Feldern widmen die Autoren in ihrem Buch Platz: „Es weiß ja keiner mehr, wie um oder vor 1800 Getreide oder wie Rüben geerntet wurden. Oder wie haben wir gespielt in den 1940er-Jahren?“ All das haben sie versucht festzuhalten.

Anhaltenden Wandel dokumentiert

War es schwierig dafür Quellen zu finden? „Es ging“, sagt Tietze. Sie haben Leute gefunden, die bereitwillig Unterlagen und Dokumente gegeben haben. Einblick hatten sie etwa in die Chronik des Naundorfer Pfarrers Seidel, der die Brände 1842 und 1877 dokumentierte, und wie Bauernhöfe neu aufgebaut wurden oder wüst gingen und zusammengelegt wurden.

So zeichnen die beiden ein Bild des steten Wandels: Wenn etwa 1912 die erste elektrische Überland-Stromleitung Hohenwussen erreicht und in Schweta ein Schalthaus entsteht. „Bis dahin gab es Licht von Kerzen und Petroleumlampen.“ Oder die Windmühle, die einst über dem Ort thronte, 1890 aber abgebaut wurde. Oder der Löschteich der Freiwilligen Feuerwehr, den es wie diese nicht mehr gibt, genau wie die Milchrampen, an denen die Bauern einst ihre Milch ablieferten, die in die Molkerei nach Ostrau gebracht wurde.

Kleeberg und Tietze beschreiben, wie sich die Kulturlandschaft mit zunehmender Mechanisierung und Industrialisierung verändert. Den Wandel, den das bedeutet, aber auch den Verlust. Das gibt einen Ausblick darauf, wie sich das Leben auch künftig auf dem Land ändern wird. Das lässt sich mit Wehmut lesen oder auch optimistisch, ist erst einmal akzeptiert, das Veränderungen eben dazugehören.

Weltkrieg und Kriegsende prägten die Erinnerungen

Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man liest, das manche Einschnitte, die beide Autoren als Kinder erlebten, sehr fern sind. Ihre Erinnerungen an Weltkrieg und Flucht sind die vielleicht eindringlichsten Passagen. Wie haben Kinder den Krieg erlebt? Wie war es als einer von 212 Umsiedlern, 1945 nach Hohenwussen zu kommen, so dass sich dort die Einwohnerzahl verdoppelte.

Der Flugzeugabsturz zwischen Zeicha und Naundorf vom 17. März 1945 machte auf den jungen Siegfried Tietze einen tiefen Eindruck. Quelle: privat

So ersteht eine Welt wieder auf, für die es bald keine Zeitzeugen mehr gibt. Tietze beschreibt, wie am 17. März 1945 ein Flugzeug zwischen Zeicha und Naundorf abstürzte. Die amerikanische Besatzung, die sich per Fallschirm gerettet hatte, wurde gefangen genommen. Das machte Eindruck auf ihn, blieb im Gedächtnis.

Sie berichten auch über das Schicksal nach dem Krieg, die Enteignungen, das Ähren lesen und Kartoffelstoppeln oder wie junge Frauen sich vor den heranrückenden russischen Soldaten im Rapsfeld oder auf dem Waschhausboden versteckten, um nicht vergewaltigt zu werden.

Fazit: Veränderungen sind zu bewältigen, wenn man sich hilft

„Wir wollten vermitteln, wie die Menschen vom Ende des 19. bis ins 20. Jahrhundert gelebt und gearbeitet haben“, beschreiben die Autoren ihr Ansinnen. „Trotz zwei verheerender Weltkriege, Wirtschaftskrisen und anderer Einflüsse haben es die Bewohner von Hohenwussen immer wieder geschafft, diese einschneidenden Ereignisse und Veränderungen zu bewältigen“, so ihr Fazit.

Laut den beiden Autoren mit einfachem, beispielhaftem Rezept: „mit großem Fleiß, Bodenständigkeit, gegenseitiger Unterstützung und Hilfe“.

Von Manuel Niemann

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