Wer täglich Alkohol trinkt, lebt länger? Langzeitstudie gibt Antwort
Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Der Osten Wer täglich Alkohol trinkt, lebt länger? Eine Langzeitstudie gibt Antwort
Region Der Osten

Wer täglich Alkohol trinkt, lebt länger? Langzeitstudie gibt Antwort

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:29 22.11.2021
Durch eine Langzeitstudie konnten die Wissenschaftler um den Greifswalder Suchtexperten Prof. Ulrich John konkrete Aussagen darüber treffen, ob ein mäßiger Alkoholkonsum tatsächlich gesundheitsfördernd ist.
Durch eine Langzeitstudie konnten die Wissenschaftler um den Greifswalder Suchtexperten Prof. Ulrich John konkrete Aussagen darüber treffen, ob ein mäßiger Alkoholkonsum tatsächlich gesundheitsfördernd ist. Quelle: dpa/Unimedizin Greifswald
Anzeige
Greifswald

In fast jeder Familie gab es diesen einen Onkel oder diese eine Tante, der oder die jahrzehntelang jeden Tag ein Glas Wein trank und über 90 Jahre alt wurde. Kein Wunder also, dass sich die Annahme, geringe Mengen Alkohol am Tag seien förderlich für die Gesundheit, über Generationen hinweg festsetzte.

Aber stimmt das überhaupt? Wissenschaftler der Universität Greifwald geben nun eine ernüchternde Antwort. Kurzum: Es stimmt nicht. Zu diesem Ergebnis kamen die Forscher um den Suchtexperten Prof. Ulrich John vom Institut für Community Medicine der Universitätsmedizin mit Hilfe einer Langzeitstudie. Mit dieser konnten sie belegen, dass Menschen, die Alkohol in geringen Mengen trinken, gesundheitlich nicht besser dastehen als solche, die niemals Alkohol trinken.

Abstinente Menschen haben keine schlechtere Lebenserwartung

In der Studie haben die Forscher bereits in den Jahren 1996 und 1997 in Schleswig-Holstein eine Zufallsstichprobe von 4028 Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren so genommen, dass sie detaillierte Informationen zum Konsumverhalten, zur Gesundheit sowie zu möglichen Suchterkrankungen erhalten haben. Zwanzig Jahre später wurde überprüft, welcher Studienteilnehmer wann verstorben ist.

Rund jede zehnte Person dieser befragten Zufallsstichprobe hatte in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung keinen Alkohol getrunken. Die große Mehrheit dieser Personen konsumierte jedoch früher Alkohol. Zudem hatten fast drei Viertel von ihnen mindestens einen Risikofaktor für eine erhöhte Sterbewahrscheinlichkeit. Dazu zählen neben einer früheren Alkohol- oder Drogenabhängigkeit sowie erhöhtem Alkoholkonsum tägliches Tabakrauchen und eine nach eigener Einschätzung mäßige oder schlechte Gesundheit.

Die gerade einmal 125 Abstinenten ohne Risikofaktoren wurden herausgefiltert und hinsichtlich ihres Sterberisikos mit moderaten Trinkern verglichen. Hier stellte sich heraus, dass Abstinenz lebende Menschen hinsichtlich der Lebenserwartung nicht schlechter dastehen als die diejenigen, die wenig Alkohol trinken. „Die Empfehlung, ein Gläschen am Tag zu trinken, hat also keine wissenschaftliche Substanz. Das ist der wesentliche Punkt der Studie“, erklärt Ulrich John.

Ohne Risikofaktoren längeres Leben

Zwar könnte man eigentlich erwarten, dass die Abstinenten eine noch höhere Lebenserwartung haben als diejenigen mit moderatem Trinkverhalten. Allerdings kommen auch noch andere statistische Gegebenheiten dazu, die sich auf die Gesundheit auswirken können, erklärt John weiter. „Wir können nun aber sagen, dass sie keine schlechtere Lebenserwartung haben.“ Oder auch, andersherum gesagt: Leute, die immer mal ein bisschen trinken, leben nicht automatisch gesünder.

Zwar gebe es immer wieder Personen, die eine besondere genetische Veranlagung haben und so über Jahrzehnte hinweg rauchen und trinken können ohne gesundheitliche Auswirkungen, sagt John. „Aber sie hätten wahrscheinlich ohne diese Faktoren sogar noch länger gelebt. Hätte der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt nicht geraucht, wäre er über 100 Jahre alt geworden. Was man nicht vergessen darf: Vor ihm sind bereits zigtausende Raucher an den Folgen des Rauchens gestorben.“

Schon kleine Mengen Alkohol können Krankheiten begünstigen

Alkohol generell verteufeln will der Suchtexperte nicht. Aber er möchte, dass die Menschen ihren Konsum hinterfragen. „Wenn jemand gesund lebt und sich weiter optimieren möchte, dann sollte man sich auch beim Thema Alkohol einschränken“, sagt John. Bis vor wenigen Jahren gingen Wissenschaftler davon aus, dass 10 Gramm Alkohol bei Frauen und 20 Gramm bei Männern pro Tag an der Grenze zu einem risikoarmen Konsum stehen.

Vorausgesetzt, an zwei Tagen pro Woche wird gänzlich auf Alkohol verzichtet. Umgerechnet sind das bei Frauen ein Achtelliter Wein und bei Männern ein halber Liter Bier. Stand heute können jedoch schon die kleinsten Mengen Alkohol schwerwiegende Erkrankungen, wie beispielsweise Brustkrebs, begünstigen.

Rotwein beugt Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor – oder?

Ein Glas Rotwein am Abend würde Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen – es ist einer von vielen Mythen rund um das Thema Alkohol, welche sich weiterhin hartnäckig halten. Doch in mehreren langjährigen Studien konnte genau diese Annahme widerlegt werden. Denn ständiger Alkoholkonsum erhöht den Blutdruck sogar. „Egal wie viel man trinkt, der Körper dankt es einem langfristig, wenn man den Konsum minimiert“, sagt John.

Von Christin Lachmann