Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Döbeln 30 Riesen in Waldheim geklaut: Es war die Pflegetochter
Region Döbeln 30 Riesen in Waldheim geklaut: Es war die Pflegetochter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:45 20.01.2020
Die Angeklagten mit ihren Verteidigern, Rechtsanwalt Thomas Hagen Fischer (2.v.l.) und Rechtsanwalt Carsten Opitz (3.v.l.) im Landgericht Chemnitz. Quelle: haertelpress
Waldheim

Sie will überleben. Das sagte eine 18-Jährige vor Gericht auf die Frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt. Sie habe Angst.  Angst vor einem älteren Mann, der sie im vergangenen Jahr krankenhausreif geprügelt habe – das Verfahren gegen den 41-Jährigen läuft. Nancy (Name geändert) geriet immer wieder an ältere Männer, die ihr nicht gut taten. Und das hat wohl psychologische Ursachen, die in ihrer  schwierigen Lebensgeschichte liegen. Eltern, die nichts von ihr wissen wollten, Pflegeeltern, Aufenthalte in Kinderheimen und Psychiatrie.

Anderthalb Stunden Verspätung

Die Tränen flossen reichlich im Landgericht Chemnitz,  als sie darüber erzählte. Die Jugendkammer verhandelte die Berufung der jungen Frau gegen ein Urteil des Amtsgerichtes Döbeln. Dessen Jugendschöffengericht hatte die 18-Jährige im Juli 2019  schuldig gesprochen, ihrer ehemaligen Pflegemutti in Waldheim am 16. Oktober 2017 30 000 Euro gestohlen zu haben. 16 Monate wollte sie das Gericht dafür und für weitere Diebstähle eingesperrt wissen. Als Mittäter des 30-Riesen-Klaus verurteilte das Jugendschöffengericht damals einen 34-jährigen hafterfahrenen Döbelner zu zwei Jahren Gefängnis ohne Bewährung. Auch er hatte Berufung gegen das Urteil eingelegt.

Kein gutes Haar an der Pflegemutti gelassen

Um neun Uhr morgens sollte die Verhandlung beginnen. Reichlich anderthalb Stunden später ging es  los, denn die Jugendliche kam zu spät. Und stritt alles ab. Aber nicht ohne die Bestohlene in ein denkbar schlechtes Licht zu rücken. „Sie irgendwelche Beschlüsse anfertigen lassen und mich in die Geschlossene gesteckt“, sagte Nancy und nannte den Namen eines Familienrichters am Amtsgericht Döbeln. Außerdem trinke ihre ehemalige Pflegemutti, das Verhältnis sei denkbar schlecht gewesen.

Handy ausgelesen

„Ich habe denen sogar die Pizza warm gemacht und nach Döbeln gefahren, weil der Ronny keinen Herd in Döbeln hatte“, sagte dagegen die Geschädigte. Der Ronny ist weit über 35, war zeitweise mit Nancy zusammen und sitzt derzeit wegen schwerer räuberischer Erpressung. „Sie kam am 16. Oktober und sagte, dass es ihr schlecht gehe. Ich sagte ihr, sie solle sich in die Stube legen und sich ausruhen“, schilderte die Frau, was sich an dem Tag abspielte, als sie viel Geld einbüßte. Sie sei dann zwischendurch einkaufen gefahren, kam wieder, Nancy war immer noch da. „Dann kam der Angeklagte, um mich von der Terrasse wegzulocken. Er fragte nach einem Betrieb im Gewerbegebiet. Plötzlich kam Nancy vorbeigeschossen und beide sind abgehauen.“ Als die Frau nachsah, ob das Geld noch da ist, stellte sie dessen Verlust fest. Unmittelbar vor Nancys Besuch habe sie den Umschlag mit dem Geld aber noch gesehen. Woher sie von dem Geld gewusste haben könnte? „Sie hat zuvor mein Handy ausgelesen“, so die Frau.

Auto, Stereoanlage, Fernseher

Sie war die einzige Zeugin, die die Kammer vernahm. Sonst stützte sie sich auf die umfangreiche Aufklärungsarbeit des Jugendschöffengericht und führte viele Zeugenaussagen und andere in Döbeln erhobene Beweise in die Berufungsverhandlung ein. So auch, dass sich beide Angeklagte verdächtig machten, als sie mit 500-Euro-Scheinen bezahlten. Der 34-Jährige kaufte unter anderem ein Auto, eine Stereoanlage und einen Fernseher unmittelbar nach der Tat. Auch hatte er eine Geldstrafe für Ronny bezahlt. Er habe das Geld beim Automatenspiel gewonnen, versicherte der 34-Jährige sogar an Eides statt.

Mit Tesa-Film Fingerabdrücke nehmen

Die Verteidiger – Rechtsanwalt Carsten Opitz für den 34-Jährigen, Thomas Hagen Fischer für Nancy –   versuchten in ihren Schlussvorträgen die belastende Aussage der Waldheimerin in Zweifel zu ziehen. Carsten Opitz forderte Freispruch für seinen Mandanten, Thomas H. Fischer  für Nancy. Er beantragte aber hilfsweise, falls das Gericht seine Mandantin für schuldig befinden würde, eine Jugendstrafe mit Bewährung. Zudem kritisierte der Anwalt die Ermittlungsarbeit der Polizei. „Da hat man zwei Vorbestrafte und denkt: Die müssen es sein. Fingerabdrücke an der Schrankwand hat keiner genommen. Die ist aus schönstem DDR-Sprelacart. Da hätte ich mit Tesa-Film Fingerabdrücke nehmen können.“

Statt Knast Bewährung für beide

Die Jugendkammer glaubte aber der Waldheimerin.  Sie verurteilte Nancy wegen Diebstahls der 30 000 Euro und weiterer Straftaten zu einer Einheitsjugendstrafe von einem Jahr und drei Monate mit Bewährung. Der Döbelner bekam 18 Monate mit Bewährung „Es sind die Indizien und weitere Umstände, die uns überzeugt haben, dass Sie des Diebstahls schuldig sind“, sagte der Vorsitzende Richter Michael Mularczyk, als er das Urteil der Kammer begründete. Auch dem Mann könne man mit Bedenken Bewährung geben – weil er sich fünf Jahre lang nichts mehr zu Schulden kommen ließ. Drei Jahre dauert die Bewährungszeit für beide. Nancys Urteil ist rechtskräftig, das des Döbelners nicht.

Von Dirk Wurzel

Vom Kinderarzt über Kantor und Erzieherin bis zum Bankvorstand: 244 Unterschriften unter offenem Brief an Landrat Matthias Damm.

20.01.2020

Die Gersdorfer Grundschule war von der Schließung bedroht – die Einführung von jahrgangsübergreifenden Unterricht sollte helfen. Doch wie bewährt sich das Konzept?

20.01.2020

Wer am alten Gasthof in Jahna vorbeispaziert, muss Angst um seinen Kopf haben. Ziegel fallen vom Dach. Weil die Eigentümerin des Gasthofs nicht auffindbar ist, muss zur Not die Gemeinde Ostrau tätig werden. Doch das kann teuer werden.

20.01.2020