Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Döbeln Ärztliche Schweigepflicht verzögert Brandstiftungs-Prozess
Region Döbeln Ärztliche Schweigepflicht verzögert Brandstiftungs-Prozess
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Das Landgericht Chemnitz verhandelt gegen eine 70-jährige Döbelnerin. Ihr liegt Brandstiftung mit Todesfolge zur Last. Quelle: dpa
Anzeige
Döbeln/Chemnitz

Der Prozess gegen die 70-jährige mutmaßliche Brandstifterin aus Döbeln-Nord dauert länger, als geplant. Damit der Pathologe Prof. Jan Dreßler sein Gutachten darüber erstatten kann, was genau zum Tode einer 86-Jährigen nach einem der Brände im Mehrfamilienhaus an der Albert-Schweitzer-Straße geführt hat, war er auf die Aussage eines Arztes angewiesen, der die Frau am 1.März 2017 behandelt hatte. Der Mediziner hatte Rechtsanwalt René Noack als Zeugenbeistand mitgebracht. Und der wies daraufhin, dass ihn die Verstorbene ja gar nicht von der Schweigepflicht hätte entbinden können. Somit würde sich der Arzt strafbar machen, wenn er aussagen würde. Darum würde er schweigen. Richterin Simone Herberger, die Vorsitzende der 1. Großen Strafkammer des Landgerichtes Chemnitz, beriet sich daraufhin mit ihren Richterkollegen und Schöffen. Und entschied dann, die Kranken-Akte der Geschädigten in Döbeln zu holen. „Wird sie nicht freiwillig herausgeben, wird sie beschlagnahmt“, so die Kammervorsitzende. Dieses Vorgehen soll die Aussage des Mediziners entbehrlich machen.

Das Ende einer Frauenfreundschaft war am Donnerstag ebenfalls Thema im Prozess. Das Gericht hörte eine ehemalige Jugendfreundin der Angeklagten. Diese belastete die 70-Jährige. „Als die Brände angefangen haben, gingen die Beschimpfungen los“, sagte die Frau, weshalb das freundschaftliche Verhältnis abkühlte. Zunächst hätte die Angeklagte auf die Wohnungsgenossenschaft Pro Leipzig geschimpft. Diese hätte sie als Mieterin mit ihren Problemen allein gelassen. Auch über Ausländer sei ihre ehemalige Freundin hergezogen, habe sie als „Kanaken“ beschimpft. „Jetzt wohnt wieder so ein Kanake im Haus, sagte sie zu mir“, schilderte die Zeugin. Später habe sie die Anfeindungen auch auf sich bezogen. So seien ordinäre Worte aus dem Haus gedrungen, als sie mit zwei weiteren Frauen davor stand. Als Sprecherin konnte die Zeugin die Angeklagte identifizieren. „Ich kenne ihre Stimme.“ Dann sei die Sache mit der brennenden Zigarette auf ihrem Balkon gewesen. Und schließlich die direkte Drohung „ich fackel euch auch noch ab“. Weil sie Angst um ihr Auto hatte, bemühte sich die Frau um einen anderen Stellplatz. Die Zeugin schilderte dies nicht an einem Stück, sondern überwiegend auf Nachfragen der Vorsitzenden und des Staatsanwalts Sebastian Hertwig. Der Rentnerin fiel es offenkundig schwer, gegen die Angeklagte auszusagen. Beide kennen sich seit der Jugendzeit, waren of gemeinsam zum Tanz und später Wohnungsnachbarn an der Albert-Schweitzer-Straße.

Anzeige

Die Schwurgerichtskammer verhandelt seit dem 6. November 2016. Bisher war der 5. Januar als letzter Verhandlungstag terminiert, das Urteil sollte fallen. Nun kommen zwei weitere Prozesstage Ende Januar dazu. Die Angeklagte bestreitet die Tatvorwürfe. Die Staatsanwaltschaft legt der 70-Jährigen zur Last, 2016 und 2017 mehrfach in den Kellerräumen eines Hauses an der Albert-Schweitzer Straße Brände entfacht zu haben. An den Folgen einer dieser Brände ist eine 85-Jährige gestorben. Darum lautet die Anklage auch auf Brandstiftung mit Todesfolge. Außerdem beschuldigt die Staatsanwaltschaft die Frau, mehrfach bei der Polizei Bedrohungen angezeigt zu haben. Diese seien per handschriftlich verfasster Zettel in dem Haus aufgetaucht, einmal sogar mit dem Messer in die Wohnungstür gespickt.

Von Dirk Wurzel