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Döbeln Bauernverband Döbeln-Oschatz wird aufgelöst
Region Döbeln Bauernverband Döbeln-Oschatz wird aufgelöst
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14:37 14.06.2019
Der Bauernverband Döbeln-Oschatz vertrat die Landwirte in verschiedenen belangen. Jetzt wird der Verband aufgelöst. Quelle: Philipp Schulze/dpa
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Döbeln/Oschatz

Wenn der Westewitzer Torsten Krawczyk (44) am 31. Dezember seinen Vorsitz des Bauernverbandes Döbeln-Oschatz abgibt, dann wird kein Nachfolger gewählt. Den Regionalverband wird es dann nicht mehr geben.

Seit der Kreisreform 2008 operierte die regionale Vertretung der Bauern in Döbeln und Oschatz in zwei Landkreisen. Das ist auf Dauer nicht praktikabel, sagt Krawczyk. Denn Döbeln gehört zum Kreis Mittelsachsen, Oschatz zu Nordsachsen: „Ich selbst bin aus der Döbelner Region. Auf Terminen musste ich oft einen Oschatzer mitnehmen, um die andere Seite abzudecken“, erklärt er. „Wegen ein und desselben Themas musste ich zu zwei Landräten rennen“, beschreibt Krawczyk die alltäglichen Widrigkeiten.

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Döbelner schließen sich Mittweida an

Nun also soll umgebaut werden. Die Mitglieder des Territoriums des Altkreises Döbeln bringen sich künftig im Regionalbauernverband Mittweida ein. Die Nordsachsen werden dem Torgauer Verband zugeordnet. Die Mehrzahl der im Regionalbauernverband organisierten Landwirtschaftsbetriebe sind offensichtlich für die Liquidation der bestehenden und die Schaffung einer neuen Struktur. Bereits im März hatte die Mitgliederversammlung in geheimer Abstimmung den weitreichenden Beschluss für die Veränderung gefasst. Von 504 abgegebenen Stimmen, waren 481 für eine Neustrukturierung, nur 21 dagegen und zwei enthielten sich.

„Wie der Verband heißt, wie groß er ist, wer zu wem gehört, das ist alles zweitrangig. Entscheidend sind die Menschen, die unsere landwirtschaftlichen Betriebe und damit auch den Verband mit Leben erfüllen. Das betrifft vor allem die junge Generation“, sagt Gerold Wagner, Vorstandsvorsitzender der Agrar AG Ostrau. Gewiss gebe es derzeit gewachsene Strukturen. Vor allem die älteren Landwirte aus dem Döbelner und Oschatzer Raum würden sich gut kennen. Aber, so Wagner: „Das Leben besteht immer aus Veränderungen. Solchen neuen Entwicklungen kann man sich nicht entgegenstellen. Am Ende geht es doch darum, dass wir eine funktionierende Interessenvertretung haben. Das wird auch im Mittweidaer Verband der Fall sein.“

Erhalt der Ansprechpartner wichtig

Auch Helmut Roßberg vom Landwirtschaftsbetrieb Wendishain GbR sieht durch die neue Struktur keine Probleme auf die Bauern der Region zukommen: „Das Ganze wird neu geordnet. Die einen orientieren sich künftig dort-, die anderen dahin. Da sollte es keine Schwierigkeiten geben. Wichtig ist, dass wir weiterhin unsere Ansprechpartner haben.“ Die Kollegen aus dem Oschatzer Raum sehen es ebenso pragmatisch: „Strukturell war das nötig“, findet der Naundorfer Landwirt Paul Roland. Martin Umlauf, Landwirt aus Oschatz, stimmt zu: „Sicherlich ein richtiger Schritt. Politisch macht es Sinn und im Operativen werden wir den Unterschied wohl kaum spüren“.

Unterschiede zwischen den Landkreisen Nord- und Mittelsachsen gebe es nicht nur in den bürokratischen Sphären der Politik, sondern auch in der Bodenqualität: „In Nordsachsen haben wir schon fast eine Heidelandschaft“, urteilt Martin Umlauf. „Der Boden ist trocken und von einer Dürre schnell betroffen – damit müssen wir als Landwirte umgehen können,“ fügt er hinzu. Der Bauernverband hilft aber auch an dieser Stelle, beispielsweise mit Förderanträgen für Ausfallersatz. „Der Boden in Döbeln ist deutlich fruchtbarer“, bestätigt der Vorsitzende des Regionalbauernverbandes, Torsten Krawczyk. „Dafür ist aber auch die Konkurrenzlage um Arbeitskräfte eine andere.“ In Mittelsachsen gäbe es Wissenschaft und viel Gewerbe, der Kampf um Personal sei dort ein anderer. „Wir müssen mit den Löhnen immer weiter hoch gehen“, so Krawczyk. Nun also werden die Bauern um Döbeln und Oschatz mit ihren unterschiedlichen Herausforderungen auch unterschiedliche Büros konsultieren.

Denn die Bauernverbände sind organisierte Vertretungen der Landwirte, sie setzen sich auf politischer Ebene für die Interessen der Landwirte ein und bieten außerdem in ihren Büros – bisher in Döbeln – Beratungen zu Förderanträgen, Rechtsfragen und Arbeitsschutz an. Die jetzige Geschäftsstelle an der Hainstraße in Döbeln wird es in absehbarer Zeit allerdings nicht mehr geben. Das kann Verbandsgeschäftsführerin Iris Claassen schon sagen.

Jetziges Büro wird aufgelöst

„Die Räumlichkeiten sind dann einfach zu groß, wir müssen ja auch an die Mietkosten denken“, sagt Claassen, die von einer Kündigung des Mietvertrages zum Ende des Jahres ausgeht. Was bedeuten würde, dass das Büro an der Hainstraße noch etwa bis März existieren könnte. Claassen: „Bis dahin brauchen wir aber einen kleineren Raum, der die neue Anlaufstelle für unsere Landwirte sein soll. Die wird sich dann wieder in Döbeln oder im Umfeld von Döbeln befinden“, lässt Claassen keinen Zweifel daran, dass es diese Anlaufstelle geben wird. Auch sie selbst und die beim Verband außerdem angestellte Sicherheitsfachkraft werde den Landwirten erhalten bleiben. Gewohnte Dienstleistungen, zum Beispiel Hilfe bei der Antragstellung für Betriebsmittel oder bei den Nährstoffvergleichen, soll es laut Claassen auch in Zukunft vor Ort geben.

Krawczyk will Bauern-Präsident werden

Für die Auflösung des Verbandes findet bis zum Jahresende noch eine Mitgliederversammlung statt. Dann müssen die Vermögenswerte aufgeteilt werden. „Eine langwierige Angelegenheit“ seufzt Krawczyk, „da gilt es viele rechtliche Vorgaben einzuhalten“. Doch wenn der 44-Jährige damit durch ist, kann er sich möglicherweise schon auf eine neue spannende Aufgabe freuen. Im September wird der Präsident des Sächsischen Bauernverbandes gewählt, Krawczyk hat seinen Hut in den Ring geworfen und ist bisher der einzige Bewerber. Die Landwirtschaft steht, das weiß Krawczyk, vor großen Herausforderungen. Konsumenten, Gesellschaft und Medien fordern Veränderungen im Umgang mit Pflanzen und Tieren. Krawczyk hat da vor allem erst einmal eine Lösung im Visier: „Wir müssen besser kommunizieren“, sagt er. „Wir müssen den Leuten klar machen, dass wir nicht alles falsch machen und dass Ökologie und ressourcenschonendes Arbeiten seinen Preis hat.“

Dass der Bewusstseinswandel in jede Sphäre Einzug halten muss, auch in die der Landwirtschaft, will er nicht leugnen. Was das betrifft, könnte die Zukunft der Landwirtschaft von der gemeinsamen Döbelner und Oschatzer Vergangenheit profitieren: „Die guten Ideen voneinander abschauen“ – das ist etwas, was Krawczyk aus der Arbeit in beiden Kreisen mitnimmt.

Kommentar: Bauernverband wagt die Zukunft

von Anna-Flora Schade

Dass der Bauernverband DöbelnOschatz sich zugunsten neuer Strukturen auflöst, ist eine nachvollziehbare Entscheidung. Die beiden Landkreise, in denen der Verband seit der Kreisreform agiert hat, haben unterschiedliche Rahmenbedingungen. Das gilt vor allem für die Sphären der Bürokratie. Doch auch die Natur macht einen Unterschied: Die Heide in Nordsachsen hat leichte Böden, sie sind trocken und können weniger Wasser speichern. Dürren und Hitzesommer machen den Landwirten hier so viel schneller zu schaffen als in Mittelsachsen. Auch hier verschiedene Themen, die Umstrukturierung ist sinnvoll. Doch auf welcher Seite der Reform bedingten Kreisgrenze das Feld nun auch liegen mag: Der Klimawandel trifft die einen möglicherweise schneller und härter als die anderen, aber am Ende geht er alle etwas an – vor allem die Landwirte. Trotz Einsatzes von Pestiziden, Ausstoß von Methangas und Monokultur ist die Sicht des Bauernverbandes richtig: Die Landwirtschaft alleine ist nicht schuld am Klimawandel, sie ist in erster Linie vielleicht sogar Leidtragende. Nichts desto weniger steht sie nun gemeinsam mit allen anderen Teilbereichen unserer Wirtschaft vor der dringenden Herausforderung, einen zeitgemäße Umgang mit Ressourcen zu finden – und uns, den Kunden, klar zu machen: Wer jetzt bezahlt, kauft mehr als nur das Produkt. Er kauft die Chance, für die Enkel und Urenkel in einem intakten Ökosystem zu leben – sei es nun in Mittel- oder in Nordsachsen.

anna.schade@lvz.de

Von Anna-Flora Schade und Olaf Büchel