Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Döbeln Eltern von Christian Morgenstern gestalten Erinnerungsort im Leisniger Garten
Region Döbeln Eltern von Christian Morgenstern gestalten Erinnerungsort im Leisniger Garten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:54 04.06.2019
Blumen-Rabatte als Erinnerungsort: hier wollen die Eltern eine Esche für ihren toten Sohn pflanzen. Quelle: Steffi Robak
Leisnig

Die Wiese am Haus muss gemäht werden. Susan Morgenstern hat zu tun im Garten. Wie jedes Jahr im Frühling wollen die üppig grünenden und blühenden Blumenbeete versorgt sein. In diesem Frühling, dem ersten ohne ihren verstorbenen Sohn Christian, kommt eine kleine Rabatte neu dazu. Ein Gedenkort mit Stiefmütterchen, die Schleife mit letztem Gruß vom Gedenkgottesdienst, eine von Christians Freunden angefertigte Kerze mit Regenbogen-Motiv. Ein Sonnenglas mittendrin. Das Solarpanel im Deckel sammelt tagsüber die Energie aus dem Sonnenlicht. Es beleuchtet das Glas in den finsteren Stunden.

Jemand war mit Christians Telefon im Haus

Die kommen unweigerlich wieder, denn die Todesumstände des Anfang Februar aus der Mulde geborgenen 20-Jährigen sind in den vergangenen Wochen immer unklarer geworden. Die Polizei hält an der These fest, der junge Mann habe sich am Neujahrsmorgen durch einen Sprung von der Fischendorf Brücke umbringen wollen. Die Recherchen von Eltern und Freunden ergeben: Dies ist immer unhaltbarer.

Fakt ist: Jemand war mit Christians Mobiltelefon am 2. und 7. Januar im Bereich vom W-Lan-Netz der Morgensterns. Den Ermittlungsbehörden ist das bekannt, und zwar schon seit Januar. Die Morgensterns wissen, sie haben nicht einmal in allen Räumen ihres Hauses W-Lan. „Es schlich also nicht irgendwer heimlich um das Haus, schon gar nicht Christian“, ist der Vater überzeugt. Er meint: Jemand Fremdes war mit dem Mobiltelefon da, und zwar innerhalb vom Wohngebäude. Wer alles in den Tagen der fieberhaften Suche im Haus war? Familie, Freunde, die Polizei… „Das wurde während der Ermittlungen alles aufgenommen“, sagt der Vater.

Es gibt ein Lächeln nach dem Tod

„Je mehr ermittelt wird, um so seltsamer wird alles“, sagt die Mutter. Vater Dirk Morgenstern ist sicher: Jemand mit näherem Wissen um die Todesumstände, ein in irgend einer Art Beteiligter, war mit dem Telefon im Haus, unmittelbar nach Christians Verschwinden, Wochen vor seinem Auffinden im Fluss - ein Toter mit seinem Telefon in der Hosentasche.

Selbst wenn das eigene Kind verloren geht, gibt es ein Lächeln nach dem Tod. Das allererste bleibt Unbeteiligten verborgen. Später lässt der, der den Verlust erlitt, irgendeins davon auch Fremde sehen - ohne sich selbst in Frage zu stellen: Darf ich mir das erlauben? Zu Christians Trauerfeier in der Kirche St. Matthäi, am 2. März, stand ein Vogelhäuschen am Eingang zur Kirche, daneben ein Satz auf einem Schild: Gott hat dir ein Gesicht gegeben. Lächeln musst du selber.

Der Vater hat das Spendengeld aus dem Trauergottesdienst für Naturschutzprojekte überwiesen. Im Garten von Christians Elternhaus gibt es einen Erinnerungsort für ihn.

Der Moment ist dann so simpel wie wundervoll: Ein Vogelpärchen steuert das Häuschen hoch oben über der kleinen Rabatte an. Die Elterntiere füttern schon emsig. „Darüber hätte sich Christian sehr gefreut“, ist Susan Morgenstern sicher. An dem Tag beobachtet sie das zum ersten Mal: Leben zieht ein in Christians Vogelhaus. Wenige Tage zuvor räumte die Familie seine Wohnung an seinem Studienort Bernburg. Nach und nach ordnet die Mutter jetzt Christians Sachen, nimmt jedes Stück noch einmal in die Hand – jedes Mal ein kleiner Abschied.

Christian wollte auch Vater werden

Die Mutter erinnert sich: Im Dezember hatte sie jedes ihrer drei Kinder gefragt, was mit ihrem eingelagerten Spielzeug werden soll. „Na, aufheben, haben alle gesagt. Christian wollte auch Vater werden“, sagt sie. In seinen Sachen findet sie schriftliches Material über verschiedene Naturschutz- Belange. Ein Vogelbestimmungsheft ist dabei. Es verrät: Bei den fütternden Vogeleltern im heimischen Garten handelt es sich um Gartenrotschwänzchen. Susan und Dirk Morgenstern rücken im Garten ein Stück weg vom Vogelhaus, um bei der Fütterung nicht zu stören, beobachten alles aus der Ferne. Wo heute das Vogelhäuschen auf dem Pfahl steht, soll eines Tages eine Esche in den Himmel wachsen. In Holland wird sie derzeit herangezogen – mit Christians Asche unter ihren Wurzeln.

An diesem Vormittag hat Dirk Morgenstern das Spendengeld von Christians Trauerfeier überwiesen an den Naturschutzbund. Mehr als 2000 Euro kamen zusammen. Im Sinne ihres Sohnes, der sich für den Naturschutz interessierte und engagierte, möchten sie das Geld verwendet wissen für einen Zweck, den ihr Sohn gut geheißen hätte. „Wir danken allen, die an dem Tag mit uns in der Kirche waren“, sagt Dirk Morgenstern, „und es sollen alle wissen, wohin das Geld gegangen ist.“

Mehr zum Thema

Die verbitterte Suche nach Christian Morgenstern

Es ist traurige Gewissheit – Polizei findet den Leichnam in der Mulde

Eltern haben Zweifel an der Suizid-These der Ermittler

Der Abschied von Christian in der Leisniger Kirche

Es ist ein weiterer Schritt der Trauerarbeit, dies für sich abgeschlossen zu haben. Nächste Schritte werden folgen, familiäre Anlässe, zu denen jemand anderes als der verstorbene Sohn die Aufmerksamkeit für sich beansprucht. „Wir müssen auch für Christians Geschwister da sein. Sie haben ein Recht auf die Aufmerksamkeit ihrer Eltern“, sagt die Mutter. Es gibt eine ältere, studierende Schwester. Der jüngere Bruder besucht noch die Schule. Es ist der Frühling seiner Konfirmation.

Trotz Zweifel: Polizei hält an Suizid-These fest

Während das Rotschwänzchen-Pärchen im sonnigen Frühlingsgarten beharrlich immer wieder das Vogelhaus anfliegt, zieht Dirk Morgenstern ein Fazit: „Zusammen mit der Familie und Freunden haben wir das in unserer Macht Stehende getan, um die polizeilichen Ermittlungen am Laufen zu halten und eigene Erkenntnisse beizusteuern.“ Eine Erkenntnis aus den vergangenen Monaten lautet: Die Polizei nimmt Hinweise auf, lässt die Eltern jedoch nicht an Erkenntnissen oder Ermittlungsstrategien teilhaben. Auch deshalb bleibt vieles unklar.

Die Eltern fanden heraus: Weder bei Christian selbst, noch an seiner Kleidung, seinem Auto, seinem Zimmer, seiner Wohnung, wurden irgendwelche Spuren von Drogen gefunden. Dubios bleibt, wer mit dem Mobiltelefon von Christian Morgenstern zweimal in dem Wohnhaus der Familie war. Welche Ermittlungsrichtungen nun weiter eingeschlagen werden, wissen die Eltern nicht. Eine ihrer drängendsten Fragen ist: Warum die Polizei an der These vom Suizid vehement festhält, obwohl die polizeibekannten Fakten erhebliche Zweifel aufwerfen. Und das schon im Januar.

Gegenüber LVZ.de verweist die Pressestelle der Polizeidirektion Chemnitz wiederholt auf ihre letzte offizielle Meldung, welche von Suizid ausgeht. Zuletzt gab die Staatsanwaltschaft die Akte Christian Morgenstern für weitere Ermittlungen an die Polizei mit Verweis darauf, dass deshalb keine Auskunft gegeben werden kann. Die Akte befindet sich noch immer dort.

Von Steffi Robak

Döbeln Sozialtarifvertrag für Belegschaft - Joyson Mockritz: Schließung mit Fangnetz

Teilerfolg für die Mitarbeiter bei Airbag-Zulieferer Joyson in Mockritz: Mit dem Warnstreik im Januar und den anschließenden Verhandlungen der IG Metall Riesa haben sie sich einen Sozialtarifvertrag erkämpft, der für bessere Abfindungen sorgt. Wer in andere Werke der Firma wechselt, ist zudem besonders geschützt.

04.06.2019
Döbeln Brache an der Leisniger Straße - Stadtgut: Harthaer fordern Mitspracherecht

Das Stadtgut in Hartha soll abgerissen werden. Unklar ist noch, was dem Erdboden gleich gemacht wird und was danach kommt. Harthaer erhoben nun ihre Stimme, um noch etwas zu retten.

04.06.2019
Döbeln Sportfest an der Grundschule - Bälle und Kinder fliegen in Großweitzschen

Tolle Leistungen bei großer Hitze: Am ersten echten Sommerschultag des Jahres traten die knapp 100 Schüler der Grundschule Großweitzschen zum Sportfest an und holten alles aus sich heraus. Ohne die Hilfe von einem Dutzend Eltern hätte das Fest aber gar nicht erst stattfinden können.

03.06.2019