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Döbeln Die DAZ-Reporter über ihre bewegendsten Recherchen im Jahr 2020
Region Döbeln

Die DAZ-Reporter über ihre bewegendsten Recherchen im Jahr 2020

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12:03 31.12.2020
Um die 300 Mal im Jahr erscheint die Döbelner Allgemeine Zeitung. Zahlreiche Artikel finden sich darin. Manche von ihnen blieben den DAZ-Reportern in diesem Jahr ganz besonders im Gedächtnis.
Um die 300 Mal im Jahr erscheint die Döbelner Allgemeine Zeitung. Zahlreiche Artikel finden sich darin. Manche von ihnen blieben den DAZ-Reportern in diesem Jahr ganz besonders im Gedächtnis. Quelle: dpa
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Um die 300 Mal erschien in diesem Jahr eine Ausgabe der Döbelner Allgemeinen Zeitung. Hinter den Artikeln stecken Geschichten von Menschen aus der Region – aufgeschrieben von Reportern aus der Region. Manche Artikel bleiben einem dabei länger im Kopf als andere. Fünf DAZ-Reporter erinnern sich zum Ende des Jahres an die Geschichten, die sie ganz besonders geprägt haben. Sie erzählen von persönlichen Momenten, der eigenen Furcht oder davon, dass es sich lohnt, tiefer zu graben. Es sind Geschichten von Familien, aus der Vergangenheit und bewegenden Schicksalen.

Auf dem Turm der Döbelner Nicolaikirche wird der riesige Weihnachtsstern aufgehängt. DAZ-Reporter Thomas Sparrer war dabei. Und das hatte eine ganz besondere Bedeutung für ihn. Quelle: Thomas Hanns

„Über Döbelns Dächern“ mit Thomas Sparrer

„Leuchtet unser Weihnachtsstern schon über Döbeln?“ Jedes Jahr vor dem ersten Advent fragte mich eine damals sehr gute Freundin per Telefon danach. Der Stern war für die fern von Döbeln Wohnende ein Stück Heimat auf dem heimischen Kirchturm. Ich schickte ihr dann immer per WhatsApp-Nachricht ein Foto von dem leuchtenden Stern. Zwischenzeitlich sind wir ein Paar und wohnen seit Jahren zusammen. Der Stern hat noch immer eine besondere Bedeutung für uns.

Und so war es mir ein ganz bedeutender Moment in diesem Jahr endlich einmal dabei zu sein und mitzumachen, wenn der 1,80 Meter im Durchmesser große Stern auf den Kirchturm kommt. Viele Jahre schon hatten mir Thomas Hanns und Erik Brendler davon erzählt und mich eingeladen, sie auf den Kirchturm zu begleiten. Seit nunmehr 30 Jahren lassen die beiden Freunde den Stern zur Weihnachtszeit über Döbeln leuchten. Dieses Jahr hat es geklappt. Und ich war nicht nur dabei. Ich durfte mitmachen und den Stern 75 Meter hoch oben im Kirchturm mit zusammenbauen und mit 200 Meter Angelsehne sturmfest sichern.

Nein, Höhenangst darf man dabei keine haben, wenn man mit kalten Fingern nach kleinen Schräubchen tastet, welche die einzelnen Zacken des Sternes zusammenhalten. Der Ausblick auf die Stadt ist aus der so genannten Laterne des Kirchturmes atemberaubend. Ich möchte nächstes Jahr gern wieder mithelfen. Und ich weiß noch jemanden, der unbedingt auch dabei sein möchte, wenn „unser Weihnachtsstern“ wieder auf den Kirchturm kommt.

Hier geht’s zur Geschichte: „Der Stern von Döbeln“

Ein Blumenmeer erinnerte an den plötzlich verstorbenen Roßweiner Allgemeinmediziner Clemens Otto. Das Geschehene traf auch DAZ-Reporterin Manuela Engelmann-Bunk. Quelle: Sven Bartsch

„An der Grenze“ von Manuela Engelmann-Bunk

Es gibt Ereignisse, von denen erfährt kein Lokal-Reporter gern. Wenn ein Mensch stirbt, dessen öffentliche Bekanntheit eine Nachricht in der Zeitung rechtfertigt, beispielsweise, und man dann seiner Informationspflicht nachkommen muss. Als ich vom plötzlichen Tod von Clemens Otto erfuhr, der in Roßwein als Allgemeinmediziner lange Zeit eine Praxis mit hunderten Patienten betreute, hat mich diese Nachricht zuallererst ganz persönlich, als Privatperson, nicht als Reporter getroffen. Gerade mal 48 Jahre jung war der sympathische Arzt, den ich im Rahmen seiner Praxis-Neueröffnung kennengelernt hatte. Immer mal wieder begegneten wir uns dann im Alltagsgeschäft. Er war ein aufgeschlossener Mensch, es war immer angenehm, sich mit ihm zu unterhalten. Clemens Otto war Ehemann, Vater eines kleinen Jungen, der so alt ist wie meine eigene Tochter. Der Gedanke an das Schicksal der Familie hat mir regelrecht den Magen umgedreht und die Schleusen geöffnet.

Wie gehen wir jetzt damit um? Wie machen wir unseren Job, ohne dabei Grenzen zu überschreiten? Das ist oft die Frage aller Fragen für uns Zeitungsmacher. Sie zu beantworten, ist mir unendlich schwer gefallen. Am liebsten hätte ich mich eingegraben, die Gedanken an dieses so unwirkliche, traurige Ereignis weit weggeschoben, genauso wie die in diesem Zusammenhang immer wieder präsenten Ängste, dass die eigene Familie einen solchen Schlag erleiden könnte. Meine Arbeit hat das nicht zugelassen. Gespräche mit den Kollegen, der Familie, Freunden haben mir geholfen – einen Weg zu finden, meiner beruflichen Pflicht nachzukommen ohne dabei meine ganz persönliche Auffassung zum Umgang mit solchen Schicksalen in der Öffentlichkeit über Bord werfen zu müssen.

Hier geht’s zur Geschichte: „Trauer in Roßwein“

Durch einen Zufall stößt DAZ-Reporterin Stephanie Helm auf das Schicksal von Familie Weigelt aus Kattnitz. Die damals einjährige Tochter Mia leidet an Mukoviszidose. Quelle: Sven Bartsch

„Terrakotta-Töpfe“ von Stephanie Helm

Im April dieses Jahres hatte ein paar Lavendelpflanzen, die ich einpflanzen wollte. Bei eBay Kleinanzeigen stieß ich auf eine Anzeige. Jemand bot zahlreiche Pflanztöpfe aus Terrakotta an. Ich machte mich auf den Weg nach Kattnitz, etwa vier Kilometer von Ostrau entfernt. Isabell Weigelt empfing mich am Hoftor. Während ich mir einige der Töpfe aussuchte, erzählte sie mir, warum sie all die vielen Blumentöpfe verkaufte. „Meine Tochter ist krank. Sie hat Mukoviszidose. In den Blumentöpfen sammeln sich Bakterien und Keime, die für meine einjährige Tochter gefährlich werden können.“

Auf dem Heimweg, im Kofferraum die Terrakotta-Töpfe von Isabell Weigelt, ließ mich die Geschichte der Familie nicht los. Ich fuhr rechts ran, rief erneut die Blumentopf-Anzeige auf und schrieb eine weitere Nachricht: „Eure Geschichte hat mich sehr berührt. Ich glaube, sie würde auch andere Menschen berühren. Ich möchte gern darüber schreiben.“ Die Antwort dauerte nicht lange. Isabell Weigelt war einverstanden.

Wenig später besuchte ich die Familie wieder in Kattnitz. Auf dem Hof standen noch immer ausrangierte Blumentöpfe. Auf die selbe Weise, wie mich Isabell Weigelt und ihr Mann in ihr Wohnzimmer ließen, ließen sie mich auch in ihr Leben. Sie erzählten viel, manchmal durcheinander. Jeder von ihnen wollte etwas beitragen. Diese Familie hatte etwas zu sagen. Mit zu vielen Missverständnissen mussten sie sich herumschlagen, zu viele Schlachten kämpfen. Jetzt wollten sie einfach nur erzählen. Und das taten sie. Und ich hörte zu.

Wieder Zuhause flossen die vielen Zeilen, die ich über die Weigelts schrieb, nur so aus mir heraus. Jetzt war ich es, die etwas zu erzählen hatte. Die Geschichte dieser Familie. Von der ich durch einen Zufall erfuhr. Die ich aber unter keinen Umständen nicht hätte erzählen können.

Hier geht’s zur Geschichte: „Unsichtbare Monster“

Im August steig eine gelbe Wolke über Leisnig auf. DAZ-Reporterin Steffi Robak recherchierte vor Ort. Der Fall lässt sie bis heute nicht los. Quelle: Privat

„Unsicherheit nach Chemiehavarie“ von Steffi Robak

Am Freitag, 21. August, steigt morgens eine gelbe Wolke über Leisnig auf. Sie kommt von der ehemaligen Schnallenfabrik an der Weststraße. Vor Ort: Viele Feuerwehrleute, viele Polizisten. Am Rande des Geschehens Gespräche: Was machen wir jetzt. Das Bild vermittelt: Die Lage ist unter Kontrolle. Spezialkräfte messen in der Luft, später wird das ganze Gebäude weggerissen, Erdreich weiträumig ausgebaggert. Es ist zunächst vor allem eins: Spannend. Wie dort etwas eine derartige Chemiehavarie auslösen konnte, und wem das Gelände gehört – ist schwer herauszubekommen. Manches ist bis heute offen.

Was mich bewegt: In der für die Bürger unklaren Situation verbreitet sich eine kollektive diffuse Unsicherheit. So kommt die Frage auf, ob die Gärtner noch ihr Gemüse essen können. Es wird „nach oben“ geschaut, zu einer Behörde, die eine öffentliche Empfehlung abgibt. Bürger rufen besorgt beim Bürgermeister an - die nächste greifbare Behörde. Doch auch im Rathaus wird gewartet auf die Ergebnisse der Spezialeinheit, einen Tag, drei Tage, zwei Wochen… und auf eine konkrete Einschätzung der Gefahrenlage seitens einer Fachbehörde. Es wird geraten zu besonnenem Umgang mit der Situation.

Die selbst angebauten Tomaten, Erdbeeren, Möhren sind plötzlich ein schützenswertes Gut, über dessen Verzehr eine übergeordnete Institution urteilen soll. Wie so oft verbergen sich unter den scheinbaren Banalitäten des Alltags die Katastrophen, denn es geht um mehr als Gurken und Tomaten. War die Wolke giftig, wenn ja, wie gefährlich war das in dem Moment und später? Das ist es, was die Bürger schnell wissen möchten in unsicheren Zeiten. Wenn das nicht schnell geschehen kann, bleibt dieses ungreifbare Unbehagen. Und das beschäftigt mich - auch noch lange nach dem Ereignis.

Hier geht’s zur Geschichte: „Gelber Rauch über der Stadt“

Im ersten Moment war es nur der Abriss eines alten Hauses. Doch während seiner Recherche stößt DAZ-Reporter Dirk Wurzel auf immer neue Erkenntnisse. Was er erfährt, ändert seinen Blick auf die Geschichte. Quelle: Sven Bartsch

„Mehr als eine Bruchbude“ von Dirk Wurzel

Für mich als Nicht-Waldheimer war der Vereinshof immer nur eine Ruine. Eine Bröckelbude, von der Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht. Ein Schandfleck, wie der Gawari. Ist doch gut, wenn die Stadt diese über eine Ordnungsmaßnahme des Landkreises los wird, dachte ich mir. Aber die alteingesessenen Waldheimer verbinden viel mehr mit diesem Gebäude. Das lernte ich schnell, etwa nach einem Telefonat mit einem Mitarbeiter des Ordnungsamtes, mit dem ich eigentlich nur über die Straßensperrung während des Abrisses sprechen wollte.

Und so begann eine Recherche, die mich zunächst zu Fotofreunden führte, die Bilder aus dem Inneren des Vereinshofes hatten und zur Verfügung stellen konnten – dafür noch mal vielen Dank! Im Grünen Bambus am Niedermarkt erzählten mir Birgit und van Tuan Doan dann die Geschichte des Vereinshofes als Jeansfabrik von Waldheim. Und auch, wie dort Deutsche und Vietnamesen zusammen kamen, zusammen feierten, zusammen lebten. Das passte gar nicht so recht zu dem, was ich in Fernsehdokumentationen über das angeblich abgeschottete Leben der vietnamesischen Vertragsarbeiter gesehen hatte. So hat die Recherche über einen Abschnitt der Historie des Vereinshofs mein Geschichtsbild korrigiert.

Und dann meldete sich Zsuzsanna Thieme und erzählte, wie die Duschen in den Vereinshof kamen: Durch ungarische Vertragsarbeiter, die vor den Vietnamesen dort lebten und sich für die Brausebäder einsetzten...

Hier geht’s zur Geschichte: „Als Vietnamesen im Vereinshof Niethosen nähten“

Von DAZ