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Döbeln Döbelner Tafel versorgt in Hartha Hilfsbedürftige: Was führt sie her?
Region Döbeln Döbelner Tafel versorgt in Hartha Hilfsbedürftige: Was führt sie her?
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16:58 15.02.2018
Döbelner Tafel: Ausgabe in Hartha, Lutherhaus Pfarrgasse Quelle: Manuel Niemann
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Hartha

Donnerstagvormittag, kurz vor 13 Uhr: Es ist kalt, die Händler auf dem Wochenmarkt um die Ecke haben bereits gepackt. In der Pfarrgasse vor dem Lutherhaus wartet ein loses Trüppchen, dass der Kastenwagen der Döbelner Tafel vorfährt: Einzelpersonen, aber auch Familien sind dabei. Kinder, dick eingepackt, mit ihren Müttern oder Großeltern, darunter auch ein paar Familien, die nach Deutschland eingewandert sind. Unter anderem aus Georgien, stellt sich beim Gesprächsversuch raus. Zwei Bollerwagen und ein Einkaufstrolley stehen an der Hauswand bereit. Drinnen markieren die an einer aufgehängten Permanenttragetaschen die Reihenfolge, in der es gleich zur Ausgabe der Lebensmittel geht. Doch zunächst heißt es warten.

Teurer Joghurt kann schon eine Freude sein

Nachdem vereinbart ist, dass keine Namen genannt werden, sprechen die Menschen erstaunlich offen darüber, was sie herführt: „Weil Deutschland ein armes Land ist“, kann sich eine ältere Frau nicht verkneifen und schimpft auf „die Politiker“. Dann erzählt sie den Grund: „Weil wir Hartz 4 beziehen und nicht so viel Geld haben.“ Sie hat nur Grundsicherung und das Angebot der Tafel helfe auszukommen. Eine andere Frau, auch bereits älter, pflichtet ihr bei: „Es hilft wirklich.“ Sie sagt, hier bekomme sie auch einmal den „teuren Joghurt“, an dem sie im Supermarkt vorübergehe. Eine kleine Freude, wie auch für die Kinder immer etwas Besonderes gebe. Zu Weihnachten hatten die Mitarbeiter sogar Beutel für die Kinder gepackt.

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Bis zu 30 Kunden sind es regelmäßig

„Die Zahlen sind in Hartha relativ gleich geblieben“, sagt Marion Sommerfeldt, die für das Netz-Werk Mittweida, die Döbelner Tafel und auch die Harthaer Außenstelle leitet. Zumindest in dem halben Jahr, in dem das Netz-Werk diese nun betreibt. Die Menschen am Lutherhaus bestätigen das. Hier sei es familiär, 20 bis 30, die regelmäßig kommen, unabhängig vom Wetter.

Alleinerziehend oder krank zu sein, steigert Risiko arm zu sein

„Man kommt da nicht weg“, erzählt Martin* (Name geändert) darüber, wie es ist, arm zu sein. Nicht einmal einen Dispo bekomme er. Er ist Musiker, 60, spielte vor der Wende in einem großen Orchester, danach wurde es schwer. Er schlage sich noch immer im Nebenverdienst durch, aber viel bleibe nicht. Er sei nicht der typische Tafelgänger: „Zuerst war es ungewohnt, weil man denkt, man steigt ab.“ Dann kannte er die Leute vom Sehen, grüßte sie. Mittlerweile fühle er sich hier anerkannt. Und wenn er Waren für circa 30 Euro, überschlägt er, für fünf Euro mitnehmen könne, merke er das sofort. Über den Monat seien das 100 Euro, die er spare. „Die Tafel ist wichtig“, sagt er auch mit Blick auf die anderen. Alleinerziehende seien von Armut bedroht, viele Väter zahlten nicht, ebenso bergen Krankheiten die Gefahr, bedürftig zu werden.

Berufsunfähige müssen mit wenig Geld auskommen

Er stellt eine Frau vor: Sie war Fernverkehrsfahrerin. Nach einem Unfall beim Verladen wurde sie berufsunfähig, musste um Arbeitslosengeld kämpfen bis sie ihre Berufsunfähigkeitsrente bekam. In fünf Jahren drohe ihr der Rollstuhl, der Unfall zerstört ihren Körper weiter, sagt sie. Ähnlich ergeht es einem anderen der Wartenden. Er ist Frührentner, auch er ist berufsunfähig. Früher war er Transportarbeiter, konnte Lasten stemmen, jetzt sei sein Körper kaputt. Wie alt er ist? „Steinalt“, scherzt er. „Jemand der ’71 geboren ist, der kommt aus der Steinzeit.“ Er ist 47 Jahre alt.

Von Manuel Niemann

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