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Döbeln Einst vertrieben, heute Herrin des Mochauer Küsterhauses – Regina Bonk wird 80
Region Döbeln Einst vertrieben, heute Herrin des Mochauer Küsterhauses – Regina Bonk wird 80
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10:02 11.08.2019
80 Jahre und froh über jedes Lebensalter: Regina Bonk feiert am Sonntag Geburtstag. Quelle: Sven Bartsch
Mochau

Am morgigen Sonntag wird Regina Bonk 80 Jahre alt. Im Interview mit der DAZ spricht die Initiatorin und Leiterin des Heimatmuseums im Küsterhaus Mochau über die Vertreibung aus Schlesien, die neue Heimat Mochau, Zufriedenheit im Leben und warum sie sich keine Sorgen um ihre Nachfolge macht.

Frau Bonk, der große Tag steht bevor, freuen Sie sich auf den 80. Geburtstag oder erschreckt Sie die große Acht eher?

Regina Bonk: Weder noch. Ich sehe mein Leben als großen Wohlstand. Ich habe vom Hunger bis zum größten Wohlstand alles erlebt, habe eine schöne Wohnung, kann noch Auto fahren. Was wollen wir noch mehr? Ich muss diese Frage mal für alle stellen, denn diese allgemeine Unzufriedenheit gefällt mir gar nicht.

Kommt diese innere Ruhe aus den Erfahrungen eines langen Lebens?

Das kann sein. Wir wurden 1946 aus Schlesien vertrieben, ich war sieben Jahre alt. Im August waren wir in einem Aufnahmelager in Leipzig, im September bin ich in Mochau in die Schule gekommen. Und das ist meine Kindheit hier gewesen und ich habe gemerkt, ich finde mich hier zurecht. Und inzwischen bin ich mehrfach dort gewesen. Eine junge Familie hat inzwischen das Haus übernommen und baut alles ganz toll aus. Da bin ich glücklich und zufrieden. Da kann man sagen, ich habe meinen Frieden damit gemacht.

Haben Sie Erinnerungsstücke aus der alten Heimat mit in die neue gebracht?

Als Kind nicht, aber als wir später wieder dort waren, bin ich in den Wald gegangen und habe dort eine Erdbeere gestohlen als Erinnerung. Und von der Schlosstreppe eines alten Herrensitzes in der Nähe habe ich mir einen Stein mitgebracht. Auf dem Hof meiner Oma wurde fast alles weggerissen, da steht nur noch ein alter Pflaumenbaum. Aber als wir 1974 das erste Mal wieder dort waren, hieß es noch ,Deutsche Schweine raus!’. Das hat sich inzwischen geändert.

Hatten Sie schon immer den Drang, Erinnerungen zu bewahren und Dinge aufzuheben?

Ich dokumentiere alles (lacht). Die Familienchronik habe ich nach beiden Seiten gemacht. Aber das hat erst in meinem zweiten Job angefangen. Mir war das gar nicht so bewusst, aber meine Kolleginnen haben immer gesagt, ,Du hast schon immer alles festgehalten’.

Regina Bonk in ihrer zusammengetragenen Ausstellung Quelle: (Archiv) Sven Bartsch

Was war der erste Job?

Ich habe Pelznäherin in Döbeln gelernt in der Kürschnerei Arthur Böttger in der Fronstraße/Ecke Kreuzstraße. Zwölf Jahre habe ich dort gearbeitet, dann kamen meine Kinder. Dann wurde ich Krippenerzieherin in Mochau und bin es 30 Jahre lang geblieben. Das war gar nicht so gewollt. Ich habe für eine schwangere Erzieherin ausgeholfen, als meine Kinder in der Krippe waren. Später habe ich dann die Ausbildung nachgeholt. Ich habe den Beruf immer mit Liebe ausgeübt und wenn ich noch mal auf die Welt komme, mache ich es wieder (lacht).

Und wie ging es dann mit der Sammelleidenschaft fürs Küsterhaus los?

Die alten Möbel von den Großbauern haben mich schon als Kind fasziniert. Damals haben wir für die Bauern Rüben gezogen und dann standen da diese riesigen, tollen Kommoden und Buffets. Als bei der Heizerin der Krippe das Haus umgebaut wurde, sah ich ein heute 200 Jahre altes Buffet, das sie als Werkzeugschrank nutzte und habe es bekommen. Ich konnte dann einen Raum in dem blauen Haus nutzen, in dem heute die Zahnärztin ihre Praxis in Mochau hat. Und immer wenn ich ein altes Stück wie ein Waschbrett oder sowas gesehen habe, habe ich gefragt, ob ich das haben kann und dort eingestellt.

Die eigentliche Heimatstube im Küsterhaus nahm aber erst nach Ihrer Berufstätigkeit Formen an?

Genau – ich bin 1999 in Rente gegangen und habe dann ein paar Jahre für mich gelebt, mich um meine Enkel und den Riesengarten gekümmert. Die Idee mit der Heimatstube kam mir 2004. Der Heimatverein Mochau sprach den Kirchenvorstand an und der erlaubte es, einen Raum im Küsterhaus zu nutzen. Ich habe mir dann oben einen Saal eingerichtet. Das war der einzige, in dem es noch Dielen gab.

Schon eine Perle im Dorfbild. Das Küsterhaus in Mochau zeigt sich von seiner schönen Seite. Quelle: Olaf Büchel

Letztlich haben Sie dann doch das ganze Haus mit Sammlerstücken gefüllt. Wie kam es dazu?

Richtig gebaut wurde am Haus ab 2006. Der damalige Bürgermeister Gunter Weber, viele Ehrenamtliche und der Bauhof haben mich unterstützt. Sonst wäre es gar nicht gegangen. Da wurde schubkarrenweise Schutt herausgefahren. Durch die Wände konnte man zum Teil durchsehen. Ich habe angefangen, Jubelkonfirmationen und Erntedankfeste zu organisieren, um Geld einzunehmen. Und so haben wir schließlich Raum für Raum saniert. Es wurde wieder mit Lehm geputzt und einige Balken mussten ersetzt werden. 2011 war dann die Einweihung und dann haben wir auch angefangen, Besucher reinzulassen.

Und jetzt ist das Haus fertig und voll?

Für große Dinge ist kein Platz mehr. Zuletzt habe ich noch einen Ordner mit dem Lebenslauf unseres Musikers Karli Börner angelegt. Dafür habe ich auch extra noch mal sein Wohnhaus fotografieren lassen. Ich bin dankbar, dass alles so fertig geworden ist. Aber kleine Sachen nehme ich noch an. Einmal kam ein Besucher und meinte, es fehlt noch eine Knochenpresse. Damit wurden früher Eintopfknochen nach dem Kochen gepresst und das bekamen dann die Hühner. Einen Zeitungsartikel später hatte ich zwei davon. Und vielleicht kommt mal wieder einer und sagt, das oder das haben Sie noch nicht.

Immer wieder führt Regina Bonk interessierte Gruppen durch das Heimatmuseums und erzählt über die Heimatgeschichte. Quelle: (Archiv) Sven Bartsch

Sie haben schon mehrfach betont, dass Sie das Küsterhaus noch weiter betreuen wollen. Dennoch muss es irgendwann einen Nachfolger geben. Beunruhigt Sie das, dass da noch niemand ist?

Nein, ich denke, da findet sich jemand. Viele haben Angst, sich den Hut aufzusetzen, dabei ist alles fertig und die Ausstellung auch komplett beschrieben. Wenn Gäste kommen, muss man einen Tag vorher fegen und die Stühle hinstellen, die Blumenrabatte muss gepflegt werden, aber das war es auch. Wer mir nachfolgt, kann aber auch gern ganz eigene, neue Ideen reinbringen. Wenn ich mal gehe, dann ganz. Ich gebe die Schlüssel ab und gehe nicht mehr hin. Mein Leben ist nicht nur Küsterhaus. Ich organisiere die Spielenachmittage einmal im Monat und zwei Seniorenfahrten pro Jahr. Ich gehe auch gern in Konzerte und reise viel, besonders nach Tirol und in die Berge überhaupt. Ansonsten kann ich auch sehr gut mit mir allein sein.

Das dürfte zu Ihrem Ehrentag morgen schwierig werden. Wie ist die Feier geplant?

Ich feiere im Sportlerheim Mochau. Laufgäste kommen vormittags zum Frühstück und nachmittags feiere ich mit der Familie. Das sind vielleicht 20 geladene Gäste. Allerdings hatte ich meinen 70. auch im kleinen Rahmen geplant und dann waren doch abends noch 40 Leute da. Bis heute kommen noch frühere Krippenkinder von mir, laden mich zu Geburtstagen und Hochzeiten ein.

Haben Sie einen Wunsch zum Geburtstag?

Ich habe keinen Wunsch, nur das alles gut klappt. Und die Leute sollen keine Blumensträuße mitbringen. Stattdessen eine Blume mit einem kleinen Zettel dran, von wem sie ist. Dann habe ich am Ende zwei schöne Sträuße und abends viel Spaß herauszufinden, von wem welche Blume kommt.

Von Sebastian Fink

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